Deutsche Bank: John Cryan muss behutsam aufräumen

Deutsche Bank: John Cryan muss behutsam aufräumen

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John Cryan, der neue Chef der Deutschen Bank.

von Cornelius Welp

Am Mittwoch tritt John Cryan seinen neuen Job an. Die Voraussetzungen sind für ihn ganz andere als für seine Vorgänger: Der Chef der Deutschen Bank soll für Ruhe sorgen und den größten Umbruch seit Jahrzehnten gestalten.

Wenn John Cryan an diesem Mittwoch zunächst als Partner von Jürgen Fitschen an die Spitze der Deutschen Bank rückt, sind die Erwartungen an ihn ganz anders als bei seinen Vorgängern. Bei ihnen standen die Zeichen stets auf Angriff, die Deutsche Bank befand sich in einer Position der Stärke und zählte sich wie selbstverständlich zu den wichtigsten Instituten der Welt.

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Selbst Anshu Jain und Jürgen Fitschen traten vor gut drei Jahren noch in dem Bewusstsein  an, Gewinner der Finanzkrise zu sein. Ihre Agenda war vor allem ein Wachstumsprogramm, sie wollten in Lücken vorstoßen, die der Rückzug schwacher Konkurrenten aufriss.

Stimmen zum Chefwechsel bei der Deutschen Bank

  • Paul Achleitner

    „Ihre Entscheidung, ihr Amt früher als geplant niederzulegen, zeigt auf eine beeindruckende Weise ihre Einstellung, die Interessen der Bank vor ihre eigenen zu stellen.“

  • Wall Street Journal

    „Die neue Spitze der Deutschen Bank steht weiter vor einer existenziellen Frage. Ein neuer Chef wird möglicherweise nicht ausreichen, um das strategische Dilemma zu beenden. Jains Nachfolger John Cryan, ein ehemaliger Investmentbanker aus dem Aufsichtsrat, kann zwar frischen Wind in die bevorstehenden Aufgaben bringen, aber wenig mehr. In vielerlei Hinsicht sind seine Hände gebunden.“

  • New York Times

    „Als Außenstehender ist John Cryan unbefleckt von den rechtlichen Problemen, die den Ergebnissen der Deutschen Bank und ihrem Ruf schaden. Anshu Jain musste sich der Frage stellen, ob jemand, der dem Investmentbanking so nahe steht, der Richtige sein kann, um mit den Vorwürfen aufzuräumen. Die meisten Anschuldigungen richten sich gegen das Investmentbanking, das Jain führte, bevor er Vorstandschef wurde.“

  • Forbes

    „John Cryans erste Aufgabe wird es sein, eine neue Strategie zu finden. Die Deutsche Bank braucht eine radikale Operation – wahrscheinlich eine Aufspaltung. Cryan hat sicherlich den Hintergrund und die Erfahrung für diese Herausforderung. Aber die Aktionäre werden nicht viel Geduld haben. Um ihr Vertrauen wieder herzustellen, muss Cryan schnell und richtig handeln.

  • Neue Zürcher Zeitung

    „Endlich, ist man geneigt zu sagen, denn die alte Garde der Bank wirkte von Anfang an wenig geeignet für einen echten Neuanfang nach den Wirren der Finanzkrise. Besonders Jain steht für genau jene Kultur, die der Bank wegen dubioser Machenschaften ihrer Mitarbeiter rund um den Globus Bussen in Milliardenhöhe seitens der Aufsichtsbehörden eingebrockt hat und die letztlich das Ansehen der einst so stolzen 'Deutschen' – wie das Finanzinstitut in der angelsächsischen Welt, wo die Konkurrenz sitzt, genannt wird – ramponiert hat.“

  • Union Investment

    „Der Aufsichtsrat zieht die Konsequenzen aus dem Abstimmungsdesaster auf der Hauptversammlung. Die Entscheidung für John Cryan kommt nicht überraschend.“

  • DSW

    „Die finanziellen Kennzahlen und der Aktienkurs haben sich weit von den Zielen der Bank entfernt. Die Deutsche Bank hat nach Angaben der Behörden die Ermittlungen im Libor-Skandal behindert und auch der jüngste Geldwäscheskandal in Russland zeigt, dass der Kulturwandel nicht vorankommt." Es ist daher nur konsequent, dass es jetzt einen Wechsel an der Spitze gibt.“

  • Hermes (Aktionärsberater)

    „Wir begrüßen die Reaktion des Aufsichtsrats zeitnah zur Hauptversammlung. Um die großen Herausforderungen der Bank in den Griff zu bekommen, war ein wirklicher Neuanfang unausweichlich.“

  • UBS

    „Der designierte neue Vorstandschef des Geldinstituts, John Cryan, verfügt über eine gute Reputation. Der Markt reagiert positiv. Zumindest teilweise können die Ziele der neuen Strategie 2020 nun eingepreist werden, was bisher wegen des mangelnden Vertrauens in das bisherige Führungsduo nicht der Fall gewesen ist.“

  • Goldman Sachs

    „Insgesamt rechnen wir damit, dass der Markt die Ankündigung zunächst zwar positiv aufnimmt, allerdings nur kurzfristig. Denn die zentralen Herausforderungen bei Deutschlands größter Bank sind struktureller Natur. Das grundlegende Problem ist die fehlende Basis zur Generierung höherer Renditen. Wegen der mangelnden Möglichkeiten für strategische Veränderungen bevorzugen wir weiter die Aktie der britischen Bank Barclays sowie die der Schweizer Banken Credit Suisse und UBS.“

  • Gerhard Schick, Grüne

    „Die bisherigen Chefs sind zu stark mit den alten Problemen verbunden. Der neue Vorstand muss jetzt aufräumen, vor allem im Investmentbanking, wo das teilweise kriminelle Verhalten strukturell bedingt war.“

  • Dietmar Bartsch, Linke

    Mit dem Stühlerücken an der Konzernspitze ist es nicht getan. Der Nachfolger wird kaum anders agieren als die alten Chefs. Große Finanzkonzerne können wegen ihrer wirtschaftlichen Bedeutung die Politik erpressen, um am Ende auch mit Steuerzahlergeld gerettet zu werden. Wir brauchen eine Stärkung von Sparkassen und Volksbanken, und nicht von Großbanken.“

Heute dagegen stehen die Zeichen auf Rückzug. Die Bank ist im weltweiten Wettbewerb vor allem gegenüber den großen US-Instituten dramatisch zurückgefallen, anders als bei den meisten Konkurrenten stagniert der Börsenkurs seit Jahren, eine schier unendliche Kette von Prozessen und Ermittlungen hat die Beschäftigten zermürbt. Die neue Strategie des Geldhauses  ist vor allem eine Schrumpfkur, ein spätes Eingeständnis, dass es lange über seine Verhältnisse gelebt und die eigene Kraft überschätzt hat. Als sichtbarstes Resultat der Neuorientierung soll die ab 2008 übernommene Postbank wieder abgegeben werden.

Die Erwartungen an Cryan klingen denn auch vergleichsweise bescheiden, sind in Wahrheit aber äußerst anspruchsvoll:  Der Neue soll endlich für Ruhe sorgen, die zerstrittenen Lager einen, die Skandale der Vergangenheit in den Griff bekommen und dem orientierungslosen Unternehmen wieder zu einer Identität und einer klaren Perspektive verhelfen. Erneute strategische Kehrtwenden stehen nicht auf seinem Programm, es geht um Details, um die möglichst geschmeidige Umsetzung der im Großen und Ganzen bereits bekannten Pläne.

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Anshu Jain und Jürgen Fitschen im Abgang. Die beiden Chefs der Deutschen Bank geben dem Druck der Investoren und Aktionäre nach und treten zurück. Quelle: dpa Picture-Alliance

Ob der 54-jährige Brite, der gut Deutsch spricht, der richtige Mann dafür ist, lässt sich kaum beurteilen. Was ihn für den Job qualifiziert sind vor allem die Leistungen der Vergangenheit. Bei der UBS geraten ehemalige Mitarbeiter geradezu ins Schwärmen, wenn sie über ihren früheren Kollegen sprechen. Als Finanzvorstand hat er dort ab 2008 in einer existenzbedrohenden Krise mit ebenso entschlossenen wie sachlich fundierten Schnitten für Stabilität gesorgt. Auch Mitglieder des Aufsichtsrats beschreiben den Musikfan als extrem kompetent und dabei äußerst angenehm im Umgang.

Ob das reicht? Die Lage bei der Deutschen Bank ist diffizil, einfache Blaupausen funktionieren nicht. Cryan kann nicht dem Beispiel der UBS folgen, das Investmentbanking radikal einzudampfen und auf die Vermögensverwaltung zu setzen. Die UBS ist in diesem Geschäft weltweit die Nummer Eins, die Deutsche Bank ein Spieler aus der zweiten Liga. Für sie bleibt ein starkes, am Kunden ausgerichtetes Investmentbanking schon mangels Alternativen unverzichtbar.

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