Banken schließen Zweigstellen: Nach dem Filialsterben kommt die Handy-Bank

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Banken schließen Zweigstellen: Nach dem Filialsterben kommt die Handy-Bank

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Banken dünnen ihr Geschäftsstellennetz zusehends aus.

von Cornelius Welp und Mark Fehr

Deutsche Geldhäuser schließen Hunderte Zweigstellen, um Kosten zu sparen, immer mehr Bankkunden nutzen Online-Angebote. Doch der Kahlschlag vor Ort überfordert viele Kunden – und auch manchen Banker.

Jetzt muss alles raus, und das ganz schnell. Um halb zehn hat die Filiale der Volksbank im nördlichen Frankfurter Vorort Harheim wie immer geöffnet, aber die Packer verrichten schon fleißig ihr Werk. Vor dem Eingang steht der Lieferwagen der „Tresorprofis“, auf einer Leiter schraubt ein Arbeiter das Firmenschild ab, seine Kollegen schleppen Kisten mit Unterlagen aus dem Gebäude. Ein Rentner fährt mit dem Fahrrad vor, ein anderer kommt im beigen Opel Omega, sie machen Abschiedsbesuche, gehen an den Schalter, heben Bargeld ab. Die beiden Berater kennen sie mit Namen. „Letzter Tag, schlimm, schlimm“ murmelt einer, während um ihn herum all das verschwindet, was über Jahrzehnte unverändert geblieben ist.

Frankfurt ist Deutschlands Bankenmetropole. Aber einer der großen Trends des Gewerbes lässt sich besonders schön im dörflichen Vorort Harheim besichtigen: Es gibt hier nun keine Filiale mehr, was bleibt, ist ein Geldautomat der Postbank.

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Seit Jahren rechnen Berater und Analysten vor, dass deutsche Banken sich zu viele Zweigstellen leisten, die viel kosten und wenig einbringen, nicht mehr zeitgemäß sind, und Investitionen in die Digitalisierung blockieren. Trotzdem ist die Zahl der Standorte zwar stetig, aber nur maßvoll gesunken. Nun aber kann es gar nicht schnell genug gehen.

Die Banken fliehen aus der Fläche, schließen deutschlandweit Hunderte Filialen. Die HypoVereinsbank hat knapp die Hälfte dichtgemacht, die Deutsche Bank verabschiedet sich von bis zu 200 Filialen, die Commerzbank hält vorerst an ihrem Netz fest, hat aber in den vergangenen Jahren schon 500 Zweigstellen geschlossen. Volks- und Raiffeisenbanken – die wie die Sparkassen gut ein Drittel der bundesweit 35.000 Bankfilialen betreiben – wollen in den nächsten drei Jahren bis zu 2500 Zweigstellen wegfallen lassen.

Wo man auch hinschaut, ist der Prozess in vollem Gange: Die Sparkasse Koblenz schließt 10 von 48 Filialen, die Kreissparkasse Herzogtum Lauenburg sieben, die Sparkasse Hanauerland hat Anfang August 6 von 17 Standorten aufgegeben; die Sparkasse Märkisch-Oderland verabschiedet sich von 6 Filialen, die Sparkasse Wetzlar von 17, die Volksbank Kaufbeuren-Ostallgäu von fünf, die Volksbank an der Niers von sieben, die Volksbank Münsingen von 13. Und so weiter und so fort.

Es spricht ja auch alles dafür, zumindest auf den ersten Blick. Die niedrigen Zinsen drücken die Erträge im Geschäft mit Krediten und Einlagen, die Regulierer belasten mit Beratungsprotokollen und anderen Vorgaben das Geschäft. Der Kostendruck ist enorm. Selbst Bankenaufseher empfehlen den Abschied von Filialen, um die Erträge zu stabilisieren.

Martin Zielke „Ohne Filialen kein Wachstum“

Wie der Commerzbank-Privatkundenvorstand das Angebot seiner Filialen ändern und vom Rückzug der Konkurrenz profitieren will.

Martin Zielke, Vorstand für das Privatkundengeschäft der Commerzbank Quelle: dpa

Schließlich hat sich auch das Kundenverhalten geändert: Viele besuchen die Filiale nur, um Geld am Automaten abzuheben. 65 Prozent nutzen das Internet für Bankgeschäfte, mehr als die Hälfte aller Kunden erscheint nicht öfter als einmal im Jahr zum Gespräch. Und der Trend setzt sich fort, demnächst soll auch noch das Smartphone zum Geldsteuerer werden.

Trotzdem ist der Filial-Kahlschlag eine gefährliche Gratwanderung. Denn auch wenn die Zahl der Internetkunden steigt, sind deutsche Bankkunden bei neuen Techniken skeptisch. Nur 19 Prozent erledigen Geschäfte mobil, in kaum einem anderen Land sind es weniger. Gerade bei komplexen Themen bleibt persönlicher Kontakt unverzichtbar. „Selbst junge Kunden wollen die Option haben, sich persönlich beraten zu lassen“, sagt Martin Zielke, Privatkundenvorstand der Commerzbank.

Das macht den Umbau des Kundengeschäfts zur echten Herausforderung: Es reicht nicht, einfach nur Filialen zu schließen und darauf zu hoffen, dass die Kunden schon dabeibleiben. Denn der Filial-Kahlschlag an sich überfordert viele Kunden. Wie schaffen es Banken also, gleichzeitig die Kosten im Griff und Kunden im Geschäft zu halten?

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3 Kommentare zu Banken schließen Zweigstellen: Nach dem Filialsterben kommt die Handy-Bank

  • Schade, besonders in ländlichen Gegenden gehören Sparkassen- oder Volksbankfilialen mit zum Gemeindezentrum.

    Dort befinden sich immer weniger Geschäfte, und nun gehen auch noch viele Bankfilialen weg.

    Die Leute sehen nicht, wie sie sich selber das Wasser abgraben, wenn sie nur noch digital agieren.

  • Sie können davon ausgehen, dass Filialschliessungen nicht aus Langeweile betrieben werden sondern weil es wirtschaftlich sinnvoll ist. Gerade die bisher starken Filialbanken haben mit dem schlechten Image der Banken allg. zu kämpfen. Wenn man sieht wie online über Banken hergezogen wird - nur noch ohne Sinn und Versand.
    Nachdem gerade bei Sparkasse, Hypo/Vereins und Raiffeisenbank Spekulationen in der Hochfinanz extreeeem selten sind, wird es für diese schwierig genug zu erwirtschaften um Filialen zu halten. Alles soll gebührenfrei geführt werden. Die gesetzlichen Vorschriften werden immer aufwändiger in der Umsetzung usw. usf. D

    Da es so ist wie es ist, müssen eben jetzt die Kunden zu den Banken gehen und nicht umgekehrt. Und das es alle Banken trifft und alle auf dem Rückzug sind, bleibt den Kunden auch gar nichts anderes übrig. Sorry Leute, selber schuld.

  • Diese Entwicklung ist ja schon länger im Gange, nimmt aber jetzt richtig Fahrt auf. Bankgeschäfte werden zunehmend Online abgewickelt und die meisten Bankkunden schaffen es gerade mal in den SB Bereich. Wie oft wurde ich gefragt. "wie bekommen wir die richtigen Kunden in die Filiale?" Da wurde auch viel versucht. Vom Buchhandel über die Espressobar bis zur Kunstausstellung. Hat alles nicht richtig funktioniert. Und wenn man bedenkt, was so eine Bankfiliale im Jahr kostet, kann man schon verstehen, das eine Schliessung in einigen Fällen die bittere Konsequenz sein muss.
    Hierdurch verlieren aber die klassischen Banken die Flächenpräsenz als einen der wichtigsten Vorteile. Dadurch geben sie weitern Boden an Online Banken und weitere in den Markt drängende FinTech Unternehmen ab. Warum wird hier nicht umgedacht? Es gibt ja auch in Deutschland Kooperationsmodelle zwischen Handel und Banken die sehr erfolgreich sind. Auch Franchisemodelle gibt es schon. Und wenn man so etwas richtig aufsetzt bleibt die Bank in der Fläche und beim Kunden und das zu deutlich verringerten Kosten. Und die regulatorischen Hürden und Risiken bekommt man, nach meinen Erfahrungen, mit dem richtigen Konzept in den Griff

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