
Gerade noch hatten sie das „Wunder von Turin“ gefeiert, das hauptsächlich darin bestand, dass sich die totgesagte Fabbrica Italiana Automobili Torino wieder auf die Füße, beziehungsweise Räder, rappelte. Und nun feiern sie die Eroberung Amerikas mit Chrysler an einem Tag, bestaunen den Griff nach Opel an einem anderen und am wieder nächsten kommen Gerüchte auf, Fiat könnte nun auch nach der Lateinamerika-Sparte von GM schielen. Da wird selbst den geschwindigkeitsverliebten und autoverrückten Italienern schwindelig. Dabei hätten sie damit rechnen können.
„Wir müssen mit Lichtgeschwindigkeit handeln“, hatte Fiat-Chef Sergio Marchionne vor wenigen Monaten erklärt. Und genau das tut er. „Nur die Großen werden überleben“ hatte der Manager orakelt und die Absatzmenge von 5,5 bis 6 Millionen Fahrzeugen pro Jahr zur kritischen Masse erklärt. Die Ankündigung, Fiat könne alleine auf Dauer nicht überleben, hatte damals in Italien leichtes Schaudern ausgelöst, hatten sich die Südländer doch gerade erst wieder daran gewöhnt, das Fiat überhaupt eine Zukunft haben sollte.
Tatsächlich stand der Autokonzern 2004, als Marchionne anrückte, kurz vor der Pleite. „Man hatte den Konzern aufgegeben, den Aasfressern vorgeworfen. Das italienische Auto war nichts wert, die Technologie verlacht“, fasst es ein Kommentator des Mailänder „Corriere della Sera“ zusammen. GM zahlte umgerechnet 1,5 Milliarden Euro, um Fiats marode Autosparte nicht wie Jahre zuvor vertraglich ausgehandelt, übernehmen zu müssen. „Und heute versucht Fiat Amerika zu erobern“, jubelt der Corriere-Kommentator. Mehr noch. Fiat werde sogar als „Retter gerufen, um das Automobil zu retten, in dem Land, in dem man es erfunden hat.“ So hört sich italienischer Nationalstolz an.
Fiat - Symbol des Wiederaufstiegs
Schon einmal war Fiat Symbol des Wiederaufstiegs. Nach dem zweiten Weltkrieg produzierten die Turiner ein Erfolgsmodell nach dem anderen. Das Sinnbild schlechthin aber war damals der kugelige kleine Fiat 500, der wie in Deutschland der VW Käfer zum Symbol des Wirtschaftswunders wurde. Und er ist es auch heute wieder. Staunend betrachten die Italiener seit 2004, wie der in der Autobranche nahezu unbekannte Marchionne Fiat vom Abgrund wegzog und langsam wieder aufbaute.
Aber mit der Neuauflage des Fiat 500 kam auch die überschwängliche Liebe seiner Landsleute zurück. Die Einführung des Wagens wurde landesweit mit großen Galas und Festen gefeiert und um die ersten Autos, die offensichtlich zu Werbezwecken in den Städten abgestellt wurden, noch bevor der Wagen offiziell auf den Markt kam, bildeten sich regelmäßig Menschentrauben. Wer einen „Cinquecento“- wie der „Fünfhundert“ auf Italienisch heißt - fuhr, der erntete – nicht nur in Italien – oft neidische Blicke, denn Anwärter mussten sich wegen der Wartezeiten lange gedulden. Heute haben sich die Italiener langsam an den Anblick des kaum weniger kugelig als früher geratenen Wagens gewöhnt. Ein entzücktes „Che bello“ schallt den Fahrern nicht mehr an jeder Ecke entgegen, ein liebevolles Lächeln ernten sie mit ihrem Gefährt aber immer noch häufig.
Spektakuläre Sportwagen-Unfälle und heiße Liebschaften

Völlig anders als früher ist allerdings die Vaterfigur des Erfolges. Damals waren es die Agnellis, die „Kennedys Italiens“, die untrennbar mit dem Schicksal Fiats verbunden waren. Gesicht der Glanzzeiten war Gianni Agnelli, der „Avvocato“. Der 1921 geborene Enkel des Firmengründers gilt noch heute als Verkörperung des italienischen Playboys par excellence. Er zählte zum internationalen Jet-Set, machte durch spektakuläre Sportwagen-Unfälle und heiße Liebschaften von sich reden.
Nachgesagt wurden ihm unter anderem Affären mit Rita Hayworth, Jackie Kennedy und Anita Ekberg. „Vieles ist über ihn gesagt worden: Nationale Ikone, ungekrönter König, Mächtigster und einflussreichster Mann seiner Zeit. Er war eine der seltenen Fusionen aus Mythos und Realität,“ schrieb sein Freund Henry Kissinger in einem Nachruf.
Auch in Sachen Mode und Stil wurde der der im Alter von 23 Jahren von seinem Großvater zum Thronfolger gekrönte und als Fiat-Vizepräsident an seine Seite berufene Gianni Agnelli zur Ikone. Landesweit imitieren Männer seine Eigenart, die teure Armbanduhr über der Hemdsmanschette zu tragen.






















