
Opel-Kunden in Konstanz haben in diesen Tagen schlechte Karten. Sämtliche Händler der Bodensee-Stadt winken ab, wenn jemand einen Opel Meriva kaufen will – vor April sei nichts zu machen. Der Minivan gehe „weg wie warme Semmeln“.
Konstanz ist gerade überall in Deutschland. „Der Februar läuft bisher sehr gut, der positive Trend hält an, vielleicht übertreffen wir sogar noch die Zuwächse vom Januar“, schwärmt Alain Visser, Europa-Marketing-Chef der Opel-Mutter General Motors. Für den kleinen Opel Agila seien im ersten Monat dieses Jahres gut 100 Prozent, für den Corsa rund 70 Prozent und selbst für den betagten Astra, der bald abgelöst wird, 30 Prozent mehr Bestellungen von privaten Autokäufern eingegangen als im Januar 2008. Insgesamt lagen die privaten Auftragseingänge damit um 50 Prozent über dem Vorjahr.
Positives berichtet auch Volkswagen-Chef Martin Winterkorn. Der Kleinwagen Polo verkaufe sich derzeit so gut, dass die VW-Fabrik im spanischen Pamplona auf ihre angekündigte Kurzarbeit verzichten kann. Auch der Golf, das Cabriolet Eos und die Mittelklasse-Limousine Passat gingen spürbar besser. VW will deshalb auch auf die angekündigten „Schließtage“ in den Werken Wolfsburg und Emden verzichten.
So viel Hoffnung war lange nicht mehr auf dem deutschen Automarkt. Und das nur, weil Berlin seit wenigen Wochen 2500 Euro für den Kauf eines neuen und die Stilllegung eines wenigstens neun Jahre alten Autos bezahlt. Doch mit jeder Mutmachermeldung über die segensreichen Wirkungen der Abwrackprämie mehren sich die Warnungen, dass dieser Aufschwung auch eine Hypothek auf das nächste Jahr ist.
Läuft die staatliche Stütze wie geplant in gut zehn Monaten wieder aus und dämpft die Wirtschaftskrise weiter die Kauflust der Verbraucher, droht den Autobauern womöglich der gleiche Absturz noch einmal, der sie seit dem vergangenen Sommer belastet. Wer wegen der Prämie den für später geplanten Kauf eines Autos vorzieht, fehlt für eine selbsttragende Erholung der Nachfrage im Jahr 2010. Und hat sich die Kundschaft erst einmal an den Zusatzrabatt gewöhnt, müssen die Autobauer ihre Fahrzeuge möglicherweise im kommenden Jahr noch billiger anbieten. „Die Leute behalten jetzt im Kopf, dass man für 5000 Euro einen neuen Kleinwagen bekommt. Das wird dauerhaft die Preise ruinieren“, befürchtet Angela Böhm, Geschäftsführerin des Marktforschers Dataforce. Dauerhaften Schaden könnten die Hersteller teurer und größerer Fahrzeuge nehmen, weil die Prämie vom Staat zumindest bei den privaten Käufern den Trend zum Kleinwagen künstlich verschärft. Ganz zu schweigen vom Druck auf die Gebrauchtwagenpreise, den ebenfalls die Premiumanbieter überdurchschnittlich zu spüren bekommen dürften.
Bereits 220.000 neue Autokäufer
„Wir nehmen jetzt einen großen Schluck aus der Pulle“, sagt ein Funktionär des Autohändlerverbandes ZDK. „Wir müssen allerdings aufpassen, dass wir uns daran nicht verschlucken.“
Auf dem Papier scheint die Abwrackprämie, die das Bundeskabinett am 27. Januar beschlossen hatte, schon jetzt das große Erfolgsprogramm für die Autoindustrie in Deutschland. Die 2500 Euro Prämie für Neu- und Jahreswagen schlug dermaßen ein, dass ihretwegen bereits 220.000 Kunden einen Kaufvertrag unterschrieben haben. Das sind fünfmal so viel Bestellungen wie Anträge auf die Prämie gestellt wurden. Sollte der Ansturm anhalten, könnten die 1,5 Milliarden Euro, die Berlin maximal für die Prämie lockermachen will, innerhalb der nächsten Monate aufgebraucht sein. Damit hatte kein Hersteller gerechnet.
Klar ist aber auch, dass längst nicht jeder Kunde, der derzeit die Prämie in Anspruch nimmt, ansonsten gar kein Auto gekauft hätte. So gehen Experten vom Beratungsunternehmen IHS Global Insight davon aus, dass in Deutschland dank Abwrackprämie 2009 zwar 190.000 neue Pkws und rund 60.000 Jahreswagen zusätzlich verkauft werden. Doch etwa die Hälfte davon seien vorgezogene Käufe, „die in den Folgejahren fehlen werden“, sagt Autoanalyst Sascha Heiden. Zwar schätzt Heiden die Prämie per saldo durchaus positiv ein. Aber möglicherweise fällt der positive Effekt deutlich geringer aus, als sich das mancher Automanager und Händler derzeit wünscht. Den Berechnungen zufolge brächte die Abwrackprämie bis 2012 per saldo nur ein Plus von rund 100.000 Fahrzeugen. Das entspräche weniger als einem Prozent des gesamten Pkw-Absatzes in diesem Zeitraum.
Studieren lässt sich dieser Effekt in anderen Ländern. „In Italien wird der Markt seit zehn Jahren regelmäßig durch Abwrackprämien belebt“, sagt Analyst Heiden, „und bricht anschließend deutlich ein.“ Auch GM-Manager Visser sieht diese Gefahr: „Wir wissen aus anderen Märkten, dass es am Ende einer solchen Aktion umso steiler heruntergehen kann.“ Dennoch geht er davon aus, dass „ein erheblicher Teil der Verkäufe nicht vorgezogen ist, sondern nachgeholt wird, weil die Kunden lange verunsichert waren“.









