
Für die Opel-Mitarbeiter ist die Situation kaum noch zu ertragen. Statt endlich klar und deutlich zu sagen, wie es mit dem Werk Bochum weiter geht, vertröstet das Opel-Management die Angestellten von Woche zu Woche. Bei der Betriebsversammlung am Montag verkündete Konzern-Chef Karl-Friedrich Stracke nichts, was den Mitarbeitern auch nur ein Fünkchen Hoffnung geben könnte. „Es gibt keine Entscheidung zu Opel nach 2014“, sagte er und versprach, dass das Management dem Aufsichtsrat bis zum 28. Juni ein Konzept vorlegen werde, aus dem auch die Zukunft des Bochumer Standortes hervorgehe.
Die Mitarbeiter pfiffen ihren Chef daraufhin aus. Dass Stracke noch den Qualitätsstandard des Werkes lobte, dürfte den knapp 3300 Beschäftigten zu diesem Zeitpunkt relativ egal gewesen sein. Ob die Lobeshymnen der NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft mehr bewegen können, ist ebenfalls fraglich. Sie forderte "eine Offensive" für das Werk Bochum.
Das Opel-Werk Bochum
Beschäftigte
Im 1962 gegründeten Bochumer Opel-Werk arbeiten nach Werksangaben knapp 3300 Beschäftigte. Hinzu kommen rund 500 Menschen bei Partnerfirmen - darunter ausgegliederte Ex-Opelaner in einem Opel-Ersatzteillager. Fremdfirmen und Handwerksbetriebe etwa für Reinigung, Reparaturen oder Neubauten beschäftigen weitere rund 1000 Menschen.
Produktion und Modelle
In Bochum werden je nach Nachfrage 600 bis 700 Autos pro Tag gebaut - 2012 waren es rund 145 000. Produziert werden das aktuelle Modell des Familienvans Zafira Tourer und das ältere Modell Zafira Family. Außerdem stellen die Opelaner das 2009/2010 abgelöste Kompaktmodell Astra Classic für Auslandsmärkte her. Ab 2015 ist das nicht mehr der Fall.
Investitionen in das Werk
Für die Herrichtung der Fertigungsstraßen hatte Opel 2010/2011 rund 175 Millionen Euro neu investiert.
Sparprogramme
Das letzte große Restrukturierungsprogramm durchlief das Werk von Mitte 2010 bis Ende 2011. Dabei wurden nach Werksangaben 1400 Stellen abgebaut. Weitere 300 sollen Ende 2013 folgen, wenn die Bochumer Getriebeproduktion eingestellt wird. Das Opel-Werk ist nach Gewerkschaftsinformationen von der Schließung bedroht, wenn die Beschäftigungssicherung Ende 2014 ausläuft
Die Bochumer Beschäftigten sollten nicht in der Defensive verharren, so Kraft, sondern die Vorteile des Standortes deutlich machen. „Wir waren und wir sind hier nicht die billigsten, aber die Mitarbeiter hier können Qualität bauen.“ Das alles wissen die Bochumer längst und es ändert nichts an der Tatsache, dass Opel in Europa zu wenig Autos absetzt und sich in den Werken Überkapazitäten von 500.000 Autos pro Jahr anhäufen. Das will die Konzermutter General Motors nicht länger tolerieren - hält Opel aber bewusst auf dem krisenbehafteten europäischen Markt gefangen. Die hauseigene US-Marke Chevrolet soll dagegen zunächst Kunden in Asien und dann auf der ganzen Welt - respektive Europa - schmackhaft gemacht werden.
Bild: dpaWo Opel in Deutschland und Europa produziert
Bochum
Kapazität: 160.000 Fahrzeuge
Gefertigte Einheiten: 131.000 (davon 87.000 Zafira)
Seit 1962 produziert Opel in Bochum-Laer und Bochum-Langendreer. 3.100 Mitarbeiter bauen hier den Zafira Family und Zafira Tourer sowie den Astra Classic. Ende 2014 gehen im Werk Bochum die Lichter aus. Die Bochumer hatten den Sanierungsplan der Gewerkschaft im März mit großer Mehrheit abgelehnt, er sah ein Auslaufen der Produktion erst 2016 vor. Die Produktion der Großraumlimousine wandert ab 2015 ins Stammwerk nach Rüsselsheim.
Bild: dpaRüsselsheim
Kapazität: 180.000 Fahrzeuge
Gefertigte Einheiten: 181.000 (davon 150.000 Insignia)
Rüsselsheim ist der älteste Standort von Opel, seit 1899 ist der Autobauer hier zuhause. Im Opel-Stammwerk arbeiten aktuell noch 3.500 Mitarbeiter. Sie produzieren den Opel Insignia als Limousine, Fließheck und Sports Tourer, sowie den Astra-5-Türer. Ab 2015 läuft hier der Zafira vom Band.
Bild: APEisenach
Kapazität: 190.000 Fahrzeuge
Gefertigte Einheiten: 130.000 (ausschließlich Corsa)
In Eisenach steht eines der jüngsten Opel-Werke. 1990 nahm der Autobauer den Betrieb in Thüringen auf. Die 1600 Opelaner in Eisenach sind für das Modell Corsa zuständig - teilen sich die Produktion aber mit dem Kollegen im spanischen Saragossa.
Bild: REUTERSZaragoza (Spanien)
Kapazität: 480.000 Fahrzeuge
Gefertigte Einheiten: 365.000 (davon 216.000 Corsa)
Vorübergehend will General Motors 316 Arbeitsplätze im Werk Zaragoza streichen. Wegen der andauernden Verluste bei Opel sollen im Rahmen einer Umstrukturierung bis 2014 insgesamt 900 Arbeitsplätze gestrichen werden. Die betroffenen Arbeiter sind alle mehr als 57 Jahre alt. Sie sollen nach Angaben des Vorsitzenden des Betriebsrates, Ramón Legarre, „solange wie nötig“ ihre Arbeitsplätze nicht mehr besetzen. Ihnen werde jedoch die Möglichkeit geboten, mit 61 Jahren in den vorzeitigen Ruhestand zu gehen. Opel plant, insgesamt 444 Arbeiter in Figueruelas beim Erreichen dieses Alters in den Ruhestand zu versetzen.
Das spanische Werk in Zaragoza ist mit 6.500 Mitarbeitern das größte Opel-Werk in Europa. Seit 1982 produziert Opel hier. Die Spanier bauen die Modelle Corsa, Meriva und Combo. Spekuliert wird, dass Zaragoza (Saragossa) die Produktion des SUV Mokka aus Korea übernehmen könnte und dafür die Corsa-Produktion komplett im Werk Eisenach abgewickelt wird.
Bild: dpaKaiserslautern
Produkte: Komponenten und Motoren
Im Werk Kaiserslautern entstehen Aluminiumhauben, Vorderrahmen, Vorderradträger und Hinterachsen sowie wie 1,9 l und 2,0 l Dieselmotoren. 2.700 Mitarbeiter arbeiten in Kaiserslautern. Die Produktion begann 1966.
Bild: dpaEllesmere Port (England)
Kapazität: 187.000 Fahrzeuge
Gefertigte Einheiten: 140.000 (ausschließlich Astra)
Ebenfalls in den 60er Jahren entstand das Werk in Ellesmere Port. Gebaut werden hier der Astra Fünftürer, Van und Sports Tourer. 2.100 Briten arbeiten hier für Opel.
Bild: dpaLuton (England)
Kapazität: 67.000 Fahrzeuge
Gefertigte Fahrzeuge: 68.000 (davon 53.000 Vivaro)
Das zweite britische Werk ist mit 1.100 Mitarbeitern eines der kleinen Opel-Werke, aber auch eines der ältestens. 1907 nahm Opel hier die Produktion auf, heute entstehen in Luton Vauxhall-Modelle, eine ursprünglich britische Marke, die seit 1925 zu General Motors gehört, der Opel Vivaro, der Renault Traffic und der Nissan Primastar. 2009 wollte Vauxhall mit Opel eine eigenständige europäische Gesellschaft gründen, doch GM entschloss sich beide Marken im Konzern zu behalten und zu sanieren.
Bild: REUTERSGliwice (Polen)
Kapazität: mehr als 200.000 Fahrzeuge
Gefertigte Einheiten: 174.000 (davon 153.000 Astra)
Das polnische Werk ist eines der jüngsten. Seit 1998 produziert Opel hier Astra-Modelle wie den Astra Classic II uns die Astra Classic III Limousine sowie den Zafira. Mit 3.000 Mitarbeitern gehört das Werk zu den vier größten. Gliwice wird ab 2015 die Astra-Produktion aus dem Werk Rüsselsheim übernehmen, die dafür die Produktion des Zafira aus Bochum übernimmt.
Bild: dpaTychy (Polen)
Kapazität: 330.000 Motoren
Das jüngste Opel-Werk produziert Dieselmotoren. Seit 1999 ist Opel im polnischen Tychy ansässig und beschäftigt dort 550 Mitarbeiter.
Bild: dpaAspern (Österreich)
Kapazität: 805.000 Sechsgang-Getriebe, 760.000 Fünfgang-Getriebe, 730.000 Motoren
Opel produziert seit 1980 in Österreich. In Apsern arbeiten aktuell 1.600 Mitarbeiter und stellen Motoren und Getriebe her.
Wo Opel in Deutschland und Europa produziert
Bochum
Kapazität: 160.000 Fahrzeuge
Gefertigte Einheiten: 131.000 (davon 87.000 Zafira)
Seit 1962 produziert Opel in Bochum-Laer und Bochum-Langendreer. 3.100 Mitarbeiter bauen hier den Zafira Family und Zafira Tourer sowie den Astra Classic. Ende 2014 gehen im Werk Bochum die Lichter aus. Die Bochumer hatten den Sanierungsplan der Gewerkschaft im März mit großer Mehrheit abgelehnt, er sah ein Auslaufen der Produktion erst 2016 vor. Die Produktion der Großraumlimousine wandert ab 2015 ins Stammwerk nach Rüsselsheim.
In der Debatte gibt es keinen neuen Argumente mehr. Opel produziert zu viel und verkauft zu wenig - über kurz oder lang muss ein Werk in Europa schließen. Das ist und bleibt so. Bekannt ist auch, dass bis 2014 keine Mitarbeiter in Bochum entlassen werden dürfen, was danach kommt bleibt ungewiss. Fakt ist seit vergangener Woche auch, dass der Astra ab 2015 nicht mehr in Rüsselsheim, sondern ausschließlich im britischen Ellesmere Port und Polen gefertigt wird. Der Bochumer Betriebsratschef Rainer Einenkel kann das nicht verstehen und warnte seinen Chef Stracke: „Das werden Sie bei den Verkaufszahlen in Deutschland merken.“ Solange sich die Verkaufszahlen sich nicht tatsächlich dramatisch ändern, wird Stracke die Warnung recht gleichgültig hinnehmen. Nicht ignorieren kann der Opel-Chef dagegen den Willen der Europäischen Kommission.
Die britische Regierung hat nämlich möglicherweise den Zuschlag für die Astra-Fertigung mit Subventionszusagen erkauft. Aus dem Europaparlament sei bereits eine entsprechende Anfrage an die EU-Kommission gestellt worden, sagte Schäfer-Klug, Vorsitzender des Gesamtbetriebsrats von Opel, und bestätigte damit einen Bericht der Mainzer „Allgemeinen Zeitung“. Sollte sich der Verdacht bestätigen, wird sich der Abzug aus Rüsselsheim verzögern - eine Garantie, dass Rüsselsheim die Astra-Produktin dann behalten darf, ist es nicht. Es bleibt eine Zitterpartie.
Ein wenig Hoffnung machte Opel-Chef Stracke mit seiner Äußerung zum Zafira. Bochum befürchtet, dass die Chefetage die Produktion des Familienvan nach Rüsselsheim verlagert, wenn fortan polnische und englische Kollegen den Astra bauen, der bisher dort gefertigt wird. Deshalb besteht der Betriebsrat Bochum auf eine Standortgarantie für die gesamte Laufzeit des Modells. Stracke wies dies Spekulationen über die Verlagerung nach Rüsselsheim zurück: „Ich habe zu keinem Zeitpunkt den Zafira von Bochum in Rüsselsheim angeboten.“
Für die Mitarbeiter hat sich nach der Betriebsversammlung nichts geändert. Noch immer herrscht Wut. Ein langjähriger Opel-Beschäftigter sagte: „Das ist dieselbe Hängepartie wie seit zehn Jahren.“ Und die Angehörige eines Opel-Mitarbeiters meinte bitter: „Die hundertste Beschwichtigung ist eine zu viel". Das ständige Bangen um den Job mache die Opelaner mürbe: „Das ist eine Atmosphäre, an der man kaputt geht.“ Die Bochumer Beschäftigten sollten sich an ihre eigene Kraft erinnern, meinte sie. 2004 habe das Werk schon einmal erfolgreich gestreikt.

























