Autobauer: Indische Politur für Jaguar

Autobauer: Indische Politur für Jaguar

Unter Führung des Tata-Konzerns wagt der britische Autohersteller Jaguar den Spagat: traditionelle Werte plus Supertechnik.

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Präsentation des Jaguar XJ : Traditionalisten dürften die Luxuslimosine des Modelljahrs 2010 als eine Provokation ansehen

Die Raubkatze auf der Motorhaube – hingerafft von den gesetzlichen Bestimmungen zum Fußgängerschutz. Der elegante Automatik-Wahlhebel – ersetzt durch einen Schalter zum Drehen und Drücken, der beim Einschalten der Zündung blinkend aus der Mittelkonsole fährt. Die klassischen Armaturen – ausgetauscht durch einen Touchscreen, über den auf Knopfdruck 3-D-Animationen tanzen. Und die Anzeigen funkeln statt in dunklem Racing-Green nun in flippigem Phosphor-Blau.

Traditionalisten dürften den neuen Jaguar XJ als Provokation ansehen, wenn das Auto in diesen Tagen in den Handel kommt. Statt für antiquierte Pfeifenraucher im Tweedjacket scheint die über fünf Meter lange Sportlimousine für Captain Future gebaut worden zu sein. Der knallharte Kulturbruch ist keine Verirrung, sondern Kalkül: „Von Zeit zu Zeit kommen wir mit revolutionär neuen, modernen Autos“, erklärt David Smith, der Chef der Jaguar-Land-Rover-Gruppe. „Das war in der Geschichte von Jaguar immer so.“

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In der Tat kennt die Geschichte von Jaguar seit der Gründung 1922 durch William Lyons viele Brüche, stylistische, technische, auch unternehmerische. Erst selbstständig, ging das Unternehmen 1996 zunächst in der später verstaatlichten British Leyland Motor Corporation (Branchenspott: „British Elend“) auf, um 1998 beim US-Autobauer Ford zu landen. Der warf Jaguar mit Land Rover, Aston Martin, Volvo und Lincoln in den Topf der Premier Automotive Group (PAG), deren Chef Wolfgang Reitzle das britische Label zu einer global erfolgreichen Premiummarke aufbauen sollte. Doch daraus wurde nichts. Nach dem Abgang von Reitzle verlor der Ford-Konzern rapide das Interesse an der PAG und verkaufte angesichts klammer Kassen Jaguar und die Schwestermarke Land Rover im Frühjahr 2008 für 2,3 Milliarden Dollar an den indischen Großindustriellen Ratan Tata.

Tata setzt lieber auf traditionelle Marktsegmente

Was der mit Jaguar vorhat, erschließt sich erst allmählich. „Wir besinnen uns wieder auf historisch gewachsene Markenkerne“, gibt Jaguar-Chef Smith vorsichtig zu Protokoll. Will sagen, dass Jaguar Experimente wie den Vorstoß in fremde Marktsegmente nicht wiederholen werde. Die ehemalige US-Konzernmutter brachte einen kleinen Jaguar X-Type auf Basis des Ford Mondeo auf den Markt, um damit breitere Kundenkreise zu erschließen. Der X-Type war jedoch ein Flop, von dem seit dem Modellstart 2001 weltweit nur 363.602 Exemplare verkauft wurden. Geplant war ein Absatz von bis zu 400.000 Fahrzeugen – jährlich. Tata zog die Reißleine: Ende 2009 wurde die Produktion eingestellt.

Der indische Großindustrielle setzt lieber auf traditionelle Marktsegmente und lässt Jaguar nun einen neuen E-Type-Roadster entwickeln. Zudem fördert er die Entwicklung eines Autos mit Hybridantrieb und duldet großzügig Experimente mit Elektroautos. Im Gegenzug drängt Tata auf Synergien mit Unternehmen seines Konglomerats. So wird Jaguar künftig Aluminium für die Karosserien von dem zum Tata-Konzern zählenden Hüttenkonzern Corus Company beziehen. Und selbstverständlich werden die Taj- und Crowne Plaza Hotels der Tata-Gruppe mit Jaguar-Limousinen zur Beförderung gut betuchter Gäste ausgestattet.

Der neue XJ, den Jaguar in wenigen Wochen zu Preisen ab 76.900 Euro in den Handel bringt, kommt da gerade recht. Dass die Inder mit dem britischen Autounternehmen Großes vorhaben, zeigt auch eine Investitionsspritze von 925 Millionen Euro für die Entwicklung alternativer Antriebe. Ein Teil des Geldes soll in eine Hybridversion des XJ fließen. Andy Dobson, bei Jaguar verantwortlich für die Oberklasselimousine, fährt einen Prototypen mit dem Antrieb bereits zu Studienzwecken.

Das Auto wiegt dank Kohlefaser-Material nur 1350 Kilo. Angetrieben wird es von einem Elektromotor, der mit einem Dreizylinder-Benzinmotor verbunden ist. Mit beiden Motoren kommt der Wagen auf eine Antriebsleistung von 197 PS. Der Verbrennungsmotor dient ausschließlich als „Range Extender“: Er speist Lithium-Ionen-Batterien im Kofferraumboden, die eine emissionsfreie Fahrt bis 50 Kilometer sicherstellen. Wer weiter fahren möchte, muss die Akkus an einer Steckdose nachladen oder Fahrstrom mit dem Benziner erzeugen. Dadurch sei eine Reichweite bis zu 1000 Kilometer drin, verspricht Dobson.

Noch bestellt Jaguar mit dem XJ-E – das „E“ steht für „Electric“ – ein für die Automarke völlig neues Feld. Ob dieses jemals Früchte trägt, hängt auch von der Geduld des Tata-Konzerns ab, dessen Finanzkraft in der Wirtschaftskrise kräftig gesunken ist und der seit der Übernahme von Jaguar und Land Rover rund 16 Prozent des Unternehmenswertes verlor.

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