Deutsche Bank: John Cryan räumt auf

Deutsche Bank: John Cryan räumt auf

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John Cryan, Chef der Deutschen Bank

von Cornelius Welp und Andreas Toller

Die Deutsche Bank kündigt den höchsten Verlust ihrer Geschichte an. Der Druck auf ihren neuen Co-Chef John Cryan steigt. Zumindest die Aktionäre bleiben gelassen.

Die Mitteilung zum voraussichtlichen Quartalsergebnis, die die Deutsche Bank am Mittwochabend verschickte, ist ein trauriger Rekord. Mehr als sechs Milliarden Euro innerhalb von drei Monaten  hatte das Institut nicht mal auf dem Höhepunkt der Finanzkrise Ende 2008 verloren. Damals waren gerade die Investmentbank Lehman Brothers Pleite  und mit ihr fast das weltweite Finanzsystem untergegangen. Ein auch nur annähernd vergleichbares externes Ereignis hat es nun nicht gegeben. Die Deutsche Bank hat mit John Cryan lediglich einen neuen Chef bekommen.

Der dürfte nun jedoch für eine ähnliche Zeitenwende bei der Bank sorgen wie der externe Schock im September 2008. Cryan hat Ehrlichkeit versprochen und die nun auch geliefert. Anders als unter seinen Vorgängern soll die Lage nicht mehr schön geredet werden. Die neue Offenheit zeigt in aller Härte, dass es um die Bank noch schlechter steht als viele angenommen haben. Das trifft auch Aktionäre und Mitarbeiter, die mit dem Ausfall der Dividende und niedrigeren Boni rechnen müssen. Immerhin braucht die Bank wohl keine neue Kapitalerhöhung, ihre Kapitalquote von derzeit elf Prozent kann sie einigermaßen stabil halten.

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Stimmen zum Chefwechsel bei der Deutschen Bank

  • Paul Achleitner

    „Ihre Entscheidung, ihr Amt früher als geplant niederzulegen, zeigt auf eine beeindruckende Weise ihre Einstellung, die Interessen der Bank vor ihre eigenen zu stellen.“

  • Wall Street Journal

    „Die neue Spitze der Deutschen Bank steht weiter vor einer existenziellen Frage. Ein neuer Chef wird möglicherweise nicht ausreichen, um das strategische Dilemma zu beenden. Jains Nachfolger John Cryan, ein ehemaliger Investmentbanker aus dem Aufsichtsrat, kann zwar frischen Wind in die bevorstehenden Aufgaben bringen, aber wenig mehr. In vielerlei Hinsicht sind seine Hände gebunden.“

  • New York Times

    „Als Außenstehender ist John Cryan unbefleckt von den rechtlichen Problemen, die den Ergebnissen der Deutschen Bank und ihrem Ruf schaden. Anshu Jain musste sich der Frage stellen, ob jemand, der dem Investmentbanking so nahe steht, der Richtige sein kann, um mit den Vorwürfen aufzuräumen. Die meisten Anschuldigungen richten sich gegen das Investmentbanking, das Jain führte, bevor er Vorstandschef wurde.“

  • Forbes

    „John Cryans erste Aufgabe wird es sein, eine neue Strategie zu finden. Die Deutsche Bank braucht eine radikale Operation – wahrscheinlich eine Aufspaltung. Cryan hat sicherlich den Hintergrund und die Erfahrung für diese Herausforderung. Aber die Aktionäre werden nicht viel Geduld haben. Um ihr Vertrauen wieder herzustellen, muss Cryan schnell und richtig handeln.

  • Neue Zürcher Zeitung

    „Endlich, ist man geneigt zu sagen, denn die alte Garde der Bank wirkte von Anfang an wenig geeignet für einen echten Neuanfang nach den Wirren der Finanzkrise. Besonders Jain steht für genau jene Kultur, die der Bank wegen dubioser Machenschaften ihrer Mitarbeiter rund um den Globus Bussen in Milliardenhöhe seitens der Aufsichtsbehörden eingebrockt hat und die letztlich das Ansehen der einst so stolzen 'Deutschen' – wie das Finanzinstitut in der angelsächsischen Welt, wo die Konkurrenz sitzt, genannt wird – ramponiert hat.“

  • Union Investment

    „Der Aufsichtsrat zieht die Konsequenzen aus dem Abstimmungsdesaster auf der Hauptversammlung. Die Entscheidung für John Cryan kommt nicht überraschend.“

  • DSW

    „Die finanziellen Kennzahlen und der Aktienkurs haben sich weit von den Zielen der Bank entfernt. Die Deutsche Bank hat nach Angaben der Behörden die Ermittlungen im Libor-Skandal behindert und auch der jüngste Geldwäscheskandal in Russland zeigt, dass der Kulturwandel nicht vorankommt." Es ist daher nur konsequent, dass es jetzt einen Wechsel an der Spitze gibt.“

  • Hermes (Aktionärsberater)

    „Wir begrüßen die Reaktion des Aufsichtsrats zeitnah zur Hauptversammlung. Um die großen Herausforderungen der Bank in den Griff zu bekommen, war ein wirklicher Neuanfang unausweichlich.“

  • UBS

    „Der designierte neue Vorstandschef des Geldinstituts, John Cryan, verfügt über eine gute Reputation. Der Markt reagiert positiv. Zumindest teilweise können die Ziele der neuen Strategie 2020 nun eingepreist werden, was bisher wegen des mangelnden Vertrauens in das bisherige Führungsduo nicht der Fall gewesen ist.“

  • Goldman Sachs

    „Insgesamt rechnen wir damit, dass der Markt die Ankündigung zunächst zwar positiv aufnimmt, allerdings nur kurzfristig. Denn die zentralen Herausforderungen bei Deutschlands größter Bank sind struktureller Natur. Das grundlegende Problem ist die fehlende Basis zur Generierung höherer Renditen. Wegen der mangelnden Möglichkeiten für strategische Veränderungen bevorzugen wir weiter die Aktie der britischen Bank Barclays sowie die der Schweizer Banken Credit Suisse und UBS.“

  • Gerhard Schick, Grüne

    „Die bisherigen Chefs sind zu stark mit den alten Problemen verbunden. Der neue Vorstand muss jetzt aufräumen, vor allem im Investmentbanking, wo das teilweise kriminelle Verhalten strukturell bedingt war.“

  • Dietmar Bartsch, Linke

    Mit dem Stühlerücken an der Konzernspitze ist es nicht getan. Der Nachfolger wird kaum anders agieren als die alten Chefs. Große Finanzkonzerne können wegen ihrer wirtschaftlichen Bedeutung die Politik erpressen, um am Ende auch mit Steuerzahlergeld gerettet zu werden. Wir brauchen eine Stärkung von Sparkassen und Volksbanken, und nicht von Großbanken.“

Die Dimensionen des Verlusts sind nicht damit zu erklären, dass der neue Chef hier und da etwas abschreibt, um die Vorgänger schlecht aussehen zu lassen und selbst später umso mehr glänzen zu können. Auch Rückstellungen für Rechtsstreitigkeiten spielen mit 1,2 Milliarden Euro nur eine untergeordnete Rolle. Bei dieser radikalen Aufräumaktion geht es um mehr. Um fast sechs Milliarden Euro hat die Bank Geschäfts- und Firmenwerte nach unten korrigiert. Der größte Korrekturbedarf dürfte für die Beteiligung an der Postbank angefallen sein. Die hatte die Deutsche Bank bis zuletzt mit mehr als sechs Milliarden Euro bewertet, Insider halten jedoch einen Wert von drei bis vier Milliarden Euro für realistisch. 

Cryan hat nun ein realistisches Bild der Deutschen Bank gezeichnet. Und er hat vor der lang erwarteten Verkündung der Details zur neuen Strategie der Bank kräftig Luft geholt. Einige schon erwartete Einzelheiten wie die Trennung vom Anteil an der chinesischen Hua Xia Bank hat er nun erstmals offiziell bestätigt.  Alle Details wird er am 29. Oktober bekanntgeben. Der Druck ist groß. Dann muss der große Wurf folgen.

PremiumBörse Der große Dax-Bluff

Aufgeschobene Abschreibungen, versteckte Leasingschulden und Pensionslasten - die Kurshausse überdeckt massive Bilanzprobleme im Dax. Was die Finanzchefs verschweigen.

Titel: WirtschaftsWoche KW 33 Quelle: Sébastien Thibault

Für Aktionäre der Deutschen Bank ist vor allem die in Aussicht gestellte Kürzung oder gar komplette Streichung der Dividende bitter. Zuletzt war eine Dividende von 76 Cent je Aktie erwartet worden. Fiele die Ausschüttung im Frühjahr 2016 komplett aus, wäre es das erste Mal seit den Fünfzigerjahren.

Insgesamt tragen die Anleger Rekordverlust und Dividendenschock jedoch mit Fassung. Hatte es am Morgen vor Börseneröffnung noch nach einem herben Kursverlust ausgesehen – vorbörslich lag das Papier bis zu acht Prozent im Minus – haben Käufer der Aktie in den ersten Handelsstunden doch noch die Wende und sogar ein kräftiges Plus beschert.

Offenbar honorieren die Anleger, das Cryan gründlich aufräumt, Altlasten in Angriff nimmt und damit die Basis für künftige Erfolge legt. Die Analysten von Citigroup, Nomura und Credit Suisse bestätigten bereits ihre Kaufempfehlungen für Papiere der Deutschen Bank. Leidglich Goldman Sachs bleibt skeptisch, ob die Aufräumarbeiten damit schon abgeschlossen seien.

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Entsprechend kletterte der Kurs der Deutschen Bank am Vormittag um bis zu drei Prozent auf 26,28 Euro, gegen Mittag lag sie 1,4 Prozent im Plus. Mit den Einsparungen sinke die Gefahr, dass die Bank die Aktionäre ein weiteres Mal um Kapital bitten müsse, sagten Analysten und Investoren. "Cryan macht mit dem Schritt deutlich, dass er keine Kapitalerhöhung braucht", sagte einer der zehn größten Investoren nach Meldungen der Nachrichtenagentur Reuters. "Das ist die entscheidende Botschaft." Ein anderer Top-20-Investor argumentierte: "Nun gibt es klare Anzeichen, dass man sich an die schwierigen Entscheidungen heranwagt." Die Analysten von Citi rechnen aber damit, dass die Bank trotzdem nicht an einer Kapitalerhöhung vorbeikommt, allerdings erst 2016.

Nachdem es anfangs so aussah, als würden die Verluste der Deutschen Bank den Börsenindex Dax belasten, atmeten Börsenbeobachter wenig später auf: Der Dax stieg zeitweise über 10.000 Punkte, pendelte anschließend auf Vortagsniveau und kann damit seinen Wochengewinn von rund fünf Prozent verteidigen.

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