VW-Abgasaffäre: "Wir haben Mist gebaut"

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VW-Abgasaffäre: "Wir haben Mist gebaut"

, aktualisiert 22. September 2015, 12:39 Uhr
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Die VW-Aktie hat sehr unter der Abgas-Affäre gelitten

von Tim Rahmann und Stephan Happel

Katerstimmung bei Volkswagen: Der Konzern hatte zu einer großen Party in New York geladen – doch die Abgasaffäre und der damit verbundene Aufschrei in den USA trifft den deutschen Autobauer ins Mark.

Es war als großes Fest geplant. Doch der Kater war schon vor der Party da. Vor Wochen hatte Volkswagen für Montagabend zu einer Party in New York geladen. Damals schien die Welt in Ordnung und VW wollte seinen neuen 2016er Passat in prächtigem Ambiente präsentieren – zur Livemusik von Rockstar Lenny Kravitz.

Tatsächlich ließ sich der US-Rocker nicht lumpen und heizte den Gästen mit Blick auf die Skyline von New York ein; so richtig wollte bei Volkswagen-Amerika-Chef Michael Horn und den anderen VW-Offiziellen keine Freude aufkommen.

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In wenigen Worten brachte Horn die Misere des Autobauers auf den Punkt. "Wir haben Mist gebaut", sagte er am Abend.

Die EPA

  • Environmental Protection Agency

    Die Environmental Protection Agency, kurz EPA, ist so ziemlich die letzte US-Aufsicht, mit der Unternehmen sich anlegen wollen. Die 1970 als unabhängige Umweltschutzbehörde der US-Regierung gegründete Institution gilt als knallharter Regulierer. Politiker - vor allem aus dem Lager der Republikaner - kritisieren die weitreichenden Kompetenzen der EPA immer wieder und sehen die große Macht der Aufseher als Gefahr für die Wirtschaft. Die EPA verteidigt Umweltschutzgesetze wie etwa den „Clean Water Act“ oder den „Clean Air Act“ - gegen den der deutsche Autobauer Volkswagen verstoßen haben soll - teils auch mit drastischen Mitteln wie Milliardenstrafen und strafrechtlicher Verfolgung.

Der 21. September wird als Horror-Tag in die VW-Annalen eingehen. Am diesem Montag stürzte die VW-Aktie brutal ab, nachdem die Umweltschutzbehörde EPA dem Konzern vorwarf, bei 482.000 Diesel-Fahrzeugen in den USA die Abgasvorschriften mit Software-Tricks vorsätzlich umgangen zu haben - und das Unternehmen Manipulationen einräumte. Binnen Stunden verlor der Autobauer rund 15 Milliarden Euro an Börsenwert. Und die Kosten der Affäre werden steigen.

Stimmen zum Abgas-Skandal bei VW

  • Bernd Osterloh, VW-Betriebsratschef

    Osterloh fordert im Skandal um manipulierte Abgastests in den USA ein entschiedenes Durchgreifen auch innerhalb des Konzerns. „Das muss jetzt mit aller Konsequenz und Offenheit aufgeklärt werden; und wir müssen Konsequenzen daraus ziehen“, sagte er dem Magazin „Stern“. Die Verantwortlichen müssten zur Rechenschaft gezogen werden. Osterloh, der als einer der mächtigsten Männer bei Volkswagen auch Mitglied des Aufsichtsrats ist, äußerte sich geschockt über die Vorwürfe und forderte: „Wir müssen verloren gegangenes Vertrauen bei unseren Kunden zurückgewinnen.“ Vor allem Konzernchef Martin Winterkorn stehe dabei nun in der Pflicht.

  • Stephan Weil, Niedersachsens Ministerpräsident und VW-Kontrolleur

    „Eine Manipulation von Emissionstests ist völlig inakzeptabel und durch nichts zu rechtfertigen“, sagte der SPD-Politiker, der als amtierender Regierungschef in Niedersachsen Mitglied im Präsidium des Aufsichtsrates von VW ist. „Es muss selbstverständlicher Anspruch des VW-Konzerns sein, die gesetzlichen Vorschriften einzuhalten.“ Er habe die Nachricht "mit Besorgnis zur Kenntnis genommen. Die gegen VW in den USA erhobenen Vorwürfe wiegen schwer“, sagte Weil. Er gehe davon aus, dass diese Vorfälle „schnell und gründlich aufgeklärt werden. Erst danach kann über mögliche Folgen entschieden werden."

  • Angela Merkel, Bundeskanzlerin

    Bundeskanzlerin Angela Merkel hat eine rasche und volle Aufklärung der Abgas-Manipulationen des Volkswagen-Konzerns gefordert. Merkel sprach sich „angesichts der schwierigen Lage“ für „volle Transparenz“ aus und forderte: „Ich hoffe, dass möglichst schnell die Fakten auch auf den Tisch kommen.“

  • Sigmar Gabriel, Wirtschaftsminister

    Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) hat die Abgas-Manipulationen scharf kritisiert. Der Vizekanzler geht aber von keinem nachhaltigen Schaden für die deutsche Industrie insgesamt aus. „Dass das ein schlimmer Vorfall ist, ist glaube ich klar“.Natürlich gebe es Sorge, dass der exzellente Ruf der deutschen Automobilindustrie und vor allem von Volkswagen darunter leidet: „Ich bin aber sicher, dass das Unternehmen schnell und restlos den Fall aufklären und die denkbar eingetreten Schäden wieder gut machen wird.“ Der Fall sei aber nicht typisch. „Der Begriff „Made in Germany“ ist weltweit ein Qualitätsbegriff.“ Deshalb müsse schnell aufgeklärt werden: „Aber ich glaube nicht, dass das ein dauerhafter und prinzipieller Schaden für die deutsche Industrie ist.“ Gabriel sprach sich dafür aus, Messfehler oder Manipulationen vielleicht einmal insgesamt zu überprüfen.

  • Umweltministerium

    Die Bundesregierung fordert von den Autoherstellern „belastbare Informationen“, um mögliche Manipulationen bei Abgastests auch in Deutschland prüfen zu können. Diese Überprüfung müsse durch das Kraftfahrtbundesamt vorgenommen werden, sagte ein Sprecher des Umweltministeriums. Er forderte zudem die Hersteller auf, eng mit den US-Behörden zusammenzuarbeiten, um eine „lückenlose Aufklärung“ zu ermöglichen. Der Sprecher sagte, seinem Haus lägen „keine weiteren Kenntnisse über mögliche Schummeleien deutscher Automobilproduzenten vor“.

  • Alexander Dobrindt, Verkehrsminister

    CSU-Verkehrsminister Alexander Dobrindt hat Volkswagen aufgefordert, Kunden "vollumfänglich aufzuklären", um dadurch Vertrauen zurückzugewinnen. Er betonte, die Regierung wolle selbst aktiv dafür sorgen, dass derartige Manipulationen in Zukunft nicht wieder vorkämen.

  • Ferdinand Dudenhöffer, Autoexperte

    Volkswagen-Chef Martin Winterkorn kann nach Meinung von Autofachmann Ferdinand Dudenhöffer angesichts des Abgas-Skandals in den USA nicht im Amt bleiben. Winterkorn, in dessen Verantwortung auch die konzernweite Forschung und Entwicklung falle, habe entweder von den Manipulationen gewusst oder aber er sei ahnungslos und habe seinen Geschäftsbereich nicht im Griff, sagte der Direktor des CAR-Instituts der Universität Duisburg-Essen der „Frankfurter Rundschau“. „In beiden Fällen würde ich sagen, dass Winterkorn an der Konzernspitze nicht mehr tragbar ist.“ Der „Westdeutschen Allgemeinen“ sagte er: „Jeder Politiker könnte bei einer solchen Angelegenheit nicht in seinem Amt bleiben.“

  • TÜV Süd

    In Europa werden die Auto-Abgaswerte nach Angaben des TÜV Süd bereits während der Produktion streng überwacht. „Da gibt es klare Regeln“, sagte ein Sprecher. Für alle Fahrzeuge, die in der EU zugelassen werden sollen, müssten die Hersteller externe Kontrollen sicherstellen. „Die Fahrzeuge werden nach dem Zufallsprinzip vom Band genommen und kontrolliert“, sagte er. Allein der TÜV Süd nehme pro Jahr mehr als tausend dieser Kontrollen vor.

  • BMW

    BMW ist nach eigenen Angaben von dem Skandal nicht betroffen. Bei Überprüfungen eines Dieselfahrzeugs habe es keine auffälligen Abweichungen der Werte gegeben, erklärte das Unternehmen. Bei BMW habe sich die EPA nicht gemeldet, hieß es in München. Wie sich der Skandal auf den Absatz von Diesel-Fahrzeugen in den USA auswirken werde, lässt sich nach Einschätzung von BMW noch nicht beurteilen. Für BMW machen diese Fahrzeuge bislang erst einen kleinen Anteil aus: In den letzten Jahren habe der Absatz von Dieselwagen in den USA drei bis sechs Prozent des gesamten Absatzes ausgemacht - höchstens rund 20.000 Fahrzeuge jährlich.

  • Daimler

    Daimler ist nach eigenen Angaben nicht von den Ermittlungen der US-Umweltschutzbehörde EPA wegen Abgas-Manipulationen betroffen. "Es gibt nach unseren Erkenntnissen keine Untersuchungen zu Mercedes-Benz", teilte der Stuttgarter Konzern am Montag mit.

  • DIW

    Nach Meinung von Experten des DIW wird der VW-Abgasskandal im schlimmsten Fall auch die deutsche Konjunktur belasten. "Die Autoindustrie ist technologisch eine der Schlüsselbranchen, es ist die Leitindustrie schlechthin in Deutschland", sagt Industrieexperte Martin Gornig vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. "Wenn es zu Absatzeinbußen kommt, könnte es auch Zulieferer treffen und damit die gesamte Wirtschaft."

  • BDI

    Ulrich Grillo, Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, hat von VW eine schnelle Aufklärung des Abgasskandals gefordert. "Wir kritisieren jegliche Manipulation scharf", sagte er. "Jedes Unternehmen muss sich an die geltenden Regeln halten." Er begrüße aber, dass VW die Vorwürfe von unabhängigen Fachleuten prüfen lassen wolle. "Jedes Fehlverhalten muss lückenlos aufgeklärt werden. Jetzt helfen nur Transparenz, Offenheit und Tempo."

Im ärgsten Fall droht allein deswegen eine Strafzahlung für die Manipulationen in Höhe von 18 Milliarden Dollar. Mittlerweile hat sich das US-Justizministerium mit strafrechtlichen Ermittlungen gegen den VW-Konzern eingeschaltet, berichten US-Medien unter Berufung auf Ministeriumsinsider.

Glauben die Ermittler, bei VW liegt noch mehr im Argen, könnte der Autobauer sogar für mehrere Jahre und Beobachtung der US-Behörden gestellt werden. Daimler hat bereits Erfahrung mit einem solchen "Monitorship". Der Hersteller wurde zwischen 2010 und 2013 beaufsichtigt, nachdem Korruptionsfälle bekannt worden waren.

Anleger könnten den Konzern wegen Schadenersatzforderungen vor Gericht bringen und Autofahrer eine Sammelklage einreichen. Zwingen die US-Behörden Volkswagen dazu, die betroffenen Modelle zurückzurufen, fallen weitere Kosten an. Rund 500.000 Fahrzeuge von der Straße zu holen, ist nicht gerade preiswert.

Gewinnwarnung bei VW

Die Folge: Die Affäre zwingt Europas größten Autobauer zu einer Gewinnwarnung. Deshalb würden im dritten Quartal rund 6,5 Milliarden Euro „ergebniswirksam zurückgestellt“, teilte VW am Dienstag mit. Und der Skandal weitet sich offenbar aus. Wörtlich heißt es in einer Mitteilung der Wolfsburger: „Auffällig sind Fahrzeuge mit Motoren vom Typ EA 189 mit einem Gesamtvolumen von weltweit rund elf Millionen Fahrzeugen.“

Selbst VW-Chef Martin Winterkorn, dessen angekündigte Vertragsverlängerung am Freitag bei einem Aufsichtsrat-Treffen auf der Tagesordnung steht und andere Top-Manager können sich ihrer Posten nicht mehr sicher sein. Branchenbeobachter bezweifeln, dass die systematischen Täuschungen in der Führungsetage unbemerkt geblieben sind. Für den Mittwoch hat das Präsidium des Aufsichtsrats eine Krisensitzung einberaumt.

VW-Abgasaffäre Was hinter dem "Clean Diesel"-Betrug steckt

Volkswagen droht wegen der Manipulation von Abgaswerten eine Milliardenstrafe. Wie der VW-Konzern schummelte, warum überhaupt und wie die US-Umweltbehörde dahinter kam.

VW fälscht Abgaswerte in den USA. Quelle: dpa/Montage

"Wir werden jetzt, glaube ich, in den nächsten Tagen und Wochen ... die Details erfahren, wer, wann, wo welche Entscheidungen getroffen hat, wer dafür verantwortlich ist", sagte Olaf Lies, VW-Aufsichtsratsmitglied und niedersächsischer Wirtschaftsminister am Dienstag im Deutschlandfunk. "Und ich bin mir sicher, daraus wird es dann am Ende auch personelle Konsequenzen geben”.  VW-Betriebsratschef Bernd Osterloh hatte ebenfalls gefordert, dass die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden müssten - zugleich aber vor Vorverurteilungen gewarnt.

Ruinierter Ruf

Wie hoch auch immer die finanziellen Belastungen für VW werden. Mit seinem Ruf bezahlt der Konzern bereits jetzt. Die Deutschen sind – in den Augen der US-Amerikaner – die besten Ingenieure der Welt, sie sind umweltbewusst, über die Mülltrennung in Deutschland staunen sie regelrecht, und ehrlich. Alle drei Charaktereigenschaften, seit Jahrzehnten im Bewusstsein der USA, stehen nun zur öffentlichen Disposition.

„Volkswagen hat betrogen“, schreibt die „USA Today“. Auch in „New York Times“, „Washington Post“ oder „Wall Street Journal“ wird groß und kritisch über den deutschen Autokonzern berichtet. „Der Imageschaden dürfte ebenso groß sein wie der finanzielle Schaden“, sagt Carl Tobias, Rechtsprofessor an der „Richmond School of Law“ im Gespräch mit WirtschaftsWoche Online.

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