VW-Abgasaffäre: Hat Volkswagen auch beim CO2 geschummelt?

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VW-Abgasaffäre: Hat Volkswagen auch beim CO2 geschummelt?

, aktualisiert 04. November 2015, 16:12 Uhr
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Die Probleme für den VW-Konzern reißen nicht ab.

von Sebastian Schaal

Die Probleme für VW reißen nicht ab: Mit den "Unregelmäßigkeiten" bei CO2-Angaben erhält die Abgasaffäre eine neue Dimension – auch wenn es offenbar keine technische Manipulation war. Die wichtigsten Fakten im Überblick.

Wo hat Volkswagen jetzt geschummelt?

Am Dienstagabend hat der Konzern selbst mitgeteilt, man habe bei internen Untersuchungen "Unregelmäßigkeiten bei CO2-Werten" festgestellt. Demnach könnten nach dem derzeitigen Kenntnisstand rund 800.000 Fahrzeuge des Konzerns betroffen sein, unter anderem von den Marken VW, Audi, Seat und Skoda. Die Untersuchungen im Zuge der Abgasaffäre um manipulierte Stickoxid-Werte haben also erste Ergebnisse gebracht – wenn auch nicht die, die VW sich sicher erhofft hat.

Damit hat die Abgasaffäre eine neue Dimension erreicht – und geht soweit von der ursprünglichen Manipulation weg, dass es fast als zweiter Fall bezeichnet werden könnte. Bisher drehte sich die Affäre ausschließlich um NOx, also um als Umweltgift wirkende Stickoxide, die die Atemwege des Menschen und die Natur belastet. Die jetzt eingeräumten Probleme bei den CO2-Werten sind neu und technisch eine andere Baustelle.

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VW US-Behörde untersucht mögliche Vertuschung von Sicherheitsmängeln

Für Volkswagen wird die Lage in den USA immer bedrohlicher: Die Verkehrssicherheitsbehörde überprüft, ob VW Sicherheitsprobleme und technische Mängel verschwiegen hat. Den Wolfsburgern drohen Milliardenklagen.

Quelle: dpa

Wie hat VW geschummelt?

Das ist noch nicht klar – und auch ob man überhaupt von "schummeln" sprechen kann. Eine behördliche Untersuchung gibt es bislang nicht, es gibt nur die Aussage des Unternehmens selbst. VW schreibt, man habe festgestellt, dass es "bei der Bestimmung des CO2-Wertes für die Typzulassung von Fahrzeugen zu Unregelmäßigkeiten" gekommen sei. Welcher Natur diese Unregelmäßigkeiten sind, teilte Volkswagen nicht mit. Lediglich dass die Angaben für den Kohlendioxidausstoß – und damit auch den Spritverbrauch – von der Motorabteilung offenbar zu niedrig angesetzt waren. Mit diesen Werten haben die betroffenen Modelle dann ihre Typzulassung bekommen. Und nach den dort angegebenen Werten richtet sich in zahlreichen Ländern die Kfz-Steuer.

Der VW-Abgas-Skandal im Überblick

  • 18. September

    Die US-Umweltbehörde EPA teilt in Washington mit, Volkswagen habe eine spezielle Software eingesetzt, um die Messung des Schadstoffausstoßes bei Abgastests zu manipulieren. In den Tagen darauf wird klar, dass weltweit Fahrzeuge von VW und der Töchter betroffen sind – darunter auch Audi und Porsche. Die VW-Aktie bricht ein.  

  • 23. September

    VW-Chef Martin Winterkorn tritt nach einer Krisensitzung der obersten Aufseher zurück. Die Staatsanwaltschaft Braunschweig prüft die Einleitung eines Ermittlungsverfahrens gegen VW. Anlass dafür seien auch eingegangene Strafanzeigen von Bürgern, heißt es.

  • 24. September

    Der VW-Aufsichtsrat tagt. Nach langer Sitzung beruft das Gremium Porsche-Chef Matthias Müller zum neuen Konzernchef und trifft einige weitere Personal- und Strukturentscheidungen. Verantwortliche Motorenentwickler werden beurlaubt.

  • 28. September

    Nach mehreren Strafanzeigen startet die Braunschweiger Staatsanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren wegen Betrugsvorwürfen. Entgegen einer ersten Pressemitteilung der Staatsanwaltschaft Braunschweig gibt es keine Ermittlungen gegen Ex-Chef Martin Winterkorn persönlich.

  • 1. Oktober

    Das Aufsichtsrats-Präsidium beschließt, Hans Dieter Pötsch per registergerichtlichen Anordnung in den Aufsichtsrat zu berufen. Das ist möglich, weil mehr als 25 Prozent der Aktionäre Pötsch favorisiert haben. Die Familien Porsche und Piëch, die Pötsch gegen die Bedenken des Landes Niedersachsens und der Arbeitnehmer durchgesetzt haben, halten über die Porsche SE rund 52 Prozent der VW-Anteile. Julia Kuhn-Piëch, die erst dieses Jahr nach dem Rücktritt von Ferdinand und Ursula Piëch in das Kontrollgremium aufgerückt war, verlässt den Aufsichtsrat wieder.

  • 6. Oktober

    Es ist klar, dass die betroffenen VW-Fahrzeuge in die Werkstatt müssen, damit die Schummel-Software verschwindet. Bei einigen Motorenwerden die Techniker selbst Hand anlegen müssen. Eine Rückruf-Aktion, so wird es am nächsten Tag bekannt werden, soll 2016 starten. Die geschäftlichen und finanziellen Folgender Krise sind nicht absehbar. Die Kosten der Abgas-Affäre werden jedoch enorm sein. Der neue Chef muss sparen: "Deshalbstellen wir jetzt alle geplantenInvestitionen nochmal auf denPrüfstand", kündigt Müller an.

  • 15. Oktober

    Das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) ordnet einen verpflichtenden Rückruf aller VW-Dieselautos mit der Betrugssoftware an. In ganz Europa müssen 8,5 Millionen, in Deutschland 2,4 Millionen Wagen in die Werkstatt. VW hatte eine freiwillige Lösung angestrebt.

  • 28. Oktober

    Der Skandal beschert dem Konzern im dritten Quartal einen Milliardenverlust. Vor Zinsen und Steuern beläuft sich das Minus auf rund 3,5 Milliarden Euro.

  • 3. November

    Der Skandal erreicht eine neue Dimension. VW muss - nach weiteren Ermittlungen der US-Behörden - einräumen, dass es auch Unregelmäßigkeiten beim Kohlendioxid-Ausstoß (CO2) gibt. Rund 800.000 Fahrzeuge könnten betroffen sein. Die VW-Aktie geht erneut auf Talfahrt.

  • 20. November

    Der Diesel-Skandal in den USA weitet sich aus. Erneut. Es seien mehr Drei-Liter-Diesel der Marken Volkswagen und Audi betroffen, als bislang angenommen, erklärt die US-Umweltbehörde EPA. Die Autobauer bestreiten dies zunächst. Wenige Tage später, am 24. November, müssen sie allerdings  einräumen, ein sogenanntes „Defeat Device“ nicht offengelegt zu haben. Die Software gilt in den USA als illegal.

    Die Auswirkungen des Skandal zwingen VW zudem zum Sparen: VW fährt die Investitionen für das kommende Jahr runter. 2016 sollen die Sachinvestitionen um eine Milliarde Euro verringert werden. „Wir fahren in den kommenden Monaten auf Sicht“, sagt VW-Chef Müller. Weitere Ausgaben bleiben auf dem Prüfstand.

  • 24. November

    Neuer Ärger für Volkswagen: Die Staatsanwaltschaft Braunschweig ermittelt nun auch wegen mögliche Steuerhinterziehung im Zusammenhang mit falschen CO2-Angaben. Die könnten dazu geführt haben, dass zu wenig Kfz-Steuer gezahlt wurde.

  • 25. November

    Zumindest etwas Positives für die Wolfsburger: Zur Nachrüstung der millionenfach manipulierten Dieselmotoren mit 1,6 Litern Hubraum in Europa reicht nach Angaben von Volkswagen ein zusätzliches, wenige Euro teures Bauteil aus. Bei den 2,0-Liter-Motoren genügt ein Software-Update. Das Kraftfahrtbundesamt genehmigt die Maßnahmen. Auch wenn VW keine Angaben zu den Kosten macht – es hätte schlimmer kommen können.

Ob es aber um ein "Defeat Device" wie bei der NOx-Manipulation geht oder um eine andere Unregelmäßigkeit – der NEFZ erlaubt zahlreiche Modifikationen, bei denen VW die Grenzen zu weit ausgelegt haben könnte – ist noch nicht vollständig klar. Wie die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" schreibt, handle sich nach Einschätzung der internen Revision "nicht um einen technischen Defekt oder einen Eingriff in die Software, sondern schlicht um betrügerische Angaben". 

Warum sind den Prüfbehörden die falschen Werte nicht aufgefallen?

Diese Frage konnte das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA), das in Deutschland für die Abnahme neuer Automodelle zuständig ist, zunächst einmal nicht beantworten. „Das ist jetzt zu klären. Da befinden sich die Kollegen in einer Phase des Erkenntnisgewinns“, sagte ein Sprecher. Die Messungen des CO2-Ausstoßes würden von sogenannten technischen Diensten durchgeführt. Dazu gehören unter anderem TÜV und Dekra. Von welchem Dienstleister die Gutachten zu den betroffenen Modellen erstellt wurden, konnte der Sprecher nicht sagen.

Welche Motoren sind dieses Mal betroffen?

Im Rahmen der gerade laufenden Überprüfungen aller Prozesse und Abläufe bei Dieselmotoren sei aufgefallen, dass bei der CO2-Zertifizierung einiger Fahrzeugmodelle zu niedrige CO2- und damit auch Verbrauchsangaben festgelegt wurden. Das sagt VW offiziell – nach Informationen der WirtschaftsWoche hat aber ein Whistleblower den Fall intern bekannt gemacht.

Auch beim EA288 – also dem aktuell eingesetzten Nachfolger des Skandalmotors EA189– soll es die Unregelmäßigkeiten geben. "Betroffen sind ganz überwiegend Fahrzeuge mit Dieselmotoren", so die Mitteilung. Ganz überwiegend heißt aber nicht ausschließlich: Während die Benziner in dem Stickoxid-Skandal als unbelastet galten, ist bei der CO2-Unregelmäßigkeit auch mindestens ein Otto-Motor betroffen. Vor dem Bundestag sagte Verkehrsminister Alexander Dobrindt, dass auch 98.000 Benziner betroffen seien.

Dem Vernehmen nach handelt es sich dabei um eine Variante des beliebten 1.4 TSI-Motors, allerdings nur die Ausführung mit Zylinderabschaltung. Diese Variante des intern EA211 genannten Motors ist nicht so weit verbreitet wie die Basis ohne die ACT-Zylinderabschaltung. Pikant ist der Fall dennoch – gerade die Zylinderabschaltung sollte besonders sparsam und umweltfreundlich sein. Im Jahr 2013 wurde der EA211 mit ACT noch als "Engine of the Year" in der Klasse zwischen 1,0 und 1,4 Litern Hubraum ausgezeichnet.

Volkswagen-Abgasskandal VW-Aktie stürzt nach neuen Vorwürfen massiv ab

Anleger fliehen nach neuen Enthüllungen aus der VW-Aktie: An der Börse verlor das Papier zeitweise mehr als zehn Prozent. Verkehrsminister Dobrindt fordert vom Konzern eine Lösung "die den VW-Kunden nicht belastet".

Hunderttausende VW-Autos könnten mehr CO2 ausgestoßen und damit mehr Sprit verbraucht haben als vom Hersteller angegeben. Quelle: dpa

Wie teuer wird die aktuelle Manipulation?

Volkswagen beziffert die "wirtschaftlichen Risiken" auf rund zwei Milliarden Euro. Allerdings spricht der Konzern selbst von einer "ersten Schätzung". Was noch kommt und ob sich die CO2-Unregelmäßigkeit innerhalb weniger Tage ebenso ausweitet wie der Stickoxid-Skandal, ist wohl selbst der Chefetage in Wolfsburg noch nicht ganz klar. Bei der aktuell genannten Summe und 800.000 betroffenen Fahrzeugen wären das rund 2500 Euro pro Auto, mit denen VW kalkuliert. Ein nicht unerheblicher Teil dieser Summe könnte für Steuernachzahlungen draufgehen. Die Kfz-Steuer richtet sich in Deutschland nach dem CO2-Ausstoß. Wenn diese, wie geschehen, verfälscht wurden, muss auch die Steuer neuberechnet werden, die im Normalfall der Fahrzeughalter zahlen muss.

Die Bundesregierung will hingegen VW dazu zwingen, die Nachzahlung zu übernehmen. "Wir arbeiten an einer Gesetzgebung, die dafür sorgt, dass nicht der Kunde durch diese Mehrkosten belastet wird, sondern der Volkswagen-Konzern", sagte Verkehrsminister Alexander Dobrindt. Die höhere Steuer sei auch rückwirkend fällig.

Wie haben die Märkte auf die neuen Falschangaben reagiert?

Mit einem dramatischen Kursverfall. Die Anleger flüchteten scharenweise aus dem Papier, nachdem der Konzern die Falschangaben bei CO2-Werten bei rund 800.000 Autos eingeräumt hatte. Der Kurs der VW-Aktie rutschte zeitweise um mehr als zehn Prozent ab auf weniger als 100 Euro. Im Frühling war eine VW-Aktie noch mehr als 250 Euro wert.

Was sagt die Politik?

Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt hat Volkswagen aufgefordert, den Schaden durch die Abgasmanipulationen und -unregelmäßigkeiten ohne Belastungen der Kunden zu lösen. "Dass es (...) eine Irritation bei mir und in meinem Haus gibt, das muss man nicht ausdrücklich betonen", sagte der CSU-Politiker am Mittwoch mit Blick auf die Ausweitung des Skandals. Er habe ein großes Interesse daran, "dass alles umgedreht und angeschaut wird" bei dem Wolfsburger Konzern. "Ich gehe weiterhin davon aus, dass Volkswagen mit seiner Führung alle Anstrengungen unternimmt, den Schaden zu beheben, für Transparenz und Aufklärung zu sorgen." Die Kunden dürften dabei nicht belastet werden.

Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel hat die eingestandenen Mängel bei den CO2-Werten von Volkswagen als Beweis für den Aufklärungswillen des Konzerns gewertet. Was aufgedeckt wurde, habe VW selbst ermittelt, sagte der SPD-Vorsitzende am Mittwoch in Berlin. "Das ist ein Beweis dafür, dass sie es ernst meinen." Er glaube nach wie vor nicht, dass der Skandal das Image von "Made in Germany" dauerhaft beschädigen werde, sagte Gabriel.

Nach Auffassung der Grünen hat Volkswagen womöglich gegen Steuergesetze verstoßen. "Es sieht danach aus, dass VW sich durch zu niedrig angegebene CO2-Werte der Steuerhinterziehung schuldig gemacht hat", sagte die Grünen-Steuerpolitikerin Lisa Paus. "Die Finanzbehörden müssen nun gegen VW Ermittlungen einleiten." Dem Staat seien durch die falschen CO2-Abgaswerte und die daraus folgende unzutreffende Festsetzung der Kfz-Steuer womöglich Millionen-Einnahmen entgangen.

Paus wies darauf hin, dass demjenigen, der gegenüber Finanzbehörden oder anderen Behörden "über steuerlich erhebliche Tatsachen unrichtige oder unvollständige Angaben macht", laut Gesetz eine Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren drohe.

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