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Interview4 Jahre Lehman: "Wir werden noch viele Banken retten müssen"

von Mark Fehr

Vor genau vier Jahren stürzte die historische Lehman-Pleite Finanzmärkte und Weltwirtschaft ins Chaos. Der Frankfurter Bankenexperte Michael Kötter über die Folgen.

Michael Koetter
Michael Koetter ist seit Sommer 2012 Professor für Banken und Finanzmärkte an der Frankfurt School of Finance & Management. Zuvor lehrte er in den Niederlanden und arbeitete bei der Unternehmensberatung Boston Consulting Group sowie der Bundesbank.

WirtschaftsWoche: Herr Professor Koetter, warum ist die Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers am 15. September 2008 ein so außergewöhnliches historisches Datum?
Michael Koetter: Weil die Welt von diesem Ereignis überrascht wurde. Politiker und Finanzaufseher haben die Folgen drastisch unterschätzt. Lehman Brothers war ein Institut mit hoher Bilanzsumme, aber im Vergleich etwa mit der Bank of America nicht so groß, dass der Zusammenbruch ein Erdbeben erwarten ließ. Eine Rettung hielten die Experten im amerikanischen Finanzministerium sowie bei der Notenbank Fed und der US-Börsenaufsicht daher für überflüssig.

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Wie kam es zu dieser fatalen Fehleinschätzung?
Lehman Brothers war ein außergewöhnlich stark mit anderen Banken auf der ganzen Welt vernetztes Haus. Viele bilateral ausgehandelte Finanzgeschäfte führten zu latenten Schulden, die in der Bilanz nicht abgebildet waren. Die Finanzaufsicht war diesen Geschäften gegenüber blind. So haben die Lehman-Leute etwa Kredite an bonitätsschwache amerikanische Hausbesitzer gebündelt und scheibchenweise über die internationalen Finanzmärkte verteilt. Dabei hat Lehman die Käufer zum Teil gegen den Ausfall dieser Kredite versichert und sich mit den Belastungen übernommen.


Das erwischte auch deutsche Banken wie die IKB, die daraufhin mit Steuergeld gerettet wurden. Müssen Staaten Banken stützen, um Krisen wie nach der Lehman-Pleite zu verhindern?
Der Fall Lehman hat tatsächlich eine staatliche Rettungswelle im Bankensektor ausgelöst, zum Teil weil die Politiker vergleichbare Schocks für ihre Wähler als unzumutbar erachteten. Ein weiterer Grund ist aber auch, dass durch Lehman eines deutlich wurde: Nicht nur die allergrößten Häuser, sondern auch kleinere, können systemrelevant sein und durch ihren Zusammenbruch eine Finanzkrise auslösen. Durch diese Erkenntnis hat sich die Neigung erhöht, keine Bank pleite gehen lassen, aus Angst, deren Systemrelevanz falsch eingeschätzt zu haben. Gerettet wurden daher auch Banken, etwa die Mittelstandsbank IKB, bei der man darüber streiten kann, ob sie wirklich systemrelevant war.


Große Banken können sich also stets auf die Rettung mit Steuergeld verlassen, während kleinere mit der Pleite rechnen müssen?
In der kurzen Frist werden wir wohl noch viele Banken retten müssen. Die Kosten eines Experiments, bei dem wir testen würden, ob der Zusammenbruch eines Instituts negative Folgen für die gesamte Wirtschaft hat, ist auf Grund der Unsicherheit einfach zu hoch. Dieses Vorgehen ist teuer und jedes Rettungssystem schafft massive Fehlanreize. Deshalb müssen wir herausfinden, welche Banken wie stark und entlang welcher Kanäle vernetzt sind, damit wir nicht die falschen Institute retten.

4 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 17.09.2012, 10:57 Uhrrolf

    Man sollte schon den Mut haben, Banken Pleite gehen zu lassen, auch dann wenn einiges an Vermögen verloren geht. Die Leute sollten sich schon selbst gut überlegen, wo und für was sie ihr Geld anlegen und von Finanzprodukten, die sie selbst nicht verstehen, die Finger lassen.

  • 16.09.2012, 20:57 UhrMV_

    @allesverloren

    Seit dem 11.09.2001 wurden bis heute (16.09.2012) 19.612 islamische Attentate mit mindestens einem Todesopfer verübt. Sagen Sie mal, sind Sie noch zu retten?

  • 16.09.2012, 00:08 Uhrallesverloren

    Banken die hohe Gehälter oder hohe Boni auszahlen sollten nicht mehr gerettet werden. Das muss auch klar kommuniziert werden. Man sollte renitente Manager unmittelbar rausschmeissen.

    Die Politik sollte auch eine Dividendenverbot beschließen, bis die Banken 20% und mehr an Eigenkapital aufgebaut haben. Das Dividendenverbot sollte unmittelbar und strafbewehrt sein.

    Der Rest sollte verstaatlich werden, um sie kontrolliert abzuwickeln.

    Leider stellen die Banken heute ein höheres Risiko dar als Al Qaida und die Salafisten zusammen.



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