
Gabriele Müller, 45, zierlich und kerzengerade im dunklen Bankerinnen-Kostüm, scheint eine analytische Begabung und eine ruhige Natur zu sein – bis am Konferenztisch in dem kühlen, gläsernen Zweckbau das Wort „Bad Bank“ fällt. „Wir sind weder bad noch eine Bank“, ärgert sich die Portfoliomanagerin, und die goldene Sonne an ihrer Halskette scheint sich zu verdunkeln.
Müller ist eine von bisher zwölf Mitarbeitern der Ersten Abwicklungsanstalt (EAA), wie die Bad Bank korrekt heißt. Sie soll ein 77 Milliarden Euro schweres, von der WestLB übernommenes Wertpapierpaket im Laufe der kommenden Jahre stückweise verkaufen. Die WirtschaftsWoche bekam jetzt als erstes Medium Zugang zu Müller und ihren Kollegen, die mit ihrer Arbeit möglichst viel Geld für den Steuerzahler retten sollen.
Am Anfang standen 5000 Vertragsseiten, die im April drei Tage lang ermatteten Anwälten und Bankern des Bankenrettungsfonds Soffin und der WestLB vorgelesen wurden, um der Rechtsordnung Genüge zu tun. Dann stand der finale Vertrag zur Gründung der EAA, vulgo Bad Bank, oft auch geschmäht als Resterampe der WestLB.
Keine Blaupause, kein Organigramm, keine Mitarbeiter
Wenige Wochen zuvor hatten die frisch gekürten EAA-Vorstände Matthias Wargers und Markus Bolder ausgerechnet am Rosenmontag in Düsseldorf über einem weißen Blatt gebrütet, um den gesetzlichen Auftrag zur Gründung einer Abwicklungsanstalt mit Leben zu füllen.
Denn außer dem Vertragsentwurf hatten sie – nichts: „Keine Blaupause, kein Organigramm, keine Mitarbeiter“, erzählt Wargers. Es gab nur den Auftrag, mit so wenig Verlust wie möglich Aktien, Anleihen, Kreditpakete und ganze Geschäftsbereiche wie die Finanzierung von Handelsimmobilien, Schiffen, Flugzeugen oder Hotels im Buchwert von insgesamt 77 Milliarden Euro zu verkaufen.
Dazu zählen auch jene einst als Finanzinnovationen gepriesenen Wertpapiere, die ihren Schöpfern in der Krise um die Ohren flogen. So etwas fassen auch Profianleger derzeit nicht mal mit der Kneifzange an. Doch alles muss raus. Denn Ziel der Aktion ist es, der EU-Auflage genüge zu tun und die Bilanzsumme der WestLB zu halbieren.
Stunde null
In diesen Tagen formiert sich in Düsseldorf im vierten Stock eines Bürohauses am Unterbilker Kirchplatz eine handverlesene Truppe von acht Männern und vier Frauen. Es ist ihre Stunde null zwischen Umzugskartons und Bauarbeiten. Spezialisten für Portfoliomanagement und Risikosteuerung konstruieren ein Geschäftsmodell mit flacher Hierarchie, schnellen Entscheidungen und ohne übernatürliche Renditevorgaben von bis zu 20 Prozent wie in Frankfurter Bankhäusern üblich. Maximal 40 Mitarbeiter sollen es bis Jahresende werden.
Die Blicke der Branche ruhen daher auf dem größten Startup Deutschlands, das mit einer Bilanzsumme von angepeilten 77 Milliarden Euro manch etablierte Bank in den Schatten stellt.
Sollten die Rheinländer erfolgreich sein, dürfte ihr Businessplan zum Vorbild werden, denn auch andere angeschlagene Banken könnten ein Großreinemachen gebrauchen: Sei es der Immobilienfinanzierer Hypo Real Estate, der die Gründung einer rund 210 Milliarden Euro schweren Bad Bank schon beim Bankenrettungsfonds Soffin und der EU beantragt hat; sei es die Bayerische Landesbank, die sich diese Hintertür noch offen hält. Soffin-Chef Hannes Rehm: „Bei der Düsseldorfer EAA zeigt sich, dass das Instrument der Abwicklungsanstalt greift.“













