Deutsche Bank: John Cryan macht Schluss mit Realitätsflucht

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John Cryan

von Cornelius Welp

Der neue Chef der Deutschen Bank hatte heute seinen ersten öffentlichen Auftritt. Er muss unpopuläre Entscheidungen verkünden und überzeugt als knallharter Sanierer. Die Zukunft der Bank bleibt trotzdem ungewiss.

Das Versteckspiel hat ein Ende. Gut drei Monate nach seinem Amtsantritt als Co-Vorstandschef der Deutschen Bank zeigt sich John Cryan das erste Mal der Öffentlichkeit, um die lang erwarteten Details zur neuen Strategie des Instituts zu verkünden. Und nach wenigen Minuten ist klar, dass er durchaus vorzeigbar ist. Cryan redet deutsch, sein Tonfall ist freundlich, aber bestimmt. Klar, er ist kein großer Charismatiker, kein Mitreißer, kein Visionär. Diese Fähigkeiten sind aktuell aber auch nicht gefragt. Die Deutsche Bank ist ein Sanierungsfall und zu dieser Diagnose passt der zurückgenommene Auftritt Cryans.

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Bei der Deutschen Bank klaffen Anspruch und Wirklichkeit auseinander

Dabei gibt es keinen Zweifel daran, dass er hier jetzt das Sagen hat. Cryan betritt das Podium zuerst alleine, damit die Fotografen ihn ablichten können, seine Vorstandskollegen Jürgen Fitschen, Marcus Schenck und Christian Sewing folgen mit etwas Abstand. Er beantwortet die wichtigsten Fragen, er sagt, wo es langgeht. Und er benennt einmal mehr möglichst drastisch, was bei der Bank zuletzt so alles schief gelaufen ist. Für seinen noch bis kommenden Mai amtierenden Co-Chef Fitschen ist das nicht immer angenehm. So berichtet der 54-jährige Brite, wie er als Aufsichtsrat bemerkt habe, dass Anspruch und Wirklichkeit bei der Bank immer weiter auseinandergefallen sind. Nach außen habe das Management zwar Erfolge verkündet, intern sei die Wahrnehmung aber eine völlig andere gewesen. Da schaut der zum Teil dafür verantwortliche Fitschen dann doch ziemlich skeptisch auf den neuen Mann an der Spitze.

Man nimmt es ihm ab, dass er all das wirklich meint und die Vergangenheit nicht nur möglichst schlecht redet, um selbst umso heller zu erstrahlen. Seit 20 Jahren habe die Bank immer wieder Strategien entworfen, ohne sie wirklich umzusetzen, sagt Cryan. Und für kurzfristige Ziele seien langfristige Investitionen, vor allem in die IT-Infrastruktur, sträflich vernachlässigt worden. Das ist ein klarer Seitenhieb  gegen seinen Vorvorgänger Josef Ackermann, der eine Eigenkapitalrendite von 25 Prozent anstrebte. Ab 2018 sollen nun mehr als zehn Prozent reichen.

Der Schnitt klingt deutlich größer als er ist, die Bank hat schließlich auch deutlich mehr Eigenkapital als zu Ackermanns Zeiten. Doch Cryans Botschaft ist klar: solle alles viel solider und verlässlicher werden. Die neuen Ziele seien weniger ambitioniert, dafür könne die Bank sie auch dauerhaft und verlässlich erreichen. 

Kostendisziplin fängt oben an

Bis es soweit ist, verlangt die Führung allen Beteiligten einiges ab. Keiner soll geschont werden. 9000 Stellen wird die Bank abbauen, 4000 davon in Deutschland. 200 Filialen bevorzugt in größeren Städten schließen, aus zehn Ländern zieht sich die Deutsche Bank zurück. Bonuszahlungen werden wohl deutlich gekürzt, auch wenn der Chef betont, dass die Bank weiterhin ein wettbewerbsfähiger Arbeitgeber bleiben soll. Die Aktionäre müssen zwei Jahre auf eine Dividende verzichten. Mit den Einsparungen will Cryan das Kapitalpolster der Bank stärken.

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Ob das angesichts der weiter unabsehbaren Kosten für Prozesse und Strafzahlungen sowie der verschärften Regulierung reicht, um eine Kapitalerhöhung zu vermeiden, sagt Cryan nicht. Er wird in der knappen Zeit auch nicht gefragt. Nach 90 Minuten verabschiedet er sich Richtung London. Dort findet eine Konferenz mit Investoren statt, Cryan nimmt den Linienflieger, wie es auf dem Podium mehrfach heißt. Kostendisziplin fängt ganz oben an.

Trotzdem reicht die kurze Fragerunde, um den Eindruck zu festigen, den schon die ersten Schritte des  neuen Chefs vermittelt hatten. Cryan macht Ernst, er will die Kosten der Bank endlich in den Griff bekommen und schreckt dafür auch vor unpopulären Entscheidungen nicht zurück, er macht Schluss mit überzogenen Erwartungen und Realitätsflucht, er will den grundlegenden Wandel. Das ist eine Chance für die Bank. Doch auf die Fragen, was das Institut vor allen Wettbewerbern auszeichne und womit es künftig ausreichend Geld verdienen soll, gibt der Chef keine erschöpfende Antwort. Er verweist auf die tiefe Verwurzelung in der deutschen Industrie und auf die hervorragenden Mitarbeiter des Instituts. Für einen Zahlenmenschen wie ihn ist das ziemlich schwammig. Ein Anfang ist gemacht, viele Fragen bleiben offen. Weitere Auftritte Cryans werden, sie müssen folgen. 

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