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Bahnhof: Baustopp von Stuttgart 21 wäre ein wirtschaftliches Fiasko

von Christian Schlesiger, Henryk Hielscher, Rüdiger Kiani-Kreß und Max Haerder

Ein Abbruch des umstrittenen Bahnhofsprojekts Stuttgart 21 würde viele Investoren schwer schädigen.

Demonstration gegen das Quelle: dpa
Demonstration gegen das Projekt Stuttgart 21 Quelle: dpa

Langsam wird Ralph Esser ungeduldig. „Wir könnten eigentlich anfangen zu bauen“, sagt der Geschäftsführende Gesellschafter des Frankfurter Immobilienentwicklers Fay. Rund 60 Millionen Euro will das Unternehmen für ein „reinrassiges Bürogebäude mit Einzelhandelsgeschäften und Gastronomie“ im neuen Europaviertel in Stuttgart investieren, das 2012 bezugsfertig sein könnte. Geplant ist der Neubau auf einer Fläche, wo nebenan noch die Gleise des Stuttgarter Hauptbahnhofs liegen, der bis 2019 unter der Erde verschwinden soll.

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Doch im Moment passiert gar nichts – seitdem die Zahl der Gegner des Projekts Stuttgart 21 Tag für Tag zunimmt, sind Investoren und potenzielle Mieter verunsichert. „Durch die Massenproteste leidet der Standort insgesamt“, klagt Esser, auch viele andere Bauprojekte hätten sich verzögert. Nun hat er Probleme, seine Immobilie zu vermarkten. „Wer hat schon Lust, auf einer ewigen Baustelle zu leben.“

Vertrauen auf S21

Das größte Infrastrukturprojekt Europas erlebt seine schwierigste Phase. Riesige Bagger rückten vergangene Woche an, um den Nordflügel des Bahnhofs abzureißen. Gleichzeitig forderten vor dem Haupteingang des nicht sonderlich schönen, aber historischen Gebäudes des Architekten Paul Bonatz wütende Stuttgarter einen Baustopp. Noch stehen Stadt, Land Baden-Württemberg, Bund und Deutsche Bahn zu dem Projekt: Doch sollten die Pläne für Stuttgart 21 – wie von den Gegnern beabsichtigt – angesichts des politischen Drucks gestoppt oder gar begraben werden, würde das die privaten Investoren Millionen kosten — und die Stadt um Jahre, vielleicht Jahrzehnte zurückwerfen, warnen Befürworter.

Vor allem das zukünftige Europaviertel, das neben dem Super-Bahnhof entstehen soll, ist schon heute eine Riesenbaustelle. Die 70 Millionen Euro teure Stadtbibliothek ist fast fertig, der baden-württembergische Sparkassenverband investiert rund 80 Millionen Euro in ein Akademie-Gebäude, der erste Spatenstich für die Pariser Höfe, ein 85 Millionen teures Ensemble mit 243 Wohnungen, ist getan. Zwar „funktioniert die Baufläche auch ohne Stuttgart 21“, räumt Klaus Vogt, Leiter der Wirtschaftsförderung, ein, doch S21 ist „ein Treiber des Projektes“.

Darauf vertraut auch der Hamburger Shoppingcenter-Betreiber ECE, der zusammen mit dem Immobilienentwickler des Baukonzerns Strabag und der Bayerischen Bau und Immobiliengruppe rund 500 Millionen Euro in ein gigantisches Einkaufszentrum investieren will. Geplant sind drei über Brücken verbundene Gebäude mit 500 Wohnungen, einem Hotel, Restaurants und 150 bis 200 Einzelhandelsgeschäften.

Ein Baustopp wäre verheerend für ECE: Alle Wirtschaftlichkeitsrechnungen für das Projekt basieren auf den veränderten Besucherströmen rund um den geplanten unterirdischen Bahnhof. Sollte daraus nichts werden, müsste wohl auch das Shoppingquartier deutlich abgespeckt werden, der Zeitplan wäre kaum zu halten. Eigentlich sollten die Bauarbeiten im Frühjahr 2012 starten, drei Jahre später der Gebäudekomplex stehen.

ECE ist kein Einzelfall. Auch Tobias Fischer, Geschäftsführer der Schwäbischen Wohnungsbau, baut auf Stuttgart 21. Sein Unternehmen plant für 60 Millionen Euro Wohnungen auf dem neuen Gelände. Wegen der Proteste befürchtet er „noch zähere Genehmigungsverfahren“. Sollte das ganze Projekt begraben werden, wären getätigte Investitionen von 15 Millionen Euro verloren.

Die Verunsicherung strahlt auch ab auf Stadtviertel, die nur indirekt vom Umbau betroffen sind. Für Willem van Agtmael, geschäftsführender Gesellschafter des traditionsreichen Stuttgarter Warenhauses Breuninger, müssten die Proteste Grund zum Feiern sein – die mehr als 43.000 Quadratmeter an neuer Verkaufsfläche im ECE wären für ihn Konkurrenz.

Doch der Breuninger-Chef hat sich längst mit den Plänen arrangiert. Um die Verödung der Innenstadt zu verhindern, plant er für 2014 die Eröffnung eines Da-Vinci getauften Areals in Nachbarschaft zu seinem Warenhaus. Das Gelände soll Landesministerien und ein Fünf-Sterne-Hotel beherbergen und für Besucher rund um das Breuninger-Kaufhaus sorgen. 280 Millionen Euro wollen van Agtmael und das Land Baden-Württemberg ausgeben.

56 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 27.11.2011, 09:30 UhrAnonymer Benutzer: mainzelmaennchen

    Den immergleichen Chinaramsch in immergleichen ECE-Buden in allen Städten Deutschlands: Darauf können wir verzichten. Was den Stuttgartern und Baden-Württembergern blüht, ist in Hamburg gut zu beobachten mit deren Elbphilharmonie: 75 Millionen geplant, jetzt fast 500 Millionen, 3 Jahre Bauzeitverzögerung, Baustop wegen Einsturzgefhar, 5700 Mängel, Stadt, Hochtief und Architekten heillos zerstritten - und das bei einem vergleichsweise "läppischen" Hochbauprojekt.

    Jetzt nehme man das Ganze mal 20, lege das Ding unter die Stuttgarter Erde in den Gipskeuper, mineralwasserumtost und gleisüberkreuz, lasse mehrere Orchester auftreten, gleichzeitig im gleichen Saal, dann hat man eine Vorstellung, was dem Land blüht mit seinem Nah,-Regional-und Fernverkehr, unumkehrbar. Nichts ist gut an Stuttgart21, weder Bauplanung, noch Finanzplanung, noch Informationspolitik, ein rein von knallharten Kapitalinteressen bestimmtes Projekt, dessen Nutznießer bei Banken, Spekulanten und Halbhöhenconsultings zu finden sind, Geldvermehrung ohne Nutzen für die Bürger.

  • 05.10.2010, 12:18 UhrAnonymer Benutzer: Rumpel Stilzchen

    ... und die Tatsache, dass z.b. Herrn Ex-MP Oettingers Lebensgefährtin Geschäftsführerin bei der ECE ist, hat bestimmt nix mit dem Ganzen zu tun... Ein Schuft, wer böses hierbei denkt - und ein Depp, wer nicht.

  • 19.09.2010, 16:56 UhrAnonymer Benutzer: Europaviertel?

    "Vor allem das zukünftige Europaviertel, das neben dem Super-bahnhof entstehen soll, ist schon heute eine Riesenbaustelle"

    Das ist schon seit Mitte der neunziger Jahre eine riesige leere Fläche, die nur im Zeitlupentempo erschlossen wird - mit gigantischen beton- und Glaskästen, bei denen man sich als Mensch wie ein winziger Zwerg vorkommt. Ohne Landesunternehmen wie die LbbW hätte dort wohl überhaupt niemand etwas hingebaut... trotz der ach so gigantischen Nachfrage nach neuen büros, Einkaufszentren und der 20. Niederlassung der immer selben Ketten. An Einkaufsmöglichkeiten besteht in Stuttgart nun wirklich kein Mangel, direkt am Schloßplatz entstand vor wenigen Jahren ein riesiges Einkaufszentrum.

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