Bahn-Chef Grube: "Das ist Propaganda"

Bahn-Chef Grube: "Das ist Propaganda"

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Bahn-Chef Rüdiger Grube im Gespräch mit der WirtschaftsWoche

von Reinhold Böhmer und Christian Schlesiger

Bahn-Chef Rüdiger Grube verteidigt das umstrittene Großprojekt Stuttgart 21, wettert gegen ICE-Lieferant Siemens und will Fahrgäste künftig in besserem Deutsch informieren.

WirtschaftsWoche: Herr Grube, können Sie die Stuttgarter verstehen, die gegen den Totalumbau des Bahnhofs demonstrieren?

Rüdiger Grube: Ehrlich gesagt, nein. Der geplante Bahnhof ist ein Geschenk an die Stadt. Die Stuttgarter finanzieren von den erwarteten Kosten von rund 4,1 Milliarden Euro selbst nur rund sechs Prozent. Wenn jemand auf die Straße gehen müsste, dann die Menschen, die außerhalb Stuttgarts leben, weil sie selbst gern ein Projekt mit so vielen positiven Effekten hätten.

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Die Kritik zielt doch auch auf die Frage, ob sich die Milliarden für die versprochenen Verbesserungen überhaupt lohnen.

Das tun sie. Die Reisezeiten verkürzen sich drastisch. Vom Hauptbahnhof bis zum Flughafen brauchen Sie heute 27 Minuten, bald nur noch acht. Eine Fahrt vom Flughafen nach Tübingen dauert heute 64 Minuten, in Zukunft 35. Das Projekt ist eine einmalige Chance für die Stadt, an die Ost-West-Verbindung von Paris nach Wien und Bratislava angebunden zu werden. Hinzu kommen positive wirtschaftliche Nebeneffekte. So steigt die Kaufkraft der Region durch bessere Verkehrsanbindung um mindestens eine halbe Milliarde Euro pro Jahr. Zudem wird die Stadt viel grüner und, und, und...

Sie werben auch mit verkürzten Reisezeiten von Stuttgart nach Ulm von heute 54 auf 28 Minuten. Dabei verschweigen Sie, dass die Bahn in den Neunzigerjahren nur 39 Minuten brauchte, seitdem aber nichts für die Ertüchtigung der Strecke getan wurde. Sind Milliarden für in Wirklichkeit nur elf Minuten nicht maßlos?

Danke für dieses Argument. Damit machen Sie nur deutlich, wie wichtig es ist, dass wir unser Bahnnetz in Deutschland weiter modernisieren und nicht verkümmern lassen. Wir müssen investieren und auch den Mut haben, Großprojekte zu realisieren.

Ist ein Großprojekt auf der Schiene noch zeitgemäß, das den Hochgeschwindigkeitsverkehr vergöttert?

Das deutsche Netz ist eines der am dichtesten befahrenen Schienennetze der Welt. Die Zukunft gehört der Entflechtung von schnellem und langsamem Verkehr, also dem Güter- und dem Personenfernverkehr. Genau das machen uns Japan mit Shinkansen und Frankreich mit dem TGV ja vor. Bloß, in unserem eng besiedelten Land kosten neue Trassen enorme Summen. Woher soll das Geld bei knappen Kassen kommen?

Kann Stuttgart 21 noch scheitern?

An der Bahn und mir wird es definitiv nicht scheitern. Im Übrigen habe ich den Eindruck, es geht vielen Leuten gar nicht um Stuttgart 21, sondern um die Landtagswahlen im kommenden März. Durch Widerstand lassen sich Ergebnisse beeinflussen. Das ist auch legitim, geht aber an den Fakten des Projektes völlig vorbei.

Haben Sie sich selbst Fehler vorzuwerfen?

Nachdem ich im Mai 2009 den Chefposten bei der Bahn übernommen hatte, ließ ich sofort alle Kosten für den unterirdischen Bahnhof und die Neubaustrecke nach Ulm neu kalkulieren. Seitdem wissen wir, der Bahnhof kostet rund 4,1 Milliarden Euro und die Neubaustrecke rund 2,9 Milliarden Euro. Ich war es, der als neuer Bahn-Chef realistische Zahlen auf den Tisch gelegt hat.

Können Sie weitere Kostensteigerung ausschließen?

Bei Infrastrukturprojekten kann man nie sagen, was am Ende auf Heller und Pfennig herauskommt. Beispiel: Allein durch höhere Auflagen der Behörden könnten rein theoretisch Mehrkosten entstehen. Vor zehn Jahren musste man in Tunneln alle 1000 Meter einen Sicherheitsausgang bauen, heute alle 500 Meter. Wenn das künftig wieder geändert würde, würde es natürlich teurer. Aber entscheidend ist etwas anderes: Die jetzige Größenordnung bei beiden Projekten stimmt und ist seriös durchgerechnet.

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