Agrarrohstoffe: Deutsche Bank fährt Rohstoffhandel zurück

Agrarrohstoffe: Deutsche Bank fährt Rohstoffhandel zurück

Die Deutsche Bank will ihre Beteiligung am Rohstoffhandel drastisch reduzieren: Energie- und Agrarrohstoffe sollen aus dem Portfolio verschwinden, nur Edelmetalle und Derivate sollen bleiben.

Die Deutsche Bank fährt ihren Handel mit Rohstoffen drastisch zurück. Die Bank werde sich aus dem Geschäft mit Öl, Gas, Kaffee, Getreide, Metallen und Massengütern wie Erz oder Kohle zurückziehen, teilte der Branchenprimus am Donnerstag mit. Bleiben sollen nur Rohstoff-Derivate und Edelmetalle. In den vergangenen Jahren hatte sich die Bank im Rohstoffhandel von Platz acht oder neun auf Platz vier der Welt vorgepirscht. Doch das Geschäft hat an Attraktivität für Banken verloren: Die Margen werden geringer, und der Handel absorbiert viel Kapital. Erst im Sommer hatte JPMorgan den Handel mit physischen Rohstoffen zum Verkauf gestellt, Morgan Stanley sucht seit fast zwei Jahren einen Käufer für sein Rohstoff-Geschäft.

Die bei Verbraucherschützern umstrittenen Wetten auf die Preise von Nahrungsmitteln und deren Grundstoffen sind von der Entscheidung nicht berührt. Ein Sprecher betonte, aufgegeben werde nur der Handel mit physischen Rohstoffen. Die Derivate gehörten weiterhin zum Kerngeschäft der Deutschen Bank. "Das ist keine strategische Entscheidung gegen solche Geschäfte."

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So funktioniert der Rohstoffhandel

  • Future-Contracts

    Bei einem Future-Contract kauft der Investor Rohstoffe nicht an regulären Märkten zu aktuellen Preisen sondern handelt auf Terminmärkten wie der deutsch-schweizerischen EUREX, der Chicago Mercantile Exchange (CME) zu der die Chicago Board of Trade (CBoT) gehört oder der London International Financial Futures Exchange (LIFFE). Hier wird der jeweilige Rohstoff zu einem Termin in der Zukunft gekauft. Der Investor bestellt beispielsweise im Februar Kakao, der im Juli geliefert werden soll.

  • Spot-Preis

    Spot-Geschäfte mit ihren kurzen Erfüllungsfristen sind das Pendant zu den Terminmärkten. Zwischen Bestellung und Lieferung liegen maximal zwei Börsentage. Der Spot-Preis ist dementsprechend der Preis, den Händler kurzfristig für den jeweiligen Rohstoff zahlen beziehungsweise erzielen. Bei Kassa-Preis dagegenhandelt es sich um den aktuellen Preis von Finanztiteln.

  • Cost of Carry

    Die Costs of Carry bei Rohstoffen setzen sich beispielsweise aus Lager- und Speditionskosten zusammen. Der Wert eines Future-Kontrakts besteht aus dem Kassa-Preis, also dem bei Vertragsabschluss herrschendem aktuellen Kakaopreis, und den Costs of Carry. Deshalb liegen die Future-Preise bei Termingeschäften anfangs meist über den Kassa-Preisen. Wenn ein Investor im März Kakao für Dezember bestellt, entstehen schließlich Lagerkosten für neun Monate. Er zahlt also den aktuellen Preis plus die Lager- und Speditionskosten. Der Händler kann die Lagerkosten aber über die neun Monate hinweg abschreiben - je näher der Liefertermin rückt, desto stärker nähert sich der Future-Preis dementsprechend wieder dem Kassa-Preis an.

  • Nearby–Future

    Der Nearby-Future ist der Rohstoff-Kontrakt mit der kürzesten Fälligkeit. Das Gegenteil, also der Future-Kontrakt mit der längsten Laufzeit, heißt dagegen Most-Distant-Futures-Contract.

  • Rollen

    Wer direkt in Rohstoffe investieren will, kauft statt einer Aktie oder eines Zertifikats einen Future-Kontrakt mit einer bestimmten Laufzeit und einem Erfüllungszeitpunkt. Der Erfüllungszeitpunkt ist nichts anderes als der Liefertermin. Das heißt, wer ein Kakao-Future mit einer Laufzeit bis Juli 2013 kauft, bekäme im Juli 2013 auch die gekaufte Menge Kakao geliefert.

    Ursprünglich ging es bei Warentermingeschäften schließlich um den Kauf physischer Rohstoffe. Mittlerweile sind viele der Kontrakte Spekulationsgeschäfte. Wer nur Geld verdienen und nicht auf zig Tonnen Kakao sitzen möchte, muss also vor Ende der Laufzeit seinen Kontrakt verkaufen und einen neuen mit einem späteren Liefertermin kaufen. Dieser Vorgang nennt sich rollen.

  • Rollrendite

    Beim Rollen können Anleger sowohl Gewinne als auch Verluste machen: Wer seinen alten Kontrakt günstig verkauft und den neuen Kontrakt teuer kauft, erwirtschaftet eine negative Rollrendite, macht also Rollverluste. Verkauft er dagegen teuer und kauft billig, fällt die Rollrendite positiv aus, er macht Rollgewinne.

  • Contango

    Bei einer Contango-Situation ist der Spot-Preis geringer als der ausgemachte Preis bei Fälligkeit des Future-Kontrakts. Wenn ein Anleger seinen Vertrag in so einer Situation weiterverkauft und in einen Most-Distant-Futures-Contract investiert, kann er Gewinne abgreifen. Wer dagegen bei niedrigem Spot-Preis und hohem Terminpreis seine Kontrakte abstößt und Kontrakte mit nächstmöglicher Lieferzeit kauft (Nearby-Futures) riskiert Verluste.

    Das Gegenteil von Contango ist eine Backwardation.

  • Backwardation

    Bei der Bachkwardation-Situation liegt der Preis der Future-Kontrakte unter denen am Kassamarkt. Der Anleger verkauft also vor Liefertermin seinen Kontrakt bei aktuell hohem Preis und kann günstig einen den Nearby-Future erstehen. Er verbucht also Rollgewinne.

Colin Fan, der Co-Chef des Investmentbankings der Deutschen Bank, erklärte, der Teilausstieg aus dem Rohstoffgeschäft sei Teil der bis 2015 laufenden strategischen Überprüfung der Bank. "Wir haben attraktivere Wege gesehen, unser Kapital und unsere Bilanz einzusetzen", sagte Fan. "Der Schritt ist das Ergebnis regulatorischer Änderungen in der Branche. Er wird auch die Komplexität unseres Geschäfts verringern." Die Bank hatte den Rohstoffhandel lange zu den Wachstumssegmenten gezählt. Doch der Eigenhandel, der in diesem Bereich lange eine große Rolle spielte, ist inzwischen verpönt, die Institute müssen für en Handel nach den neuen Rehulierungsstandards deutlich mehr Kapital hinterlegen.

Das Derivate- und Edelmetall-Geschäft soll in die Sparte für festverzinsliche Papiere und Devisen eingegliedert werden. Rund 200 Mitarbeiter werden die Deutsche Bank im Zuge der Umstrukturierung verlassen, wie ein Insider sagte. Mehr als 40 kämen in anderen Bereichen unter. Deutschland sei davon nicht betroffen, sagte ein Sprecher. Allenfalls ein Teil der nun aufgegebenen Geschäfte könnte verkauft werden.

Die US-Notenbank Fed überprüft derzeit die Rolle von Banken im Handel mit physischen Rohstoffen. Der Schritt der Deutschen Bank habe damit direkt aber nichts zu tun, hieß es.

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Termingeschäfte und andere spekulative Transaktionen auf Basis von Nahrungsmitteln sind vor allem in Deutschland in die Kritik geraten, weil diese nach Ansicht von Nichtregierungsorganisationen zum Hunger in der Welt beitragen können. "Wenn die Deutsche Bank es dieses Mal ernst meint, ist dieser Schritt zu begrüßen", sagte Globalisierungs-Experte David Hachfeld von Oxfam. "Ob die Bank tatsächlich alle Fonds und ihren spekulativen Eigenhandel vollständig einstellen will, oder ob sie nur einen kleinen Teil ihres Geschäftes meint, muss geprüft werden."

Die Deutsche Bank und der Versicherer Allianz hatten die Geschäfte stets verteidigt. Studien hätten keine Belege für einen Zusammenhang mit einer Nahrungsmittel-Knappheit erbracht, hatte Co-Vorstandschef Jürgen Fitschen Anfang des Jahres gesagt. Agrar-Derivate erfüllten für die Landwirtschaft vielmehr eine wichtige Funktion im Handel. Mit dem Kauf der an Börsen gehandelten Papiere können sich Bauern gegen fallende Preise absichern. Zahlreiche andere deutsche Banken haben sich dennoch öffentlichkeitswirksam aus dem Geschäft zurückgezogen.

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