Deutsche Bank: Zehn Fragen zum Rücktritt von Jain und Fitschen

Deutsche Bank: Zehn Fragen zum Rücktritt von Jain und Fitschen

, aktualisiert 09. Juni 2015, 10:30 Uhr
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Anshu Jain und Jürgen Fitschen werden ihren Platz an der Doppelspitze der Deutschen Bank abgeben

von Saskia Littmann

Die Zeit der Deutsche Bank-Co-Chefs Anshu Jain und Jürgen Fitschen ist vorbei, die Deutsche Bank kann sich nun neu aufstellen. Was der Wechsel für die Bank, ihre Kunden und Aktionäre bedeutet.

Besser spät als nie? Gut zweieinhalb Wochen nach der dramatischen Hauptversammlung der Deutschen Bank haben die beiden Co-Chefs Jürgen Fitschen und Anshu Jain ihren Rückzug angekündigt. Jain wird schon Ende des Monats von seinem Amt zurücktreten, Fitschen noch bis Mai 2016 im Amt bleiben. Danach wird der neue Chef John Cryan die größte deutsche Bank alleine führen, die Zeit der Doppelspitze ist dann abgelaufen. Auch wenn die Entscheidung als längst überfällig gilt, wirft sie Fragen auf.

Warum treten Jain und Fitschen erst jetzt zurück?

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Das desaströse Ergebnis der Hauptversammlung gilt als der wahrscheinlichste Grund für den endgültigen Abgang der längst angezählten Co-Chefs. Nur rund 61 Prozent der Aktionäre entlasteten die Vorstände - üblich sind Ergebnisse von über 90 Prozent. Deutlicher kann sich fehlendes Vertrauen nicht in Zahlen widerspiegeln. Spätestens nach der Abstimmung dürfte den beiden Co-Chefs klar gewesen sein, dass es so nicht weitergehen kann. Gleiches gilt für Aufsichtsratschef Paul Achleitner.

Stimmen zum Chefwechsel bei der Deutschen Bank

  • Paul Achleitner

    „Ihre Entscheidung, ihr Amt früher als geplant niederzulegen, zeigt auf eine beeindruckende Weise ihre Einstellung, die Interessen der Bank vor ihre eigenen zu stellen.“

  • Wall Street Journal

    „Die neue Spitze der Deutschen Bank steht weiter vor einer existenziellen Frage. Ein neuer Chef wird möglicherweise nicht ausreichen, um das strategische Dilemma zu beenden. Jains Nachfolger John Cryan, ein ehemaliger Investmentbanker aus dem Aufsichtsrat, kann zwar frischen Wind in die bevorstehenden Aufgaben bringen, aber wenig mehr. In vielerlei Hinsicht sind seine Hände gebunden.“

  • New York Times

    „Als Außenstehender ist John Cryan unbefleckt von den rechtlichen Problemen, die den Ergebnissen der Deutschen Bank und ihrem Ruf schaden. Anshu Jain musste sich der Frage stellen, ob jemand, der dem Investmentbanking so nahe steht, der Richtige sein kann, um mit den Vorwürfen aufzuräumen. Die meisten Anschuldigungen richten sich gegen das Investmentbanking, das Jain führte, bevor er Vorstandschef wurde.“

  • Forbes

    „John Cryans erste Aufgabe wird es sein, eine neue Strategie zu finden. Die Deutsche Bank braucht eine radikale Operation – wahrscheinlich eine Aufspaltung. Cryan hat sicherlich den Hintergrund und die Erfahrung für diese Herausforderung. Aber die Aktionäre werden nicht viel Geduld haben. Um ihr Vertrauen wieder herzustellen, muss Cryan schnell und richtig handeln.

  • Neue Zürcher Zeitung

    „Endlich, ist man geneigt zu sagen, denn die alte Garde der Bank wirkte von Anfang an wenig geeignet für einen echten Neuanfang nach den Wirren der Finanzkrise. Besonders Jain steht für genau jene Kultur, die der Bank wegen dubioser Machenschaften ihrer Mitarbeiter rund um den Globus Bussen in Milliardenhöhe seitens der Aufsichtsbehörden eingebrockt hat und die letztlich das Ansehen der einst so stolzen 'Deutschen' – wie das Finanzinstitut in der angelsächsischen Welt, wo die Konkurrenz sitzt, genannt wird – ramponiert hat.“

  • Union Investment

    „Der Aufsichtsrat zieht die Konsequenzen aus dem Abstimmungsdesaster auf der Hauptversammlung. Die Entscheidung für John Cryan kommt nicht überraschend.“

  • DSW

    „Die finanziellen Kennzahlen und der Aktienkurs haben sich weit von den Zielen der Bank entfernt. Die Deutsche Bank hat nach Angaben der Behörden die Ermittlungen im Libor-Skandal behindert und auch der jüngste Geldwäscheskandal in Russland zeigt, dass der Kulturwandel nicht vorankommt." Es ist daher nur konsequent, dass es jetzt einen Wechsel an der Spitze gibt.“

  • Hermes (Aktionärsberater)

    „Wir begrüßen die Reaktion des Aufsichtsrats zeitnah zur Hauptversammlung. Um die großen Herausforderungen der Bank in den Griff zu bekommen, war ein wirklicher Neuanfang unausweichlich.“

  • UBS

    „Der designierte neue Vorstandschef des Geldinstituts, John Cryan, verfügt über eine gute Reputation. Der Markt reagiert positiv. Zumindest teilweise können die Ziele der neuen Strategie 2020 nun eingepreist werden, was bisher wegen des mangelnden Vertrauens in das bisherige Führungsduo nicht der Fall gewesen ist.“

  • Goldman Sachs

    „Insgesamt rechnen wir damit, dass der Markt die Ankündigung zunächst zwar positiv aufnimmt, allerdings nur kurzfristig. Denn die zentralen Herausforderungen bei Deutschlands größter Bank sind struktureller Natur. Das grundlegende Problem ist die fehlende Basis zur Generierung höherer Renditen. Wegen der mangelnden Möglichkeiten für strategische Veränderungen bevorzugen wir weiter die Aktie der britischen Bank Barclays sowie die der Schweizer Banken Credit Suisse und UBS.“

  • Gerhard Schick, Grüne

    „Die bisherigen Chefs sind zu stark mit den alten Problemen verbunden. Der neue Vorstand muss jetzt aufräumen, vor allem im Investmentbanking, wo das teilweise kriminelle Verhalten strukturell bedingt war.“

  • Dietmar Bartsch, Linke

    Mit dem Stühlerücken an der Konzernspitze ist es nicht getan. Der Nachfolger wird kaum anders agieren als die alten Chefs. Große Finanzkonzerne können wegen ihrer wirtschaftlichen Bedeutung die Politik erpressen, um am Ende auch mit Steuerzahlergeld gerettet zu werden. Wir brauchen eine Stärkung von Sparkassen und Volksbanken, und nicht von Großbanken.“

Was sind die Hauptgründe für das Misstrauen?

Jain und Fitschen werden wohl damit leben müssen, immer mit dem gescheiterten Kulturwandel der Bank verbunden zu werden. Anstelle des Wandels kamen unter ihrer Führung immer neue Prozesse und Verfahren hinzu. Fitschen steht zusammen mit anderen Deutschbankern in München vor Gericht, ihm wird vorgeworfen, im Kirch-Prozess nicht die Wahrheit gesagt zu haben. Jains Wurzel, das Investmentbanking, sorgt immer wieder für Skandale. Ein kultureller Wandel lässt sich mit einem derart vorbelasteten Führungsduo nicht glaubhaft vermitteln. Auch die Zahlen der Deutschen Bank lassen aufgrund der hohen Rückstellungen für Rechtsstreitigkeiten zu wünschen übrig. Im ersten Quartal dieses Jahres lag der Gewinn nach Steuern bei 559 Millionen Euro, erneut hatten Rückstellungen das Ergebnis belastet. Deshalb konnte auch das Sparprogramm das Ergebnis nicht aufpolieren.

Welche Rolle spielt Aufsichtsratschef Paul Achleitner?

Ewig konnte der Aufseher seine beiden Vorstände nicht decken. Die Distanz zwischen Achleitner und seinem Führungsduo war schon vor der Hauptversammlung mehr als deutlich. Im Interview mit der WirtschaftsWoche gab es von Achleitner keine Vertrauenserklärung an die Adresse von Jain und Fitschen, stattdessen erklärte der Chefaufseher, jeder sei ersetzbar. Hätte Achleitner sich länger hinter das erfolglose Führungsduo gestellt, wäre es wohl früher oder später zu einer Diskussion um seine eigene Person gekommen.

Die Aktie der Deutschen Bank reagiert heute mit einem Kurssprung auf den angekündigten Machtwechsel an der Spitze. Doch auch das kann dem Dax nicht ins Plus helfen - er verliert weiter an Boden.

Wer wird der Nachfolger?

Nachfolger von Jain und Fitschen wird der Brite John Cryan. Seit 2013 sitzt der 54-jährige Brite im Aufsichtsrat der Bank. Aktuell arbeitet Cryan als Berater bei Singapurs Staatsfonds Temasek, früher war er Finanzvorstand der Schweizer Großbank UBS. Er gilt als versierter Banker und Krisenmanager, aber nicht als einer, der gerne im Rampenlicht steht.

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