Bezahlsysteme der Zukunft: "Viele Banken haben mobiles Bezahlen unterschätzt"

InterviewBezahlsysteme der Zukunft: "Viele Banken haben mobiles Bezahlen unterschätzt"

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von Andreas Toller

Mit Apple Pay soll das Smartphone endlich zum Geldbeutel werden, die EU will neue Bezahlsysteme regulieren. Worum es beim Bezahlen von Morgen wirklich geht, erklärt der Forscher Jürgen Bott im Gespräch.

WirtschaftsWoche Online: Herr Bott, Apple hat schon so manchen Markt aufgerollt, jetzt will das Kult-Unternehmen dem Bezahlen mit dem Smartphone zum Durchbruch verhelfen. Brauchen wir das?

Jürgen Bott: Leider werden Bezahlverfahren generell in ihrer Bedeutung unterschätzt. Eine reibungslose, zuverlässige und sichere Abwicklung der Bezahlung ist die Grundlage eines jeden Wirtschaftszweigs. Seit langem sind die Verfahren in Europa nicht mehr zeitgemäß: Sie sind für die digitale Wirtschaft nicht mehr ausreichend. Apple hat das jetzt erkannt und reagiert darauf. Bei den Banken setzt sich diese Erkenntnis erst langsam durch.

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Wie kann Apple mit seinem Bezahlsystem ApplePay dazu beitragen, dass mobiles Zahlen mehr Akzeptanz findet?

Technologisch ist das, was Apple nun präsentiert, nicht neu. Die Bezahlung per Nahfeldkommunikation – also mit einem kleinen Funkchip im Smartphone – ist lange bekannt. Aber Apple baut dieses System zu einem Schlüsselelement aus und hat dabei ein großes Ziel: Apple will das Einkaufserlebnis neu gestalten und die passende Hardware dafür verkaufen. Mit dem Smartphone steigt Apple nun direkt ins Bezahlen l am Point of Sale, also beim Einzelhändler vor Ort, ein. Klar ist: So wie Apple schon mit seinem Online-Shop iTunes Store den Handel mit digitalen Medien und Software komplett umgekrempelt hat, weil es den Kunden den Einkauf deutlich einfacher und sicherer machte, könnte Applepay jetzt auch die Bezahlsysteme massiv verändern.

Jürgen Bott ist Wirtschaftsprofessor in Kaiserslautern und berät Institutionen wie den IWF und die Europäische Kommission beim Thema Zahlungsverkehr Quelle: Presse

Jürgen Bott ist Wirtschaftsprofessor in Kaiserslautern und berät Institutionen wie den IWF und die Europäische Kommission beim Thema Zahlungsverkehr

Bild: Presse

Google Wallet ist schon drei Jahre alt, Paypal ist noch älter. Warum ist das mobile Bezahlen so weit hinter den Möglichkeiten im Internet?

Die gesetzlichen Vorgaben für Bezahlsysteme sind noch nicht passend für die digitale Wirtschaft. Das hat vor allem vier Gründe. Erstens: Prinzipiell funktionieren die alten Zahlungsstrukturen noch. Anstatt unmittelbar in neues Prozessverständnis – etwa elektronische Rechnungsbearbeitung, das sogenannte e-Invoicing - zu investieren, beschäftigten wir uns in Europa seit über zehn Jahren damit, für klassische Überweisungen und Lastschriften neue Standards zu entwickeln. Zweitens: In der EU herrscht dem Thema gegenüber eine große Unsicherheit. Zwar nutzen mehr als zwei Drittel das Internet. Gleichzeitig bleibt das Vertrauen gegenüber dem Online-Banking aber extrem gering, rund ein Drittel der Internet-Nutzer bezweifelt die Sicherheit der Bezahlverfahren. Drittens wird die Bedeutung der Bezahlsysteme als Instrument für das Marketing unterschätzt. Ebay etwa hat Paypal seinerzeit für viel Geld gekauft, weil sie erkannten, dass ihr Geschäft durch einen vertrauenswürdigen Bezahlvorgang massiv wachsen wird. Und viertens haben die Dienstleister und Banken Investitionen in die neue Technik lange gescheut, weil der Aufbau eines neuen Bezahlverfahrens viel Geld verschlingt und sich erst nach langer Zeit auszahlt. Die Bereitschaft für derartige Investitionen setzt nachhaltige Rechtssicherheit voraus.

Zur Person

  • Jürgen Bott

    Jürgen Kurt Bott ist Professor für Finanzdienstleistungen an der Fachhochschule Kaiserslautern mit Schwerpunkt auf Optimierung von Finanzprozessen, insbesondere Bezahlmethoden, sowie die Abwicklung von Wertpapiergeschäften. Zusätzlich lehrt und forscht er an ausländischen Hochschulen, etwa der Autónoma de Madrid und de IESE in Barcelona. Er ist Mitglied in Aufsichtsräten (zum Beispiel bei der ReiseBank) und als wissenschaftlicher Berater für internationale Organisationen wie den Internationalen Währungsfonds sowie Banken und Versicherungen tätig. Als akademischer Berater unterstützt er die EU-Kommission bei der Vorbereitung von Gesetzen und politischen Initiativen im Bereich Zahlungsverkehr. Nach dem Studium der Betriebswirtschaftslehre arbeitete er für J. P. Morgan, die Deutsche Bundesbank und McKinsey & Company.

Ist denn eine Verbesserung bei den Gesetzen in Sicht?

Noch in diesem Jahr werden drei Gesetzesinitiativen auf europäischer Ebene umgesetzt. Aktuell wird die Payment Service Directive II, kurz PSD II, verhandelt. Die Richtlinie über Zahlungsdienste im Binnenmarkt bildet die rechtliche Grundlage für die Schaffung eines EU-weiten Binnenmarkts für den Zahlungsverkehr. Bereits Ende Juli wurde eine Richtlinie zu Zahlungskonten verabschiedet. Eine Verordnung über Interbankentgelte – genannt MIF-Verordnung - steht ebenfalls kurz vor ihre Verabschiedung. Hier besteht die Chance, Europa wieder auf Spur zu bringen. Allerdings ist in den vergangenen zehn Jahren auch wenig von dem ehemals großen Ziel übriggeblieben, mit dem einheitlichen Euro-Zahlungsraum SEPA durch neue Bezahlverfahren die Wettbewerbsfähigkeit Europa nachhaltig zu steigern.

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2 Kommentare zu Bezahlsysteme der Zukunft: "Viele Banken haben mobiles Bezahlen unterschätzt"

  • "Experten"...
    Die Cloud war ja angeblich auch absolut sicher. Klar doch. Apple macht das schon.
    Die amerikanische Naivität wird das leicht angreifbare Mobilbezahlen deutlich eher akzeptieren als der deutsche Ingenieur. Letzteres kann schon mal solange dauern, bis alle alternative Bezahlmethoden verschwunden sind ...

  • Es tut jeder gut daran,wo es nur irgendwie geht,mit Bargeld zu bezahlen und damit der Schnüffelei ein Schnippchen zu schlagen.Ein einfacher und sehr wirksamer Weg die eigene Freiheit zu verteidigen.

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