VW-Chef Matthias Müller: "Mehr Demut steht uns gut"

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InterviewVW-Chef Matthias Müller: "Mehr Demut steht uns gut"

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Der neue Chef des VW-Konzerns Matthias Müller schildert die Ursachen und Wirkungen der Diesel-Affäre.

von Franz W. Rother, Rebecca Eisert und Reinhold Böhmer

Erst die Aufklärung des Abgasskandals, dann die Neuausrichtung, jetzt Milliarden-Klagen in den USA: VW-Chef Müller hat schwere Wochen hinter sich. Im Interview schildert er die Ursachen und Wirkungen der Dieselaffäre.

Herr Müller, im März dieses Jahres waren Sie noch Chef von Porsche. Damals sagten Sie der WirtschaftsWoche: „Der Nachfolger von Martin Winterkorn wird es schwer haben. Die Gefahr, dabei verschlissen zu werden, ist hoch.“ Seit einem Vierteljahr sind Sie nun Nachfolger von Winterkorn. Spüren Sie bereits Verschleiß?
Matthias Müller: Graue Haare hatte ich vorher schon und Falten auch (lacht). Der neue Job ist anstrengend, klar. Aber ich betrachte ihn als Herausforderung. Ganz neu ist so eine Situation für mich ja nicht. Als ich 2010 zu Porsche nach Stuttgart kam, war das Unternehmen ebenfalls in einer schwierigen Lage. Bei VW wird die Neuausrichtung sicher länger dauern als bei Porsche. Volkswagen hat eine ganz andere Dimension. Wir werden mehr Geduld brauchen. Aber ich spüre: Es geht voran.

Weil sich der Verdacht, dass VW die CO2-Werte manipuliert haben könnte, inzwischen als Luftnummer erwiesen hat?
Eine Luftnummer würde ich den CO2-Verdacht nicht nennen, er schien ja zunächst begründet. Aber es freut uns natürlich, dass sich nach intensiver Zusammenarbeit mit dem Kraftfahrtbundesamt die Dinge zum Guten gewendet haben.

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Zur Person

  • Matthias Müller

    Seit dem 25. September 2015 leitet Matthias Müller den Vorstand des Volkswagen-Konzerns. Der 62-Jährige hat bei Audi Werkzeugmacher gelernt, Informatik studiert und war später Baureihen-Planer, Chefkoordinator sowie fünf Jahre lang Porsche-Chef.

Wissen Sie denn schon, wie Sie bei den nach USA gelieferten Dieselautos die Stickoxid-Emissionen reduzieren werden?
Wir haben auch dafür Lösungen entwickelt. Die besprechen wir derzeit mit den US-Umweltbehörden CARB und der EPA. Erst wenn deren Zustimmung vorliegt, können wir öffentlich darüber reden. Ich denke, wir werden schon in den nächsten Wochen klarer sehen.

Wann beginnt der Rückruf in den USA?
In Deutschland und Europa starten wir im Januar. Wir haben für alle drei betroffenen Motoren technische Lösungen entwickelt, die vom Kraftfahrtbundesamt (KBA) bestätigt wurden. In den USA ist der Terminplan Teil der Absprachen mit den Behörden. Im Sinne unserer Kunden gehen wir das auch dort so schnell wie möglich an.

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Werden Sie in den USA die Diesel-Offensive fortsetzen?
Es gibt für mich keinen Grund, dies nicht zumindest zu versuchen.

Keinen Grund? Das Image des Dieselmotors in den USA ist doch so sehr beschädigt, dass sie sogar fürchten müssen, ohne Diesel die Grenzwerte für den CO2-Ausstoß ihrer Fahrzeugflotte nicht erreichen.
Das Problem ist von grundsätzlicher Bedeutung. Wir von Volkswagen haben beim Diesel einen schweren Fehler gemacht. Deshalb diese Technologie in Bausch und Bogen zu verdammen, wäre jedoch falsch. Zum einen sind moderne Dieselmotoren heute sehr effizient und schadstoffarm. Zum anderen wird es ohne den Diesel für unsere Industrie kaum möglich sein, die CO2-Ziele im gesteckten Zeitfenster zu erreichen. Erst zwischen 2020 und 2025 werden Elektroantriebe bei den Kosten mit Verbrennungsmotoren gleichziehen. Dann erst wird die Nachfrage in Richtung E-Autos drehen. Bis mindestens dahin brauchen wir den Diesel.

Das sagen Analysten zu Matthias Müller als neuem VW-Chef

  • Ingo Speich, Fondsmanager bei Union Investment

    "Matthias Müller ist einer der wenigen, die den Konzern kennen und der vermutlich nicht in den Skandal verwickelt ist. Somit kam die Ernennung nicht überraschend. Er muss nun die volle Unterstützung vom Aufsichtsrat bekommen, damit er den desaströsen Vorgang aufklären und endlich die verkrusteten Strukturen bei VW aufbrechen kann. Dabei darf es keine Tabus geben. Deswegen ist es entscheidend, dass sich Martin Winterkorn auch als Vorstandsvorsitzender der einflussreichen Porsche Automobil Holding SE zurückzieht. Ansonsten kann es keine glaubwürdige Aufarbeitung geben."

  • Frank Biller, Analyst LBBW

    "Das war einer der Kandidaten, den wir als geeignet ansehen. Seine Berufung ist ein Schritt zur Bewältigung von Unsicherheiten. Die Spekulation über die Personalien ist damit vom Tisch. Das ist begrüßenswert."

  • Henning Gebhardt, Aktien-Chef der Deutsche-Bank-Vermögensverwaltung

    "Mit der Berufung von Herrn Müller hat Volkswagen eine Chance verpasst. Herr Müller kennt das Unternehmen gut und hat einige Erfolge vorzuweisen. Er ist mit 62 aber sicher kein Nachwuchstalent. Er wird das Unternehmen alleine aufgrund seines Alters nicht zehn Jahre lang führen können. In absehbarer Zeit wird es wieder zu Nachfolgediskussionen kommen. Das ist für jemanden, der jetzt die langfristige Strategie von VW nun ausrichten soll, nicht hilfreich. Volkswagen muss nach dem ganzen Theater um Herrn Piech im Frühjahr wieder zur Ruhe kommen. Wenn es jetzt noch mal eine Übergangsphase gibt, wäre das nicht gut für das Unternehmen.

    Volkswagen steht vor großen Herausforderungen: Das Unternehmen muss schauen, wie es am schwächelnden chinesischen Markt zurechtkommt. In Amerika, wo das Unternehmen schon bisher nicht richtig zum Zug kam, steht VW nach dem Abgasskandal vor riesigen Herausforderungen. Auch bei den Themen E-Mobilität und autonomes Fahren muss man jetzt die richtigen Weichen stellen - ich habe das Gefühl, dass andere Autokonzerne da weiter sind."

  • Frank Schwope, Analyst NordLB

    "Es ist wichtig, dass ein Neuanfang kommt und der alte Vorstandschef nicht die Aufräumarbeiten macht. Müller kennt den Konzern, er ist über 60 Jahre alt und muss auf keine Befindlichkeiten Rücksicht nehmen. Denn er wird vermutlich keine zweite Amtszeit anstreben und kann daher rücksichtslos aufräumen. Das ist ein Vorteil. Ob er ein guter Chef ist oder nicht, das wird sich erst hinterher zeigen."

VW will die Dieselautos in Europa mit einer neuen Software ausstatten oder mit einem Strömungsgleichrichter nachrüsten. Können Sie garantieren, dass sich dies nicht nachteilig auf den Verbrauch oder Fahrleistung auswirkt?
Unser Ziel ist es, dass es keine nennenswerten Auswirkungen auf Verbrauch und Fahrleistung gibt. Selbst wenn sich der Verbrauch im Testzyklus geringfügig um 0,1 Liter erhöhen sollte,  muss man immer bedenken, dass der tatsächliche Verbrauch in erster Linie vom Fahrverhalten abhängt.

Warum gibt es nicht längst einen neuen Messzyklus, der den tatsächlichen Kraftstoffverbrauch, also im Alltagsverkehr, realistischer wiedergibt als die aktuellen Messverfahren?
Wenn die Krise ein Gutes hat, dann dass diese Debatte jetzt unumkehrbar geworden ist. Wenn es um Grenzwerte geht, brauchen wir den Mut zu mehr Ehrlichkeit. Die branchenweit bestehenden Diskrepanzen zwischen offiziellen Prüfwerten und Realverbrauch sind nicht mehr vermittel- und hinnehmbar.

… aber doch weil die Lobbyisten der Autohersteller alles gegen eine Verschärfung unternehmen.
Das ist falsch. Die Autoindustrie steht da nicht auf der Bremse, das möchte ich betonen.

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