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Banken: Das Schattenreich der Finanzindustrie

von Andreas Henry, Matthias Kamp, Cornelius Welp und Yvonne Esterházy

Das Ziel einer weltweit einheitlichen Regulierung der Finanzbranche steht auf der Kippe. Banken bieten sich Schlupflöcher in anderen Ländern. Riskante Geschäfte drohen ins Schattensystem abzuwandern. Die Aufseher kommen kaum hinterher.

Dunkle Regenwolken über der Quelle: dpa
Dunkle Regenwolken über der Skyline von Frankfurt am Main Quelle: dpa

Es ist ein über den ganzen Erdball verzweigtes Geflecht, das auch nach mehr als zwei Jahren nur ansatzweise entwirrt ist. Auf mehr als 800 Tochtergesellschaften hatte die Investmentbank Lehman Brothers ihr Geschäft verteilt. Seit ihrer Pleite im September 2008 versuchen die Insolvenzverwalter nun, die komplexen Beziehungen, Besitzverhältnisse und Zahlungsströme zwischen den Unternehmensteilen zu ergründen.

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Dabei fördern sie Erstaunliches zutage: Mit gerade mal 14 Mitarbeitern kam etwa die Schweizer Tochter Lehman Brothers Finance (LBF) auf eine Bilanzsumme von 33 Milliarden Dollar. Der Grund dafür: Nach Schweizer Recht musste die LBF, die komplizierte Finanzprodukte an Profianleger verkaufte, ihr Geschäft nicht mit Eigenkapital unterlegen. In die LBF lagerten daher Lehman-Gesellschaften aus ganz Europa Risiken aus, für die sie in anderen Ländern hätten vorsorgen müssen. Das hätte die Profitabilität gedrückt. Die Risiken lösten sich durch dieses offenbar legale Vorgehen jedoch nicht in Luft auf, sondern lasteten letztlich auf der Mutterbank, ohne dass diese ausreichend vorgesorgt hatte – mit den bekannten Folgen.

Was hier offenbar wird, ist ein Albtraum nicht nur für Konkursverwalter, sondern auch für Bankenaufseher und Regulierer in aller Welt. Wie andere global tätige Institute hatte Lehman Geschäfte und Gesellschaften jeweils in den Ländern angesiedelt, in denen die Rahmenbedingungen dafür besonders vorteilhaft waren. „Regulatorische Arbitrage“ heißt das im Fachjargon. In Deutschland machten davon prominent Hypo Real Estate, IKB und Sachsen LB Gebrauch. Sie betrieben Milliardengeschäfte in Zweck- oder Tochtergesellschaften, teilweise außerhalb der Bilanz und bevorzugt in Irland, wo die Aufsicht deutlich laxer war. Deutsche Aufseher konnten dem nur tatenlos zuschauen, wenn sie überhaupt davon wussten.

Langsame Umsetzung von Basel lII

Damit sollte nach der Krise Schluss sein. „Eine international einheitliche Regulierung“, „ein gleiches Spielfeld“ –  das fordern Aufseher und Bankmanager bei nahezu jedem öffentlichen Auftritt.

Mit den vor wenigen Wochen beim Treffen der G20 in Seoul getroffenen Beschlüssen scheint die Grundlage dafür geschaffen. Dennoch mehren sich Zweifel, dass das Ziel erreicht wird. „Die Regulierung wird nach der Krise weniger einheitlich sein als davor“, erwartet der Vorstand einer Investmentbank. „Wir sehen uns an, was in den einzelnen Ländern geschieht, und werden darauf schnell reagieren“, sagt ein weiterer Top-Investmentbanker. Das Problem regulatorischer Arbitrage sei keineswegs kleiner geworden.

Wie auch? Selbst die Beschlüsse aus Seoul müssen die Länder noch umsetzen. Deutsche Banken fürchten weiter, dass ihre US-Konkurrenten die neuen Regeln zur Eigenkapitalunterlegung (Basel III) nur zögerlich oder gar nicht einführen. Das war bereits beim Vorgängerwerk der Fall. Viele Bestimmungen sind zudem unklar formuliert und öffnen Schlupflöcher. Einige Themen, etwa das Geschäft mit Derivaten, bleiben in Details weiter offen.

4 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 27.12.2010, 22:53 UhrAnonymer Benutzer: Peterson

    Der neoliberale Mainstream hatte in den vergangen Jahren den Status einer, auf für Deppen verständlichen, Ersatzreligion erreicht. Tatkräftig gefördert von den tatsächlichen oder vermeintlichen Nutznießern. Obwohl er die amerikanische Gesellschaft gespalten und seine Wirtschaft ruiniert hat, wird er anscheinend in den USA nicht ernsthaft in Frage gestellt, ganz im Gegenteil. Siehe dazu: http://www.zeit.de/2010/46/Amerika-Kapitalismus . Wie sagte mir kürzlich der sehr lebenserfahrene Ex-Mitarbeiter einer der weltweit größten Wirtschaftsprüfungsgesellschaften. „Eines muss man den Amerikaner lassen: Sie sind wirklich geniale Verkäufer. Die schaffen es, dir den größten Mist anzudrehen.“ Die mächtigen interessengruppen bleiben weiterhin am ball und verändern nur etwas ihre Spieltaktik. ich bin mir sicher, der Neoliberalismus, in seiner rabiaten Form, wird auch hierzulande sehr schnell seine Wiederauferstehung feiern.

  • 27.12.2010, 22:30 UhrAnonymer Benutzer: Peterson

    @Helmers
    Was unsere Politik gegen die „Heuschrecken“ tun wird? Nichts, außer seltener, mediengerecht inszenierter Empörung und hin und wieder vielleicht einer frommen Sonntagsrede. Diese Mitglieder dieser Kaste sind einfach zu unterbelichtet – und die Altersversorgung unserer Politiker ist ohnehin sicher, mit oder ohne Versorgungspöstchen oder lukrativer Lobbyistentätigkeit nach Ende der Amtszeit. Von der Justiz ist erst recht kein Hilfe zu erwarten. ich kenne aus persönlicher Erfahrung genug Fälle, in denen diese Herrschaften anscheinend nicht weiter als bis Drei zählen konnten oder wollten.

    Es fehlt vor allem ein schlüssiges ideelles Konzept für die zukünftige Entwicklung von Wirtschaft und Gesellschaft. Ansätze wissenschaftlicher Außenseiter mag es geben. Doch in den Köpfen der tatsächlichen oder potentiellen Entscheidungsträger herrscht gähnende Leere. Den diffus konservativen Kanzlerwahlverein CDU kann man, in dieser Hinsicht, seit Ende des Rheinischen Kapitalismus abschreiben. Die FDP plappert nur dieselben neoliberale Parolen nach, welche die Wirtschaft der Welt gerade an den Abgrund geführt haben. Sie gibt vor, im Namen der Mittelschicht zu handeln. Das ist jedoch nur ein Deckmäntelchen, unter dem sie es gerade noch schafft, gegen deren interessen, Klientelpolitik für kleine, aber spendenfreudige, interessengruppen zu treiben. Der Marxismus ist tot, die Sozialdemokratie hat sich nicht weiterentwickelt und wurde von den Schröders und Clements zu Grabe getragen. Den Grünen hingegen, der neuen Partei der besserverdiener und Gebildeteren, ist das Thema zu profan.

  • 22.12.2010, 23:49 UhrAnonymer Benutzer: Helmers

    Und was macht unsere Regierung und Justiz mit den amerikanischen und englischen Heuschrecken, die die Wirtschaftskrise verursacht haben. Die beihilfe zum betrug bei Schefenacker, deutsche Autozulieferfirma zum bankrott aus bW, geleistet haben, nichts, sie stellt das Verfahren wegen Geringfügigkeit in Stuttgart ein. Da kommt jeden Anleihegläubiger und dem geschädigten deutschen Staat das Ko..... Hier werden Arbeitslose massenhaft produziert vom angloamerikanischen bankstern und nichts passiert. Sie spielen sich als Weltpolizisten auf und sind die größten Gangster in jedem bereich.

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