VW: Aufsichtsrat plant neue Strategie-Schaltstelle für Kernmarke

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VW: Aufsichtsrat plant neue Strategie-Schaltstelle für Kernmarke

Im VW-Konzern herrscht Alarmstimmung. Die Abgas-Krise setzt auch Renditedruck, Sparpläne und Reformwünsche endgültig auf die Agenda. Die Debatte darum soll bei VW-Pkw eine neue Arena erhalten.

Einflussreiche Kontrolleure im VW-Aufsichtsrat treiben nach dpa-Informationen die Schaffung eines neuen Strategie-Gremiums für den Umbau bei Volkswagen-Pkw voran. Die Kernmarke um Golf und Passat soll einen Beirat erhalten, der ähnlich einem Aufsichtsrat arbeitet.

Das Gremium soll strategische Weichenstellungen bei Zukunftsfragen wie Elektromobilität und Digitalisierung begleiten. Aber auch heiße Eisen wie Stellenabbau oder Arbeitsschwerpunkte einzelner Fabriken könnten in dem Beirat debattiert werden, bevor sie zur finalen Abstimmung im 20-köpfigen Aufsichtsrat des VW-Konzerns landen.

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Die Arbeit an dem Beirat steht vor dem Hintergrund einer stärkeren Trennung von Konzern und Marke.

Die Abgas-Tests in Deutschland und Europa

  • Die Vorgaben in Deutschland

    Neue Modelle werden in Deutschland und der EU nach dem Modifizierten Neuen Fahrzyklus (MNEFZ) getestet. Die Tests laufen unter Laborbedingungen, das heißt auf einem Prüfstand mit Rollen. Dies soll die Ergebnisse vergleichbar machen. Der Test dauert etwa 20 Minuten und simuliert verschiedene Fahrsituationen wie Kaltstart, Beschleunigung oder Autobahn-Geschwindigkeiten.

  • Wer testet?

    Getestet wird von Organisationen wie dem TÜV oder der DEKRA unter Beteiligung des Kraftfahrt-Bundesamtes (KBA). Dieses untersteht wiederum dem Verkehrsministerium.

  • Kritik an Prüfung

    Die Prüfungen der neuen Modelle werden von ADAC und Umweltverbänden seit längerem als unrealistisch kritisiert. So kann etwa die Batterie beim Test entladen werden und muss nicht - mit entsprechendem Sprit-Verbrauch - wieder auf alten Stand gebracht werden. Der Reifendruck kann erhöht und die Spureinstellungen der Räder verändert werden. Vermutet wird, dass etwa der Spritverbrauch im Alltag so häufig um rund ein Fünftel höher ist als im Test.

  • Weitere Prüfungen

    Neben den Tests für neue Modelle gibt es laut ADAC zwei weitere Prüfvorgänge, die allerdings weitgehend in der Hand der Unternehmen selbst sind. So werde nach einigen Jahren der Test bei den Modellen wiederholt, um zu sehen, ob die Fahrzeuge noch so montiert werden, dass sie den bisherigen Angaben entsprechen, sagte ADAC-Experte Axel Knöfel. Zudem machten die Unternehmen auch Prüfungen von Gebrauchtwagen, sogenannte In-Use-Compliance. Die Tests liefen wieder unter den genannten Laborbedingungen. Die Ergebnisse würdem dann dem KBA mitgeteilt. Zur Kontrolle hatte dies der ADAC bei Autos bis 2012 auch selbst noch im Auftrag des Umweltbundesamtes gemacht, bis das Projekt eingestellt wurde. In Europa würden lediglich in Schweden von staatlicher Seite noch Gebrauchtwagen geprüft, sagte Knöfel.

  • Geplante neue Prüfmethode

    Die EU hat auf die Kritik am bisherigen Verfahren reagiert und will ab 2017 ein neues, realistischeres Prüfszenario etablieren. Damit sollen auch wirklicher Verbrauch und Schadstoffausstoß gemessen werden ("Real Driving Emissions" - RDE). Strittig ist, inwiefern dafür die bisherigen Abgas-Höchstwerte angehoben werden, die sich noch auf den Rollen-Prüfstand beziehen.

Das Unternehmen wollte sich zu Details der Beiratsidee nicht äußern. Aus Konzernkreisen hieß es, die Debatte sei im Fluss, spruchreif sei noch nichts, geschweige denn entschieden. Nach dpa-Informationen ist der Beirat nicht unumstritten. Auf Kapitalseite gebe es Bedenken ganz grundsätzlicher Natur. Der Beirat hätte auch Auswirkungen auf die Arbeit von VW-Markenchef Herbert Diess. Mitte April beraten die VW-Aufseher das Thema erneut.

Anders als die Schwestermarken Audi und Porsche hat VW-Pkw keinen eigenen Aufsichtsrat. Den könnte es auch nicht geben, weil Marke und Konzern formal nicht genug getrennt sind. Zunächst müsste also der juristische Rahmen des Beirates geklärt werden: Was darf er? Was soll er laut Geschäftsordnung leisten, und mit wie vielen Mitgliedern?

Die Pkw-Kernmarke mit Modellen vom Kleinstwagen Up bis zum Dickschiff Phaeton steht für fast die Hälfte vom Absatz und Umsatz des gesamten Konzerns. Zudem ist sie führend für zentrale Entwicklungsthemen, von denen der Gesamtkonzern profitiert, besonders aber die Volumen-Marken Skoda und Seat. So hat die Kernmarke zum Beispiel die Federführung für den konzernweit wichtigen Sparhebel baugleicher Autoteile, die es markenübergreifend in der Golf-Klasse gibt.

Die Folgen von Dieselgate

  • Neue Entwicklungs-Policy

    Die Entwicklung der Motorsteuergeräte-Software erfolgt in Zukunft unter strikter Einhaltung des Vier-Augen-Prinzips.

  • Emissionstests

    Emissionstests werden künftig grundsätzlich extern und unabhängig überprüft.

  • Real-Life-Tests

    Die Prüfstandswerte sollen stichprobenartig mit Real-Life-Test zur Emissionseinhaltung auf der Straße überprüft werden.

  • Vorstandspersonalien

    Seit Beginn des Jahres 2015 sind 6 von 10 Vorstandsposten neu besetzt worden. Zudem wurden neue Posten außerhalb des Vorstands – etwa der des Chefstrategen oder Leiter der Digitalisierung – geschaffen.

  • Markenchefs

    Sieben von dreizehn Markenchefs inklusive der Konzernspitze wurden im Laufe des Jahres 2015 ausgetauscht.

VW-Pkw kämpft seit Jahren mit Renditeschwächen. Zuletzt blieben von 100 umgesetzten Euro nur zwei bis drei Euro als Gewinn, wovon Zinsen und Steuern noch abgingen. Jedoch tritt die Kernmarke auch besonders stark in Vorleistung bei der Forschung, von der die Schwestermarken profitieren. Zudem tauchen die von VW-Pkw maßgeblich erwirtschafteten Gewinne aus China aus buchhalterischen Gründen vor Zinsen und Steuern nicht auf bei der Kernmarke. Dennoch hatte das VW-Management schon vor Jahren angemahnt, dass VW-Pkw noch viel Luft nach oben habe. Schon Ex-Chef Martin Winterkorn verordnete einen Milliardensparkurs.

Heftige Auseinandersetzungen um das in der Abgas-Krise verschärfte Sparprogramm toben zudem vor allem um VW-Pkw. Betriebsratschef Bernd Osterloh ging Markenchef Diess schon oft scharf an, fürchtete um den sozialen Frieden im Unternehmen und fühlte sich übergangen bei den großen Entscheidungen, die VW traditionell in enger Abstimmung mit dem Betriebsrat fällt. Jüngster Höhepunkt: Bis Ende 2017 sollen über 3000 Stellen in der Verwaltung wegfallen. Die Beschäftigungssicherung macht Kündigungen zwar unmöglich. Doch sie schließt Stellenabbau nicht aus. Der soll über Altersteilzeit laufen, weniger Neueinstellungen oder die Zuweisung neuer Aufgaben.

Beim VW-Großeigner Niedersachsen und dem Betriebsrat sorgte der Plan für Groll. Sie beklagten miese Kommunikation und kündigten Widerstand an. Das Sparziel, das bei Diess angeblich den Namen „Wasserkopf“ trägt, bedeutet das Aus für jeden zehnten Job fern der Fließbänder und der Entwicklung.

VW-Abgas-Skandal Diesel-Rückrufwelle bei Passat verzögert sich

Schon seit knapp vier Wochen wartet Volkswagen nun auf die Rückruf-Freigabe durch das Kraftfahrt-Bundesamt. Doch die verzögert sich weiter.

Werkstattleiter Marc Oliver Dahl hat am 04.03.2016 im VW-Autohaus Nouvertne in Solingen (Nordrhein-Westfalen) einen Diagnose-PC an einen VW Passat TDI angeschlossen. Foto: Marius Becker/dpa (zu dpa "VW-Händler und der Rückruf: 'Nouvertne, mach uns das in Ordnung!" vom 05.03.2016) +++(c) dpa - Bildfunk+++ Quelle: dpa

Insider berichteten der dpa übereinstimmend, dass ein Beirat für die Kernmarke helfen könnte, Reibereien mit dem Land und Betriebsrat zu entschärfen. „Wenn Diess schlau ist, begreift er den Beirat als Chance und lehnt ihn nicht ab“, sagt einer, der das Gremium will. Zudem solle der Beirat den Konzern-Aufsichtsrat thematisch entlasten.

Auch das Vermitteln wird demnächst wichtiger denn je: Die sogenannten Komponentenwerke haben eine Zukunft voller Fragezeichen. Die Fabrik in Salzgitter baut Verbrennungsmotoren, bei denen es in Richtung 2030 mit wachsender Elektromobilität ein Drittel Einbruch geben könnte. Die Komponentenwerke Braunschweig und Kassel sind auch Kandidaten für Wandel mit Risiko. Der Beirat könnte Prozesse beschleunigen, Konflikte mildern, Konsens fördern, Wege verkürzen. Im VW-Konzern sind Beschäftigungssicherung und Wirtschaftlichkeit gleichrangige Unternehmensziele. Die Arbeitnehmer genießen starke Mitbestimmungsmacht und Jobsicherheit. Bisher zumindest.

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