Banken: Wie Zocker zu Asketen werden

Banken: Wie Zocker zu Asketen werden

, aktualisiert 10. November 2011, 10:06 Uhr
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Die Zentrale von JP Morgan Chase in New York: Auch diese Traditionsbank scheut zunehmend die Finanzrisiken.

von Rolf BendersQuelle:Handelsblatt Online

Wie scheue Rehe flüchten die einst experimentierfreudigen US-Banken aus den Risiken. Um ihre Aktionäre bei der Stange zu halten, bauen Finanzgrößen wie Goldman Sachs Bestände ab.

New YorkEinst kam das Wort Risiko an der Wall Street gut an. Risiken einzugehen, um später daraus Gewinn zu schlagen, das passte zum Typus des forschen, wagemutigen Amerikaners. Die Investoren liebten die Banker und ihre Banken dafür. Doch das ist Vergangenheit. Spätestens der Kollaps des Brokers MF Global zeigte: Große Risiken bergen auch die Gefahr von großen Verlusten in sich. Daher verscherbeln heute US-Institute Geschäftsbereiche, Portfolios und Beteiligungen, wenn sie riskant sind. Jüngstes Beispiel ist Wall-Street-Primus Goldman Sachs, der gestern seinen verlustreichen Anteil an der chinesischen Großbank ICBC reduzierte. „Das ist schlicht Risikomanagement“, hieß es dazu aus dem Umfeld der Bank.

Der Zusammenbruch des von Ex-Goldman-Chef Jon Corzine geführten Brokers MF Global in der vergangenen Woche hat eine Veränderung in der US-Finanzbranche sichtbar gemacht, die sich seit längerem entwickelte: weg mit dem Risiko. MF Global hatte sich mit einer milliardenschweren Wette auf die Erholung von US-Staatsanleihen verhoben. Das allein war aber nicht der Grund für den Kollaps. Als die Verluste ruchbar wurden, begannen Kunden und Investoren, Gelder abzuziehen oder verweigerten dringend benötigte Kredite und Refinanzierungsgeschäfte. Mit anderen Worten: Bei MF Global kam es zu einem Run auf die Bank. Nur räumten hier keine Privatkunden ihre Sparbücher und Girokonten leer, sondern Großanleger und Bankprofis.

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Der Kollaps von MF Global folgte damit dem gleichen Muster wie die Insolvenz von Lehman Brothers im Jahr 2008. Als die Kunden das Vertrauen in das Management verloren hatten, versuchten sie zu retten, was noch zu retten war. Experten sehen das als neuen Trend. „Investoren und Kunden sind scheu geworden. Sie ziehen sich im Augenblick der Gefahr erst schnell zurück und fragen erst dann, ob es sinnvoll war“, sagt der Analyst einer großen US-Adresse, der namentlich nicht genannt werden will.

Bester Beleg für die geringe Risikotoleranz der Investoren sind die Probleme der kleinen, aber feinen US-Investmentbank Jefferies in den Tagen nach dem Zusammenbruch von MF Global. Gerüchte machten die Runde, Jefferies habe viel Geschäft mit MF Global und Euro-Anleihen gemacht. Die Aktie und das Management gerieten so stark unter Druck, dass das Institut nicht nur seine Bestände an Staatsanleihen von Risikoländern wie Portugal, Irland und Italien halbierte. In einer für die Wall Street ungewöhnlichen Maßnahme legte Jefferies auch haarklein offen, wie sich das verbliebene Risiko von insgesamt 2,4 Milliarden Dollar verteilt und dass ein Absicherungsgeschäft von 2,3 Milliarden Dollar existiert. „Wir haben die Reduzierung unserer Bestände nur unternommen, um die Liquidität unseres Handelsbuches unter Beweis zu stellen“, erklärte der Aufsichtsratschef Richard Handler.


„Was ist, wenn in Europa eine Bank umfällt?“

Jefferies steht damit nicht allein da. Pflichtmitteilungen von Großbanken wie JP Morgan und Citigroup belegen, dass auch dort alles getan wird, das Risiko gegenüber dem Euro-Raum durch Verkäufe zu minimieren.

Dabei beschränkt sich der Abbau der Risikopositionen schon längst nicht mehr nur auf Bestände an Euro-Anleihen. Dafür gibt es zwei Gründe: Erstens sind potenzielle Verlustbringer – egal aus welchen Bereichen – in Krisenzeiten besonders schlecht gelitten. So hat Goldman Sachs den Wert seines Anteils an ICBC im dritten Quartal abgeschrieben, was dem Geldhaus einen Verlust von einer Milliarde Dollar beschert. Die bereits seit Jahresbeginn anhaltende Talfahrt der Goldman-Aktie wurde noch beschleunigt. Kein Wunder, dass der Anteil jetzt auf 2,3 Prozent von 2,9 Prozent reduziert wird.

Der zweite Grund für die breitangelegte Säuberungsaktion in den Bankbüchern ist die Angst vor einer weiteren Verschlechterung der Lage in Europa. „Isoliert betrachtet sind die Risiken der US-Banken gegenüber Europa verkraftbar“, sagte Mike Mayo, Staranalyst des Credit-Agricole-Konzerns. „Aber was ist, wenn in Europa eine Bank umfällt? Dann kommen die Risiken plötzlich aus einer ganz anderen Ecke“, warnt er.

Zudem traut niemand mehr dem Zauberwort der Vergangenheit: „Absicherungsgeschäft“ oder auf Englisch „hedge“. Dabei wird ein Risiko durch ein genau entgegengesetztes Geschäft weitgehend entschärft. Das geschieht, indem das Verlustrisiko an einen anderen Marktteilnehmer verkauft wird. Der wiederum erwirbt es in der Hoffnung, dass der Schadensfall nicht eintritt, und streicht dafür eine Prämie ein. Lange galt dies als sichere Sache, Banken wiesen deshalb nur die Nettorisikoposition aus. Doch in den neuen, unsicheren Zeiten verlieren Investoren den Glauben an diese Absicherungen. Sie haben Angst, dass der Käufer des Risikos selbst Probleme bekommt und die Verluste im Ernstfall nicht übernehmen kann. „Das Vertrauen in viele Bankmanager und ihre Angaben über Risikopositionen ist dahin. Absicherungsgeschäfte beruhigen niemanden mehr“, so das Fazit von Dick Bove, Bankenanalyst bei Rochedale Securities. Die Folge: Wer den Absicherungen nicht mehr traut, verkauft seine risikoreichen Investitionen lieber.

Quelle:  Handelsblatt Online
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