
LondonDer in dieser Woche zurückgetretene Barclays -Chef Bob Diamond hält die Großbank für den Sündenbock im weltweiten Skandal um die Manipulation von Marktzinsen. Bei seinem mit Spannung erwarteten Auftritt vor einem britischen Parlamentsausschuss zur Aufklärung der Affäre gab sich der 60-jährige US-Amerikaner am Mittwoch demütig und nachdenklich.
Diamond sprach von „verwerflichem Verhalten“ einiger Händler zum Höhepunkt der Finanzkrise. "Das ist aber nicht repräsentativ für das Unternehmen, das ich so sehr liebe." Auch er selbst sei darüber nicht im Bilde gewesen. Barclays habe den Behörden als erstes Institut umfangreich bei den Ermittlungen geholfen und ein Fehlverhalten eingeräumt - das schlage nun zurück. „Der Fokus richtet sich in dieser Woche auf Barclays, weil wir die Ersten waren", betonte Diamond, dessen Bank wegen des Skandals rund eine halbe Milliarde Dollar an Strafe zahlen muss.
Die Abgeordneten befragten den einst bestbezahlten Banker Europas auch zu der jüngsten Erklärung von Barclays, die ein Schlaglicht auf die Rolle der Bank von England und Regierungsvertretern in dem Manipulationsskandal wirft: Dem Institut zufolge war es 2008 davon ausgegangen, dass die Notenbank falsche Angaben des Geldhauses zur Ermittlung des Referenz-Zinssatzes Libor gutheiße. So habe man nach der Pleite von Lehman Brothers weitere Unruhe an den Märkten wegen steigender Refinanzierungskosten der Banken vermeiden wollen. Diamond sagte, er habe damals eine Verstaatlichung des Instituts befürchtet, wenn der Eindruck entstanden wäre, dass es nur noch zu hohen Zinsen an frische Mittel herankäme. "Die Regierung hätte damals sagen können: Oh mein Gott, sie können sich nicht refinanzieren - wir müssen sie verstaatlichen", erklärte der Top-Banker, der sich ansonsten eher bedeckt hielt zu dem Thema.
Weltweit laufen in der Sache Ermittlungen gegen mehr als ein Dutzend Großbanken, darunter auch die Deutsche Bank und UBS. Ihnen wird vorgeworfen, von 2005 bis 2009 den Zinssatz Libor und andere Marktzinsen mit falschen Angaben manipuliert zu haben, um ihre wahren Refinanzierungskosten zu verschleiern und Handelsgewinne einzustreichen. Der Libor wird einmal täglich in London ermittelt und zeigt an, zu welchen Konditionen sich Banken untereinander Geld leihen. Er basiert auf den individuellen Angaben der Großbanken und dient als Referenz für Kredite an Unternehmen, Privatpersonen und weitere Finanztransaktionen in einem Volumen von 360 Billionen Dollar.
Barclays ist als erstes Geldhaus zu einer Strafe verdonnert worden. Neben Diamond mussten daraufhin auch Verwaltungsratschef Marcus Agius und der fürs Tagesgeschäft zuständige Vorstand Jerry del Missier ihren Hut nehmen. Im Zuge der Ermittlungen sind E-Mails von Barclays-Mitarbeitern aufgetaucht, in denen diese sich gegenseitig Champagner versprechen, wenn sie niedrige Zinsen weitergeben. Barclays-Investoren fordern weitere Antworten auf die drängenden Fragen: "Was haben die Verantwortlichen getan? Wen haben sie informiert? Haben sie die Aufsichtsbehörden informiert? War die Bank von England im Bilde?", fragt Dominic Rossi von Fidelity Worldwide Investment, einem der zehn größten Aktionäre der Bank.
Er spielt damit auf Passagen in dem jüngst veröffentlichten Barclays-Bericht an, in denen es um die regelmäßigen Kontakte mit Notenbankvertretern geht. In einer Chronik zeigt Barclays darin auf, wann Manager mit Zentralbankern gesprochen haben. Besonders pikant ist dabei eine Notiz von Diamond, der damals noch an der Spitze der Investmentbanking-Sparte stand: Darin verweist er auf ein Gespräch mit dem Vize-Gouverneur der Bank von England, Paul Tucker, in dem dieser berichtet habe, dass ihn Regierungsvertreter angerufen hätten, um zu fragen, warum Barclays so hohe Zinsen bei der Libor-Festsetzung angebe. "Herr Tucker meinte, die Anrufe seien von hochrangigen Personen gekommen. Zudem meinte er, dass wir zwar bestimmt keinen Rat brauchten, es aber sicher nicht immer nötig sei, dass wir so hohe Zinsen wie zuvor angeben", schrieb Diamond dem Dokument zufolge in einem Brief an den damaligen Bankchef John Varley. Daraus habe die Bank abgeleitet, dass es durchaus genehm sei, niedrigere Zinsen zu übermitteln.
Die Bank von England erklärte lediglich, Tucker wolle seine Interpretation des Gesprächs bei einer eigenen Anhörung vor dem Ausschuss vorbringen. Der damals zuständige Finanzminister Alistair Darling wies die Darstellung der Bank zurück: "Ich fände es absolut verwunderlich, wenn die Notenbank eine solche Empfehlung abgegeben hätte und ich kann mir auch keine Umstände vorstellen, in denen jemand speziell in meinem Verantwortungsbereich - dem Finanzministerium - so etwas getan hätte", sagte er dem TV-Sender Channel Four.





















