China-Experte Horst Löchel: "Chinas Regierung wird Bankpleiten mit aller Macht verhindern"

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InterviewChina-Experte Horst Löchel: "Chinas Regierung wird Bankpleiten mit aller Macht verhindern"

von Mark Fehr

Hinter der bedrohlichen Liquiditätsklemme im chinesischen Finanzsystem steckt ein Machtkampf zwischen der neuen Pekinger Regierung und den außer Kontrolle geratenen Großbanken des Landes, sagt der Frankfurter Finanz- und China-Experte Horst Löchel. 

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Eine Filiale der Bank of China in Beijing. "Die neue Staatsführung will mehr marktwirtschaftliche Prinzipien auch im Finanzsektor durchsetzen", sagt Horst Löchel.

Wirtschaftswoche: Herr Professor Löchel, Sie haben in Shanghai geforscht und gelehrt und sich lang und detailliert mit dem chinesischen Banken- und Finanzsystem beschäftigt. Steht dieses jetzt am Rand einer Krise?

Horst Löchel: Von einer Bankenkrise würde ich noch nicht sprechen. Aber die Situation zeigt, dass das Geschäftsmodell der chinesischen Banken am Ende ist. Sie haben sich zu viel billiges Geld von der Notenbank geliehen, um dieses in Form von Krediten in die schnell wachsende Wirtschaft zu pumpen.

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Es gehört doch zur Aufgabe von Banken, Unternehmen zu finanzieren.

Ja, allerdings haben die Finanzierungsaktivitäten der chinesischen Banken ungesunde Ausmaße angenommen. Das Kreditvolumen ist mittlerweile doppelt so hoch wie die gesamte jährliche Wirtschaftsleistung des Landes, die Banken sitzen also auf Forderungen in Höhe von etwa 200 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Vor fünf Jahren betrug die volkswirtschaftliche Kreditquote in China noch 120 Prozent. Besonderen Anlass zur Sorge bereitet die Tatsache, dass sich das Kreditwachstum seit Beginn des Jahres beschleunigt hat, obwohl das Wirtschaftswachstum an Fahrt verliert.

In einer solchen Situation muss die Geldpolitik gestrafft werden. Aber hat die staatsgelenkte Notenbank vielleicht zu stark auf die Bremse getreten?

Hinter dem Einschreiten der Notenbank steckt mehr als Geldpolitik. Es handelt sich um einen Machtkampf der Regierung mit den mächtigen Bankriesen wie der Bank of China oder der Industrial and Commercial Bank of China. Die neue chinesische Staatsführung nutzt die straffere Geldpolitik als Peitsche, um die außer Kontrolle geratenen Geschäftsbanken zu disziplinieren. Der Staat besitzt zwar Anteile an diesen Instituten, doch deren Führungsgremien bilden eine mächtige Interessengruppe, die ihre eigene Agenda verfolgt.

Worin besteht der Konflikt?

Die neue Staatsführung unter Präsident Xi Jinping und Regierungschef Li Keqiang will mehr marktwirtschaftliche Prinzipien auch im Finanzsektor durchsetzen. Gegen diese Reformen sträuben sich die chinesischen Bankbosse, weil sie unter dem bisherigen Geschäftsmodell gut und bequem gelebt haben. Sie konnten bisher billig Geld einsammeln und dieses zu staatlich fixierten Zinsen verleihen. Dabei bevorzugten sie große Staatsunternehmen etwa aus den Branchen Rohstoffe und Infrastruktur und vernachlässigten den privaten Mittelstand.

Was, wenn der Machtkampf zwischen Regierung und Finanzsektor zu Bankpleiten führt?

Die jüngsten Liquiditätsprobleme der chinesischen Banken stellen eine große Gefahr dar, deshalb wird die Regierung Bankpleiten mit aller Macht verhindern. Chinesische Sparer bunkern gewaltige Reserven auf ihren Bankkonten, weil sich Aktien und Immobilien wegen extremer Preisschwankungen nicht zur Geldanlage eignen. Bei einer Gefährdung der Spareinlagen oder gar bei Verlusten würden soziale Unruhen drohen. Das will die Politik unbedingt verhindern.

Faule Kredite galten schon in den 90er-Jahren als Kernproblem des chinesischen Bankensektors. War es zu erwarten, dass dieses Thema nun wieder auf die Agenda kommt?

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Ja, die Banken haben in den vergangenen Jahren Rückzahlungsfristen für klamme Unternehmen immer wieder verlängert. Solche Forderungen gelten dann offiziell nicht als notleidend. Die tatsächliche Quote notleidender Kredite in den Bilanzen chinesischer Banken dürfte aber 10 bis 15 Prozent betragen. Zum ersten großen Knall kam es 2004, als der Finanzsektor auf Staatskosten massenhaft von faulen Forderungen befreit wurde. Die Banken wurden dabei teilprivatisiert, im Zuge dieser Entwicklung stieg etwa die Deutsche Bank bei der chinesischen Huaxia Bank ein oder der Versicherungskonzern Allianz bei der Industrial and Commercial Bank of China.

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