Ausstieg aus der Euro-Zone: Planspiele für den schlimmsten Fall

Ausstieg aus der Euro-Zone: Planspiele für den schlimmsten Fall

, aktualisiert 25. November 2011, 19:37 Uhr
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In der britischen Hauptstadt bereiten sich die Banken bereits auf das Auseinanderbrechen der Euro-Zone vor. Hier demonstriert ein Brite für den Erhalt der heimischen Währung.

Quelle:Handelsblatt Online

Noch erscheint der Ausstieg eines Landes aus der Euro-Zone den meisten Experten höchst unwahrscheinlich. Trotzdem fordern Notenbanker und Regulierer die Geldhäuser auf, sich auf den schlimmsten Fall vorzubereiten.

London/ZürichEs ist die Nacht von Sonntag auf Montag kurz vor Öffnung der asiatischen Börsen. Nicht nur in Tokio, Singapur und Hongkong, sondern auch in den europäischen Finanzzentren starren übernächtigte Händler verängstigt auf ihre Bildschirme, denn am Freitagabend erschütterte eine schlimme Nachricht die Wirtschaftswelt: Griechenland scheidet aus der Währungsunion aus. Politikern, Bankern und Aufsehern blieben nur 48 Stunden, um die Märkte vorzubereiten und das schlimmste Chaos zu verhindern.

Es ist ein hypothetisches Schreckensszenario, das die meisten Experten noch immer für unwahrscheinlich halten, aber die Folgen wären so dramatisch, dass Notenbanker und Regulierer die Geldhäuser inzwischen auffordern, sich auf ein Ende der Euro-Zone in ihrer heutigen Form vorzubereiten.

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„Als Aufseher ist uns sehr daran gelegen, dass sich die Institute auch auf chaotische Konsequenzen aus der Krise in der Euro-Zone vorbereiten“, sagt Andrew Bailey, verantwortlich für die Bankenaufsicht beim britischen Regulierer FSA. „Gutes Risikomanagement heißt, sich auch auf unwahrscheinliche, aber sehr ernste Szenarien vorzubereiten.“ Man dürfe die Möglichkeit eines ungeordneten Ausstiegs einiger Länder aus der Währungsunion nicht ignorieren, fügt Bailey an. Auch die Bank of England macht sich ernsthafte Sorgen über die Zukunft der Euro-Zone. Nach Meinung von Notenbanker David Miles lässt sich die Gefahr nicht länger leugnen, dass ein Land aus dem Währungspakt ausscheidet.

Die Aufforderung, sich für den Ernstfall zu wappnen, verhallt in der Finanzbranche nicht ungehört: „Bevor die Diskussion über eine Volksabstimmung in Griechenland die Märkte erschütterte, galt ein Auseinanderbrechen der Euro-Zone als extrem unwahrscheinlich, jetzt müssen wir sehr viel intensiver über dieses Szenario nachdenken“, räumt ein Londoner Banker ein.

Auch in der Schweiz laufen bereits Planspiele für den Ernstfall. In Finanzkreisen heißt es, dass einige ausländische Institute versuchen würden, ihre Schweizer Aktivitäten vom Rest des internationalen Geschäfts zu isolieren, um eine Ansteckung durch eine Zuspitzung der Euro-Krise zu verhindern.

Die Analysten der Großbank UBS haben sich in einer Studie bereits mit möglichen Austritten aus der Euro-Zone beschäftigt. Ihre Schlussfolgerung: Der europäische Bankensektor könnte dies wohl nur überleben, wenn die Staaten den Geldhäusern erneut zu Hilfe eilten. UBS rechnet mit einem unmittelbaren Kapitalbedarf von 92 Milliarden Euro.


Berater warnen vor jahrelangen Rechtsstreitigkeiten

Doch diese Schätzung deckt nur die ersten Folgen des Ausstiegs eines Landes aus der Euro-Zone ab. Gefährlicher wären die Zweitrundeneffekte an den Märkten, wenn sich ähnlich wie nach der Lehman-Pleite das Misstrauen und die Angst vor einer Ansteckung durch die gesamte Branche verbreiten.

Eine Lehre aus der Finanzkrise lautet, dass die Märkte derart eng vernetzt sind, dass kein noch so sorgfältiger Plan die Folgen eines solchen Schocks abschätzen kann, heißt es in einer Studie der Unternehmensberatung Accenture. Ähnliches scheint auch der britische Notenbankchef Mervyn King zu fürchten. Es gebe derzeit keine sinnvolle Art und Weise, die möglichen Extremfolgen der aktuellen Entwicklung im Euro-Raum zu beziffern, warnte er vor kurzem.

Die Experten von Accenture haben dennoch versucht, die möglichen Konsequenzen eines Euro-Ausstiegs für die Banken durchzuspielen, und sie warnen vor gigantischen Herausforderungen für die Finanzbranche. „Der Euro wurde in mehreren Stufen über Jahre hinweg eingeführt, der Austritt eines Mitglieds wird sich vermutlich an einem einzigen Wochenende abspielen“, glauben die Berater.

Weil ein Ausscheiden aus der Währungsunion nur unter größter Geheimhaltung und enormem Zeitdruck verhandelt werden könne, werde das Aussteigerland keine Zeit haben, neue Banknoten zu drucken. Deshalb müsste zunächst eine neue elektronische Parallelwährung eingeführt werden, ähnlich wie der Euro in den Jahren 1999 bis 2001 vor der Einführung des Bargelds.

Damit stünden Banker und Regulierer vor der Sisyphusaufgabe, zu entscheiden, welche Guthaben, Schulden und sonstigen Finanzinstrumente auf die neue elektronische Währung umgestellt werden – und welche weiter auf Euro lauten sollen. Soll beispielsweise der Kredit, den ein griechisches Unternehmen bei einer Bank aus einem anderen Land der Euro-Zone aufgenommen hat, auf neue Drachmen lauten, oder muss die Firma ihre Schulden in Euro zurückzahlen?

Die Accenture-Berater warnen vor der Gefahr jahrelanger Rechtsstreitigkeiten. Außerdem wäre die Einführung einer neuen Währung wohl ein im juristischen Fachjargon „Material Change“ genanntes Ereignis, das es den Investoren erlauben würde, Anleiheverträge zu kündigen – dem Markt für Staats- und Unternehmensbonds würde eine chaotische Refinanzierungswelle drohen.

Die größten Herausforderungen kämen aber wohl auf die heimischen Banken des Aussteigerlandes zu. Aller Voraussicht nach würde die neue Währung sehr schnell sehr stark gegenüber dem Euro abwerten. Das heißt, dass ein erheblicher Teil der Bankbilanzen effektiv entwertet würde. Gleichzeitig würden den ohnehin geschwächten Instituten neue Refinanzierungsrisiken drohen, weil die Kunden versuchen würden, ihre Ersparnisse in die Euro-Zone zu transferieren.

Allerdings stünden auch die Banken im Rest der Währungsunion vor einem enormen Kraftakt. Sie müssten innerhalb kürzester Zeit ein Zahlungs- und Abwicklungssystem für eine neue Währung schaffen und ihre eigenen Positionen und die ihrer Kunden neu sortieren und die Risiken bewerten. Aber jede Krise hat auch ihre Chancen: Den Devisenhandelsabteilungen böte ein solches Szenario jede Menge Gewinnmöglichkeiten.

Quelle:  Handelsblatt Online
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