VW: Führungsstreit lenkt von den wahren Problemen ab

VW: Führungsstreit lenkt von den wahren Problemen ab

, aktualisiert 20. April 2015, 12:15 Uhr
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Ferdinand Piëch ist Aufsichtsratschef bei VW.

von Martin Seiwert, Rebecca Eisert und Sebastian Schaal

Ferdinand Piëch gilt als Visionär und Machtmensch. Die VW-Führungskrise ist noch nicht ausgestanden, die Führungsriege soll kurz vor der Revolte gegen Piëch gestanden haben. Dabei geraten VWs reale Probleme außer Sicht.

Kommt ein Mann zum Autohändler und fragt nach dem neuen VW Golf. Der Verkäufer legt die Stirn in Falten: „Warum wollen Sie so ein kleines Auto kaufen? Nehmen Sie doch einen gebrauchten Phaeton – der wäre auch billiger.“

Einen Witz wie diesen reißt normalerweise niemand in Gesellschaft von VW-Managern, schon gar nicht, wenn der Aufsichtsratsvorsitzende und Vater des Luxus-Volkswagens Gastgeber ist: Ferdinand Piëch. Es dauerte daher einige Sekunden, bis die rund 200 Gäste im Dresdner Taschenbergpalais auf den Spott reagierten, den der Kabarettist Django Asül auf Piëchs 75. Geburtstag zum Besten gab. Erst vergewisserten sich die Gäste – aktive und ehemalige Top-Manager, Betriebsratsvorsitzende, Geschäftsfreunde, Politiker – mit einem Blick zum Ehrentisch von Piëch und seiner Frau Ursula. Als diese fröhlich lachten, lachten auch die Geladenen über den Hieb auf den technischen Vorzeige-Volkswagen, aber wirtschaftlichen Flop.

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Ja, Piëch, der starke Mann mit den stahlblauen Augen und der scharfen Zunge, den Kritiker als „eisiges Machtpaket“ und „gnadenlosen Siegertyp“ geißeln, besitzt durchaus die Fähigkeit zur Selbstironie. Auf dem Hotelzimmer fand jeder seiner 200 geladenen Gäste eine Hörbuchversion des Karl-May-Romans „Unter Geiern“. Und über der Einladung stand der Satz des österreichischen Schriftstellers Ödön von Horváth: „Ich bin nämlich eigentlich ganz anders, aber ich komme nur so selten dazu.“

Präsidium angeblich kurz vor Revolte gegen Piëch

An das Zitat könnte sich in den vergangenen Tagen auch VW-Chef Martin Winterkorn, der auf der Feier vor drei Jahren mit Gesamtbetriebsratschef Bernd Osterloh an der Seite von Piëch und Gattin am Ehrentisch Platz nahm, erinnert haben. Denn da kam Piëch noch seltener dazu, ganz anders zu sein, als ihm nachgesagt wird. Mit dem Ausspruch „Ich bin auf Distanz zu Winterkorn“ vor zehn Tagen im „Spiegel“ hatte Piëch seinen langjährigen Vertrauten öffentlich angezählt und den Konzern in eine Führungskrise gestürzt.

Seit Ende vergangener Woche ist klar, dass Winterkorn bleibt – entgegen Piëchs Willen. Bei der entscheidenden Sitzung des Aufsichtsrats-Präsidiums in Salzburg stand der mächtige Firmenpatriarch mit seinem Vorhaben, Winterkorn abzuservieren, offenbar isoliert da. Im Präsidium hatte er alle anderen fünf Stimmen gegen sich, wie informierte Kreise berichten. Laut der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ ist es sogar beinahe zu einer Revolte gegen Piëch gekommen.

Piëch und seine Figuren

  • Ferdinand Piëch

    Auf dem Weg des Ferdinand Piëch vom Audi-Manager auf den Aufsichtsratschefsessel des größten Autokonzerns Europas, blieb so mancher Top-Manager auf der Strecke. Die wichtigsten Stationen zusammengefasst.

  • 1988: Beerbt

    Nach fünf Jahren als Vize übernimmt Piëch bei Audi den Chefsessel von Wolfgang Habbel und baut die Marke mit den vier Ringen zur Premiummarke um. In die Ära des Vollblutingenieurs fällt die Entwicklung des Super-Diesels TDI sowie des Allradantriebs Quattro.

  • 1993: Abgeworben

    Als neuer VW-Chef wirbt Piëch den Einkaufschef José Ignacio López vom Konkurrenten General Motors (GM) ab, der die Preise der Zulieferer drücken soll. Wegen des Verdachts, GM-Betriebsgeheimnisse an VW verraten zu haben, muss Piëch 1996 López fallen lassen.

  • 1994: Vorgeschickt

    Piëch heuert das IG-Metall- und SPD-Mitglied Peter Hartz als VW-Personalchef an. Der führt die Vier-Tage-Woche ein und spart so 500 Millionen Euro Lohnkosten. Nachdem auffliegt, dass VW unter ihm Luxusreisen und Bordellbesuche für Betriebsräte finanzierte, muss Hartz gehen.

  • 2006: Ausradiert

    Als Piëch 2002 VW-Aufsichtsratschef wird, installiert er Ex-BMW-Chef Bernd Pischetsrieder als VW-Lenker. Der agiert eigenständig, macht Piëch-Ideen rückgängig. Fünf Jahre später schweigt Piëch demonstrativ, als er gefragt wird, ob Pischetsrieder im Amt bleibt. Kurz darauf holt er Winterkorn.

  • 2008: Verbrannt

    Jahrelang versuchte Porsche-Chef Wendelin Wiedeking unter der Aufsicht von Piëch VW zu übernehmen. Als dies scheitert, sagt Piëch auf die Frage von Journalisten, ob Wiedeking sein Vertrauen genieße: „Zurzeit noch. Das ,Noch‘ können Sie streichen.“ Wiedeking muss gehen.

So hätte sich der 78-jährige Aufsichtsratsvorsitzende hartnäckig geweigert, Winterkorn als Vorstandschef zu behalten. Nach Angaben der FAS forderte er zumindest eine Kompensation für sein Wohlverhalten. Einem Bericht der „Bild am Sonntag“ zufolge warf Piëch dabei seinem Cousin und Firmenmiteigentümer Wolfgang Porsche vor, ihn „killen“ zu wollen. Die anderen fünf Präsidiumsmitglieder verweigerten Piëch jedoch das Zugeständnis und wären laut dem FAS-Bericht auch dazu bereit gewesen, ihn notfalls zum Rücktritt aufzufordern.

Öffentlich zumindest versuchen die Mitglieder des mächtigen Präsidiums die Wogen zu glätten. Der frühere IG-Metall-Chef und Aufsichtsrats-Vize Berthold Huber sagte: „Zur aktuellen Diskussion stelle ich klar: Es gibt keinen Grund, den Rücktritt von Dr. Piëch zu betreiben. Wir haben die feste Absicht, mit Dr. Piëch und Dr. Winterkorn den erfolgreichen Weg von Volkswagen auch in Zukunft fortzusetzen.“ Auch das Land Niedersachsen als Großaktionär trat Spekulationen um die Zukunft Piëchs entgegen. „Ministerpräsident Stephan Weil hat stets betont, dass er die erfolgreiche Zusammenarbeit sowohl mit dem Vorstandsvorsitzenden des VW-Konzerns als auch mit dem Aufsichtsratsvorsitzenden fortsetzen will. An dieser Haltung hat sich nichts geändert“, teilte Regierungssprecherin Anke Pörksen mit.

Machtkampf bei VW Alle gegen Piëch

Martin Winterkorn bleibt VW-Chef. Am Ende stand VW-Patriarch Ferdinand Piëch mit seiner Attacke auf Winterkorn alleine da – und muss sich nun einen neuen Kronprinzen suchen.

Quelle: dpa

Dennoch: Die Stimmung ist angespannt. Wie das „Handelsblatt“ berichtet, will das Präsidium nochmals über die Führungskrise beraten – noch vor der Hauptversammlung am 5. Mai. Vordringliches Ziel des Treffens der Mitglieder des Präsidiums des Aufsichtsrats solle sein, ein vernünftiges Miteinander von Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch und VW-Chef Martin Winterkorn zu erreichen, berichtete das Blatt unter Berufung auf das Umfeld des Gremiums. Die Arbeit zwischen den beiden müsse funktionieren. Dazu müsse es eine Klarstellung geben.

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