VW-Skandal: Martin Winterkorn macht den richtigen Schritt

KommentarVW-Skandal: Martin Winterkorn macht den richtigen Schritt

von Rebecca Eisert

Martin Winterkorn übernimmt mit seinem Rücktritt die Verantwortung für den Skandal um manipulierte Schadstoffwerte bei Dieselfahrzeugen in den USA. Das ist der einzig richtige Schritt – und ein Neuanfang für VW.

Die letzten drei Tage seit Bekanntwerden des sogenannten Dieselgate-Skandals waren für Mitarbeiter des Wolfsburger Konzerns und Medienbeobachter eine einzige Hängepartie: Wer wusste was? Wer wusste es wann? Wer wusste nichts - und wenn, warum nicht?

Mit seinem Rücktritt tut Martin Winterkorn das einzig Richtige. Er übernimmt die Verantwortung für den Skandal und macht den Weg frei für einen Neuanfang. Er sei fassungslos, "dass Verfehlungen dieser Tragweite im Volkswagen-Konzern möglich waren". Aufrichtige Einsicht für eigene Versäumnisse scheinen derweil zu fehlen. Sein Rücktritt geschehe "im Interesse des Unternehmens, obwohl ich mir keines Fehlverhaltens bewusst bin", sagte Winterkorn in seiner Rücktrittserklärung.

Anzeige

Der VW-Abgas-Skandal im Überblick

  • 18. September

    Die US-Umweltbehörde EPA teilt in Washington mit, Volkswagen habe eine spezielle Software eingesetzt, um die Messung des Schadstoffausstoßes bei Abgastests zu manipulieren. In den Tagen darauf wird klar, dass weltweit Fahrzeuge von VW und der Töchter betroffen sind – darunter auch Audi und Porsche. Die VW-Aktie bricht ein.  

  • 23. September

    VW-Chef Martin Winterkorn tritt nach einer Krisensitzung der obersten Aufseher zurück. Die Staatsanwaltschaft Braunschweig prüft die Einleitung eines Ermittlungsverfahrens gegen VW. Anlass dafür seien auch eingegangene Strafanzeigen von Bürgern, heißt es.

  • 24. September

    Der VW-Aufsichtsrat tagt. Nach langer Sitzung beruft das Gremium Porsche-Chef Matthias Müller zum neuen Konzernchef und trifft einige weitere Personal- und Strukturentscheidungen. Verantwortliche Motorenentwickler werden beurlaubt.

  • 28. September

    Nach mehreren Strafanzeigen startet die Braunschweiger Staatsanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren wegen Betrugsvorwürfen. Entgegen einer ersten Pressemitteilung der Staatsanwaltschaft Braunschweig gibt es keine Ermittlungen gegen Ex-Chef Martin Winterkorn persönlich.

  • 1. Oktober

    Das Aufsichtsrats-Präsidium beschließt, Hans Dieter Pötsch per registergerichtlichen Anordnung in den Aufsichtsrat zu berufen. Das ist möglich, weil mehr als 25 Prozent der Aktionäre Pötsch favorisiert haben. Die Familien Porsche und Piëch, die Pötsch gegen die Bedenken des Landes Niedersachsens und der Arbeitnehmer durchgesetzt haben, halten über die Porsche SE rund 52 Prozent der VW-Anteile. Julia Kuhn-Piëch, die erst dieses Jahr nach dem Rücktritt von Ferdinand und Ursula Piëch in das Kontrollgremium aufgerückt war, verlässt den Aufsichtsrat wieder.

  • 6. Oktober

    Es ist klar, dass die betroffenen VW-Fahrzeuge in die Werkstatt müssen, damit die Schummel-Software verschwindet. Bei einigen Motorenwerden die Techniker selbst Hand anlegen müssen. Eine Rückruf-Aktion, so wird es am nächsten Tag bekannt werden, soll 2016 starten. Die geschäftlichen und finanziellen Folgender Krise sind nicht absehbar. Die Kosten der Abgas-Affäre werden jedoch enorm sein. Der neue Chef muss sparen: "Deshalbstellen wir jetzt alle geplantenInvestitionen nochmal auf denPrüfstand", kündigt Müller an.

  • 15. Oktober

    Das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) ordnet einen verpflichtenden Rückruf aller VW-Dieselautos mit der Betrugssoftware an. In ganz Europa müssen 8,5 Millionen, in Deutschland 2,4 Millionen Wagen in die Werkstatt. VW hatte eine freiwillige Lösung angestrebt.

  • 28. Oktober

    Der Skandal beschert dem Konzern im dritten Quartal einen Milliardenverlust. Vor Zinsen und Steuern beläuft sich das Minus auf rund 3,5 Milliarden Euro.

  • 3. November

    Der Skandal erreicht eine neue Dimension. VW muss - nach weiteren Ermittlungen der US-Behörden - einräumen, dass es auch Unregelmäßigkeiten beim Kohlendioxid-Ausstoß (CO2) gibt. Rund 800.000 Fahrzeuge könnten betroffen sein. Die VW-Aktie geht erneut auf Talfahrt.

  • 20. November

    Der Diesel-Skandal in den USA weitet sich aus. Erneut. Es seien mehr Drei-Liter-Diesel der Marken Volkswagen und Audi betroffen, als bislang angenommen, erklärt die US-Umweltbehörde EPA. Die Autobauer bestreiten dies zunächst. Wenige Tage später, am 24. November, müssen sie allerdings  einräumen, ein sogenanntes „Defeat Device“ nicht offengelegt zu haben. Die Software gilt in den USA als illegal.

    Die Auswirkungen des Skandal zwingen VW zudem zum Sparen: VW fährt die Investitionen für das kommende Jahr runter. 2016 sollen die Sachinvestitionen um eine Milliarde Euro verringert werden. „Wir fahren in den kommenden Monaten auf Sicht“, sagt VW-Chef Müller. Weitere Ausgaben bleiben auf dem Prüfstand.

  • 24. November

    Neuer Ärger für Volkswagen: Die Staatsanwaltschaft Braunschweig ermittelt nun auch wegen mögliche Steuerhinterziehung im Zusammenhang mit falschen CO2-Angaben. Die könnten dazu geführt haben, dass zu wenig Kfz-Steuer gezahlt wurde.

  • 25. November

    Zumindest etwas Positives für die Wolfsburger: Zur Nachrüstung der millionenfach manipulierten Dieselmotoren mit 1,6 Litern Hubraum in Europa reicht nach Angaben von Volkswagen ein zusätzliches, wenige Euro teures Bauteil aus. Bei den 2,0-Liter-Motoren genügt ein Software-Update. Das Kraftfahrtbundesamt genehmigt die Maßnahmen. Auch wenn VW keine Angaben zu den Kosten macht – es hätte schlimmer kommen können.

Es ist dieser Satz, der deutlich macht, wie dringend Volkswagen den Neuanfang braucht. Ein Manager, der sich offenbar so sehr über den Dingen sieht, kann keinen Wandel einläuten. Es mag die Verbitterung sein, die aus Winterkorn spricht, die ihn diesen überflüssigen Satz anfügen ließ.

Martin Winterkorns tiefer Fall

Winterkorn selbst mag nichts gewusst haben, doch selbst dann muss er sich die Frage gefallen lassen: Wie konnte es zu einem solchen Vorfall kommen?

Für den 68-Jährigen ist es ein tiefer Fall. Seit 2007 lenkte er die Geschicke des Weltkonzerns, trieb Umsatz und Absatz in die Höhe, ergänzte und differenzierte das Markenportfolio. Volkswagen verdankt Winterkorn viel. Fraglos. Genauso fraglos stand Winterkorn aber auch für einen straff hierarchischen, geradezu absolutistischen Führungsstil, der wichtige Veränderungen blockierte und flexible Reaktionen auf veränderte Marktbedingungen und Kundenbedürfnisse erschwerte.

Die Abgas-Tests in Deutschland und Europa

  • Die Vorgaben in Deutschland

    Neue Modelle werden in Deutschland und der EU nach dem Modifizierten Neuen Fahrzyklus (MNEFZ) getestet. Die Tests laufen unter Laborbedingungen, das heißt auf einem Prüfstand mit Rollen. Dies soll die Ergebnisse vergleichbar machen. Der Test dauert etwa 20 Minuten und simuliert verschiedene Fahrsituationen wie Kaltstart, Beschleunigung oder Autobahn-Geschwindigkeiten.

  • Wer testet?

    Getestet wird von Organisationen wie dem TÜV oder der DEKRA unter Beteiligung des Kraftfahrt-Bundesamtes (KBA). Dieses untersteht wiederum dem Verkehrsministerium.

  • Kritik an Prüfung

    Die Prüfungen der neuen Modelle werden von ADAC und Umweltverbänden seit längerem als unrealistisch kritisiert. So kann etwa die Batterie beim Test entladen werden und muss nicht - mit entsprechendem Sprit-Verbrauch - wieder auf alten Stand gebracht werden. Der Reifendruck kann erhöht und die Spureinstellungen der Räder verändert werden. Vermutet wird, dass etwa der Spritverbrauch im Alltag so häufig um rund ein Fünftel höher ist als im Test.

  • Weitere Prüfungen

    Neben den Tests für neue Modelle gibt es laut ADAC zwei weitere Prüfvorgänge, die allerdings weitgehend in der Hand der Unternehmen selbst sind. So werde nach einigen Jahren der Test bei den Modellen wiederholt, um zu sehen, ob die Fahrzeuge noch so montiert werden, dass sie den bisherigen Angaben entsprechen, sagte ADAC-Experte Axel Knöfel. Zudem machten die Unternehmen auch Prüfungen von Gebrauchtwagen, sogenannte In-Use-Compliance. Die Tests liefen wieder unter den genannten Laborbedingungen. Die Ergebnisse würdem dann dem KBA mitgeteilt. Zur Kontrolle hatte dies der ADAC bei Autos bis 2012 auch selbst noch im Auftrag des Umweltbundesamtes gemacht, bis das Projekt eingestellt wurde. In Europa würden lediglich in Schweden von staatlicher Seite noch Gebrauchtwagen geprüft, sagte Knöfel.

  • Geplante neue Prüfmethode

    Die EU hat auf die Kritik am bisherigen Verfahren reagiert und will ab 2017 ein neues, realistischeres Prüfszenario etablieren. Damit sollen auch wirklicher Verbrauch und Schadstoffausstoß gemessen werden ("Real Driving Emissions" - RDE). Strittig ist, inwiefern dafür die bisherigen Abgas-Höchstwerte angehoben werden, die sich noch auf den Rollen-Prüfstand beziehen.

Beispiel USA: Jahrelang dümpelte VW mit einer völlig verfehlten Modellpolitik im Land der unbegrenzten Möglichkeiten vor sich hin - während die deutschen Premiummarken BMW und Daimler munter wuchsen. Der Grund: Alle Entscheidungsgewalt lag in Wolfsburg. Statt den Statthaltern in den USA mehr Befugnisse zuzusprechen, konzentrierte sich die Macht in Deutschland bei Winterkorn.

Führungswechsel trifft VW zur Unzeit

"Volkswagen war, ist und bleibt mein Leben", sagte Winterkorn. Dieses Selbstverständnis führte wohl auch dazu, nicht zeitig einen Nachfolger aufzubauen.

Und so trifft der Wechsel an der Spitze Volkswagen zur Unzeit. Rund um den Globus kämpft der Konzern mit Problemen. Die gigantischen Wachstumsraten in China gehören seit diesem Jahr der Vergangenheit an. Viel schneller als gedacht kühlt sich die Konsumfreude der Chinesen ab. Für den Volkswagen-Konzern, der rund die Hälfte seiner Gewinne aus dem chinesischen Markt zieht, ist das besonders kritisch.

PremiumDossier zum Download Das Ende des Größenwahns bei VW

Auf das Dieselgate folgt der Winterkorn-Rücktritt: Wie das System Volkswagen über Jahre funktionierte, welche Rolle die USA spielen und wie Deutschlands größter Autobauer sich neu erfinden muss.

Dossier VW: Das Ende des Größenwahns

Doch damit nicht genug. In Brasilien sind die Verkäufe in Folge der schweren Wirtschaftskrise massiv eingebrochen. VW plant Rückstellungen in dreistelliger Millionenhöhe. Und der ohnehin schwierige amerikanische Markt, auf dem VW wegen seiner verfehlten Modellpolitik in den letzten Jahren nie wirklich Fuß fassen konnte, dürfte nach dem Bekanntwerden der Manipulationen auf Jahre hinaus eine einzige Baustelle bleiben.

In den nächsten Tagen will Volkswagen einen Nachfolger benennen. Porsche-Chef Matthias Müller werden gute Chancen eingeräumt. Auch der VW-Marken-Chef Herbert Diess, der erst seit Mai an Bord ist, hat Ambitionen. Wer auch immer auf dem Chefsessel Platz nehmen wird, ihn erwartet eine schwierige Aufgaben.

Anzeige

3 Kommentare zu VW-Skandal: Martin Winterkorn macht den richtigen Schritt

  • Wie DUMM das deutsche Volk ist, kann man sehr gut aus diesem Beitrag ersehen:

    "Winterkorn übernimmt die Verantwortung" Auch für meine Taten??

    All jene die das wussten, und auch die jenigen die die Softwar
    entwickelt haben MÜSSEN GEHEN !!
    Diese kriminelle Ader von IT-Spinner ist nicht mehr hinnehmbar.

    Also bei VW MÜSSEN UM 100 PERSONEN GEHEN.

    Ein EINZELNER geht, und alle anderen machen wie bisher??
    So kann man kein Unternehmen zu dem führen, was es werden soll.

  • Gut erkannt Herr Müller, gleich also ob die Kripo nur den Mafia-Boss verhaften würden, um den Weg frei zu machen für eine Neuanfang!

    Ihre Treffer-Quote ist gut: Ich schätze 95% der Deutschen ;-)

  • Freiwillig ging er ja nicht. Er wurde gefeuert. Das sollte man auch sagen dürfen. Schließlich hat er komplett versagt - als VV und als Technikchef.

Alle Kommentare lesen
Unternehmer stellen sich vor
WiWo Guide Unternehmenssuche

Finden Sie weitere Unternehmen aus der für Sie relevanten Branche. z.B.

  • Branchenführer: Rödl & Partner
  • Branchenführer: Luther Rechtsanwaltgesellschaft
  • Branchenführer: Hogan Lovells
WiWo Guide Personensuche

Finden Sie weitere Spezialisten auf dem für Sie relevanten Fachgebiet, z.B.

Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%