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Deutsche Bank und der Libor-Skandal: Was wusste Anshu Jain?

von Sven Afhüppe, Robert Landgraf und Peter Köhler Quelle: Handelsblatt Online

Wie tief ist der Co-Chef der Deutschen Bank in die Zinsmanipulationen verstrickt? Der neue Aufsichtsratschef des Geldhauses, Paul Achleitner, will alles aufklären und hat eine interne Ermittlergruppe in Marsch gesetzt. Für Jain kommt das zur Unzeit.

Anshu Jain mit Bundeskanzlerin Angela Merkel. Quelle: AFP
Anshu Jain mit Bundeskanzlerin Angela Merkel. Quelle: AFP

Düsseldorf/FrankfurtJosef Ackermann wollte nicht, dass sein oberster Investmentbanker ihm als Chef der Deutschen Bank nachfolgt. Das ist bekannt. Weniger bekannt ist bislang, dass ein zentraler Grund dafür die Affäre um die Londoner Zinsmanipulationen gewesen ist, die im Vorstand erstmals im Januar 2010 zur Sprache kamen. „Die Zinsaffäre schwebte wie ein Damoklesschwert über Jain“, sagte ein Insider dem Handelsblatt. Der Ex-Bankchef habe es an Warnungen gegenüber dem damaligen Aufsichtsrat nicht fehlen lassen.

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Fest steht, dass Jain - anders als die Spitze der britischen Großbank Barclays - nicht in die Zinsmanipulationen verwickelt ist. Fest steht aber auch: Es waren seine Leute, die zu einem bankenübergreifenden Kartell gehörten, das verschiedene Zinssätze wie Libor und Euribor beeinflusste, um sich im Derivategeschäft günstige Ausgangspositionen zu verschaffen. Die Aktivitäten hatten System und fielen keinem internen Kontrolleur auf.

Jain legt Wert darauf, dass sich die kriminellen Machenschaften fünf Hierarchieebenen unter ihm abgespielt haben. Er selbst habe eine Untersuchung angeordnet. Die allerdings ist bis heute nicht abgeschlossen. Sie wurde anfangs nicht mit voller Intensität geführt, erfuhr diese Zeitung aus dem Aufsichtsrat.

Mittlerweile kümmert sich ein Team, das mehr als 100 Mitarbeiter umfasst, um Aufklärung. Diese bankinterne Ermittlertruppe arbeitet eng mit der Finanzaufsicht Bafin und den Aufsichtsbehörden in London zusammen. Im September - fünf Jahre nach den Verfehlungen und fast drei Jahre nach deren Bekanntwerden - sollen Ergebnisse vorliegen. Der neue Aufsichtsratschef Paul Achleitner macht erkennbar mehr Druck als Vorgänger Clemens Börsig.

Für Jain, der seit 1. Juni mit Jürgen Fitschen die Deutsche Bank führt, kommt die Aufarbeitung des Skandals zur Unzeit. Im September wollte er die neue strategische Ausrichtung der Bank verkünden. Doch nun muss er viel Energie aufbringen, Verfehlungen seiner Truppe vor und in der Finanzkrise aufzuklären. Der Schatten der Vergangenheit - er wird Jain weiter begleiten.

In Großbritannien hat der Zins-Skandal längst die Topetagen der Banken erfasst. Anfang Juli zog Barclays-Verwaltungsratschef Marcus Agius die Konsequenzen und kündigte seinen Rückzug an. In einer Anhörung vor dem britischen Parlament hatte er noch versucht, die Verantwortung an die Compliance-Abteilung abzuschieben, die für die Einhaltung der Regeln einer guten Unternehmensführung verantwortlich ist.


Gegen zwei Händler wird ermittelt

Wenig später gab auch Vorstandschef Bob Diamond auf. Ihm wurde vorgeworfen, direkt in die Affäre um die Manipulation des globalen Referenzzinssatzes Libor verwickelt gewesen zu sein. Im Herbst 2008 auf dem Höhepunkt der Finanzkrise soll Barclays möglicherweise unter Mitwissen der britischen Notenbank die Libor-Sätze, die die Bank meldete, nach unten korrigiert haben.

Dabei ging es aber anders als im Fall des illegalen Händlerrings, der sein Unwesen von 2005 bis 2007 trieb, nicht um Profitgier, sondern darum, Zweifel an der Überlebensfähigkeit der Bank zu zerstreuen. Das ist ein gravierender Unterschied zur Deutschen Bank. Hier gibt es bisher keine Anzeichen dafür, dass der Co-Chef des größten deutschen Geldhauses, Anshu Jain, oder andere Führungskräfte an den Machenschaften beteiligt sind.

Und es gibt weitere Unterschiede: Während bei der Deutschen Bank gegen zwei Händler des Geldhauses ermittelt wird, sind es bei Barclays 14 Händler. Die zwei Deutschbanker wurden 2010 suspendiert und verließen 2011 das Institut. Sie waren nicht die Drahtzieher. Organisiert wurden die Kartelle nach Informationen aus Finanzkreisen von Händlern der britischen Bank Barclays und von der Schweizer UBS.

Ein marokkanischer Händler von Barclays soll mit Bekannten und ehemaligen Kollegen einen Ring aufgebaut haben, der zwischen 2005 und 2007 den europäischen Referenzzins Euribor manipuliert hat. Damals geschah das aus Geldgier, um höhere Boni zu kassieren. Knapp drei Dutzend Händler waren Medienberichten zufolge in dem Kartell organisiert.

Neben Barclays und der Deutschen Bank zählen unter anderem Mitarbeiter der Société Générale, der Credit Agricole und von HSBC zu den Verdächtigten. Bei den meisten soll es sich um Franzosen oder Nordafrikaner handeln, die früher einmal für die Société Générale gearbeitet haben.

Neben diesem Ring nehmen die Behörden Finanzkreisen zufolge ein zweites Kartell unter die Lupe. Dabei konzentrieren sich die Ermittlungen auf einen einzelnen Händler, der von 2006 bis 2009 für die UBS und von 2009 bis 2010 für die Citigroup arbeitete. Dieser Händler soll mit Kollegen bei HSBC, der Royal Bank of Scotland und JP Morgan den Referenzzins für den japanischen Yen manipuliert haben. Im Februar bei einem kanadischen Gericht eingereichte Unterlagen nennen auch einen Händler der Deutschen Bank.


Steinbrück: „Politik steht wie der Depp da“

Den Unterlagen zufolge haben die verdächtigen Banken zwischen 2007 und 2010 „künstlich überhöhte oder zu niedrig angesetzte“ Yen-Sätze gemeldet, mit der Absicht, höhere Gewinne mit eigenen Handelspositionen zu erzielen. Dabei sollen sich die Händler in den einzelnen Instituten zunächst abgestimmt haben, welcher Zinssatz vorteilhaft für sie wäre.

Hätte Anshu Jain als damaliger Chef des Investment-Bankings der Deutschen Bank nicht merken müssen, dass seine Händler über Jahre hinweg gleich in zwei illegale Kartelle verwickelt waren? Die Deutsche Bank lehnt eine Stellungnahme ab. In Finanzkreisen heißt es, dass es bisher im Rahmen der Untersuchungen keinen Hinweis auf eine Beteiligung des Topmanagements gibt.

Eine endgültige Bewertung wird für September erwartet, wenn die Millionen von E-Mails und die zahlreichen Telefonate vollständig ausgewertet sind. Die Bank hat bei der Brüsseler EU-Kommission und in der Schweiz die Kronzeugenregelung erlangt. Sie hofft damit auf einen Bußgeldnachlass. Die frühzeitige Kooperation mit den Ermittlungsbehörden trägt die Handschrift des früheren Vorstandschefs Josef Ackermann, der „den Fall vollständig aufgeklärt haben wollte“, sagte ein Insider.

Die Politik reagiert empört. „Die Systemveränderer sitzen in den Vorstandsetagen der Banken. Die Politik steht derweil wie der Depp da“, ärgert sich der frühere Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD): „Also wird sie handeln und eine weitaus schärfere Regulierung und Aufsicht durchsetzen müssen“, sagte er dem Handelsblatt.

Kaum geringer ist die Wut in den Reihen von CDU und CSU. „Ich bin entsetzt über die Dreistigkeit der Banken, die sich an der Manipulation des Libor-Satzes beteiligt haben“, sagte Unionsfraktionsvize Michael Meister (CDU). Es werde eine strukturelle Reform der Bankenaufsicht benötigt.

1 KommentarAlle Kommentare lesen
  • 20.07.2012, 19:28 UhrJoselyn

    Herr Jain wusste mit Sicherheit davon. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er als Vorgesetzter keine Kenntnis davon hatte. Ob man das allerdings beweisen kann, steht auf einem anderen Blatt.

    Ich könnte mir denken, dass er, wie bereits seine Vorgänger, die Salami-Taktik praktiziert. Erst wenn etwas konkret wird, wird er es zugegeben. Ansonsten wird er schweigen.

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