VW: Die drei Probleme des Martin Winterkorn

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VW: Die drei Probleme des Martin Winterkorn

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Krisen in China, Russland und Brasilien bringen VW-Chef Winterkorn zum Nachdenken.

von Martin Seiwert, Alexander Busch, Rebecca Eisert, Philipp Mattheis

Zum Halbjahr war Volkswagen erstmals der größte Autobauer der Welt. Doch die Krisen in China, Brasilien und Russland bringen die Probleme des größten deutschen Konzerns ans Licht: Schnell-Operationen reichen nicht aus.

Zu gewöhnlichen Zeiten lässt sich im Dresdner VW-Werk diese Szene dutzendfach beobachten: Der Lack schimmert tiefschwarz, die Sitze sind mit feinstem weißem Leder bezogen. Ein Mitarbeiter streicht mit der Hand über das Fahrzeug und sagt stolz: „Das geht nach China.“

Aber gewöhnliche Zeiten sind es nicht in diesen Monaten für Deutschlands größten Konzern. Und so hat der Satz inzwischen Seltenheitswert in der Gläsernen Manufaktur in Dresden, wo VW seit 2002 die Luxuslimousine Phaeton zusammenbaut. An immer mehr Tagen ruht an der Elbe die Montage. Bis zu 80 Prozent der Karossen gehen für gewöhnlich nach China. Seit Monaten kommen die Bestellungen von dort aber nur noch „tröpfchenweise“, sagt ein Konzerninsider. Das Gros der 500 Beschäftigten muss deshalb ins VW-Werk nach Mosel, westlich von Dresden, um bei der Produktion des VW Golf und Passat zu helfen.

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Die Krisenszenarien der deutschen Autobauer

  • Szenario 1: Globale Finanzkrise

    Eine globale Finanzkrise vergleichbar mit der Krise von 2008/2009 trifft die globalen Automobilhersteller. Innerhalb weniger Wochen brechen die Autoverkäufe auf den wichtigsten Automobilmärkten USA, Europa und China um etwa 20 Prozent ein. Dadurch  verschärfen sich auch die Kreditbedingungen erheblich. Auch das folgende Jahr lässt zunächst keine Erholung erwarten.

  • Szenario 1: Volkswagen

    Szenario: Globaler Absatzrückgang um 20 Prozent

    • 2.000.000 verkaufte Fahrzeuge weniger weltweit
    • 750.000 davon in Deutschland
    • bis 50.000 betroffene Arbeitsplätze in Deutschland

    Fazit: Sehr verletzlich

    Quelle: Center of Automotive Management

  • Szenario 1: Daimler

    Szenario: Globaler Absatzrückgang um 20 Prozent

    • 400.000 verkaufte Fahrzeuge weniger weltweit
    • 200.000 davon in Deutschland
    • bis 15.000 betroffene Arbeitsplätze in Deutschland

    Fazit: Verletzlich

  • Szenario 1: BMW

    Szenario: Globaler Absatzrückgang um 20 Prozent

    • 430.000 verkaufte Fahrzeuge weniger weltweit
    • 200.000 davon in Deutschland
    • bis 12.000 betroffene Arbeitsplätze in Deutschland

    Fazit: Weniger verletzlich

  • Szenario 2: Krise in China

    Der chinesische Pkw-Markt bricht in Folge von wirtschaftlichen Problemen – denkbare wäre das Platzen einer Immobilienblase – innerhalb eines Jahres um drastische 20 Prozent ein und bleibt ein volles Jahr 20 Prozent niedriger als im Vorjahr. Die Aussichten für das nächste Jahr lassen ebenfalls keine Erholung erwarten.

  • Szenario 2: Volkswagen

    Szenario: Absatzrückgang um 20 Prozent in China

    • 750.000 verkaufte Fahrzeuge weniger weltweit
    • 650.000 weniger produzierte Autos in China
    • bis 8.000 betroffene Arbeitsplätze in Deutschland

    Fazit: Sehr verletzlich

  • Szenario 2: Daimler

    Szenario: Absatzrückgang um 20 Prozent in China

    • 60.000 verkaufte Fahrzeuge weniger weltweit
    • 35.000 weniger produzierte Autos in China
    • bis 1.500 betroffene Arbeitsplätze in Deutschland

    Fazit: Weniger verletzlich

  • Szenario 2: BMW

    Szenario: Absatzrückgang um 20 Prozent in China

    • 100.000 verkaufte Fahrzeuge weniger weltweit
    • 60.000 weniger produzierte Autos in China
    • bis 1.700 betroffene Arbeitsplätze in Deutschland

    Fazit: Weinger verletzlich

  • Szenario 3: Neue Player

    Neue oder bisher branchefremde Unternehmen wie Tesla, Google oder Apple gewinnen im Zuge der schnellen Durchsetzung der Elektromobilität und des vernetzten sowie autonomen Fahrens an Bedeutung und bedrohen mit ihren Geschäftsmodellen die etablierten Hersteller.

  • Szenario 3: Volkswagen
    • Mittel bis wenig innovativ mit Blick auf radikale Veränderungen
    • Mittelgroße Kompetenz bei Elektro- und Hybridfahrzeugen
    • Sehr hohe Kompetenz bei vernetztem Fahren
    • Kaum Erfahrung mit Mobilitätskonzepten

    Fazit: verletzlich

  • Szenario 3: Daimler
    • Mittel innovativ mit Blick auf radikale Veränderungen
    • Mittelgroße Kompetenz bei Elektro- und Hybridfahrzeugen
    • Sehr hohe Kompetenz bei vernetztem Fahren
    • Erste Erfahrung mit Mobilitätskonzepten (Car2Go, Moovel)

    Fazit: Weniger verletzlich

  • Szenario 3: BMW
    • Mittel bis sehr innovativ mit Blick auf radikale Veränderungen
    • Mittlere bis sehr große Kompetenz bei Elektro- und Hybridfahrzeugen
    • Sehr hohe Kompetenz bei vernetztem Fahren
    • Erste Erfahrung mit Mobilitätskonzepten (DriveNow)

    Fazit: Kaum verletzlich

Es ist nicht nur Sachsens Hauptstadt, wo der weltgrößte Autohersteller ächzt, weil die Geschäfte in aussichtsreichen Märkten nicht mehr laufen wie bisher. Auch in den Krisenländern selbst gerät der Koloss mit 600.000 Mitarbeitern und 203 Milliarden Euro Umsatz ins Schleudern, wie dies vor Kurzem kaum möglich schien – ob in China, Brasilien oder Russland.

VW ist abhängig von wenigen Märkten

Die drei Märkte entscheiden über das Ach und Weh von VW. Auf ihnen verkauft der Konzern insgesamt 43 Prozent seiner Fahrzeuge und erzielte zuletzt ein Drittel seiner Gewinne. Dadurch bekommen die dortigen Probleme eine besondere Qualität. Der Düsseldorfer Waschmittel- und Klebstoffhersteller Henkel oder der Sportartikler Adidas etwa klagen auch, der eine über enttäuschte Erwartungen in China, der andere in Russland. Bei VW jedoch verdichten sich die über den Globus verteilten Krisen wie unterm Brennglas zu einem Brandherd, der den ganzen Konzern erfasst.

Bis eben noch von zweistelligen Wachstumsraten und -aussichten kaschiert, gewinnen plötzlich jahrelange Versäumnisse an Gewicht und entfalten geballt ihre Wirkung: hier die unausgewogene Internationalisierung mit Schwerpunkt China und Schwachpunkt Südostasien; dort die verfehlte Modellpolitik, die die Bedürfnisse auf Riesenmärkten wie in den USA oder Brasilien ignorierte; schließlich die Missachtung der Konkurrenz, die erfolgreich angreift.

Wie ernst die Lage ist, zeigen die bisher wenig bekannten Schnelloperationen, zu denen VW in den Krisenregionen gerade gezwungen ist. So kämpft der Konzern im Reich der Mitte nach einem Plus von zehn Prozent bei der Kernmarke VW im vergangenen Jahr nun mit einem Absatzrückgang von fast sieben Prozent nach den ersten sechs Monaten gegenüber dem Vorjahreszeitraum.

Fahrzeugproduktion und -absatz in China seit 2008

  • 2008

    Produktion: 6,74 Millionen Autos und 2,56 Millionen Nutzfahrzeuge

    Absatz: 6,76 Millionen Autos und 2,63 Millionen Nutzfahrzeuge

    Quelle: Statista.de

  • 2009

    Produktion: 10,38 Millionen Autos und 3,41 Millionen Nutzfahrzeuge

    Absatz: 10,33 Millionen Autos und 3,31 Millionen Nutzfahrzeuge

  • 2010

    Produktion: 13,9 Millionen Autos und 4,37 Millionen Nutzfahrzeuge

    Absatz: 13,76 Millionen Autos und 4,3 Millionen Nutzfahrzeuge

  • 2011

    Produktion: 14,49 Millionen Autos und 3,93 Millionen Nutzfahrzeuge

    Absatz: 14,47 Millionen Autos und 4,03 Millionen Nutzfahrzeuge

  • 2012

    Produktion: 15,52 Millionen Autos und 3,75 Millionen Nutzfahrzeuge

    Absatz: 15,5 Millionen Autos und 3,81 Millionen Nutzfahrzeuge

  • 2013

    Produktion: 18,09 Millionen Autos und 4,03 Millionen Nutzfahrzeuge

    Absatz: 17,93 Millionen Autos und 4,06 Millionen Nutzfahrzeuge

  • 2014

    Produktion: 19,92 Millionen Autos und 3,8 Millionen Nutzfahrzeuge

    Absatz: 19,7 Millionen Autos und 3,79 Millionen Nutzfahrzeuge

  • 2015

    Produktion (Januar-März): 5,31 Millionen Autos und 0,89 Millionen Nutzfahrzeuge

    Absatz (Januar-März): 5,31 Millionen Autos und 0,85 Millionen Nutzfahrzeuge

Laut Insidern reagiert VW auf den Einbruch, indem das Management die Produktion des Passat-Schwestermodells Magotan, des Golf und des Jetta-Imitats Lamando in den chinesischen Werken zurückfährt. Vom Magotan etwa habe die Monatsproduktion bisher im Schnitt rund 15.000 Fahrzeuge betragen, rechnet Autoexperte Jochen Siebert von der Unternehmensberatung JSC in Shanghai vor. Im März seien es nur noch 8600, im April sogar nur noch 5600 gewesen. Nach Sieberts Einschätzung reduzierte VW „die Produktion bestimmter Modelle, auf das ganze Jahr gerechnet, um 10 bis 20 Prozent“.

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