Deutsche Bank hat sich verkalkuliert

KommentarDrohende US-Strafe: Die Deutsche Bank hat sich verkalkuliert – mal wieder

von Cornelius Welp

Im Streit mit US-Behörden um verbriefte Immobilienkredite muss die Deutsche Bank vermutlich viel mehr zahlen als erwartet. Das ist ein neuer und besonders kräftiger Rückschlag für ihren Chef John Cryan.

12,5 Milliarden Euro wären nicht der Todesstoß, aber ein kaum verdaulicher Tiefschlag für die Deutsche Bank. Müsste das Institut wegen zweifelhafter Praktiken bei der Verbriefung von US-Immobilienkrediten tatsächlich so viel zahlen, wie das US-Justizministerium nun fordert, wären nicht nur sämtliche Pläne ihres Chefs John Cryan für die strategische Neuausrichtung auf einen Schlag Makulatur.

Das Kapitalpolster würde auch derart bedrohlich zusammenschrumpfen, dass die Aufnahme frischen Geldes kaum vermeidbar wäre. Eine Rettung durch den Staat wäre noch vermeidbar, die Bank müsste aber vermutlich ihre ohnehin leidgeprüften Aktionäre anpumpen und Teile des Unternehmens verkaufen.

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Ganz so dramatisch wird es wohl nicht kommen. Die Bank hat angekündigt, sich nach Kräften zu wehren und nicht ansatzweise so viel zu zahlen, wie das Ministerium fordert. Wo sich beide Seiten letztlich treffen, ist offen. In der Vergangenheit sind die Zahlungen mitunter tatsächlich deutlich niedriger ausgefallen als die ersten Forderungen, mitunter waren sie aber auch nicht weit von diesen entfernt. Transparenz ist nicht die größte Stärke des US-Justizsystems.

Das sagten Experten zur drohenden US-Strafe für die Deutsche Bank (vor der Entscheidung)

  • Clemens Fuest, Präsident des ifo-Instituts

    "Die Deutsche Bank wird diese Strafe nicht ohne Kapitalerhöhung bezahlen können. Das Eigenkapital von derzeit gut 60 Milliarden Euro sollte nicht weiter sinken. Das würde das Vertrauen in die Solidität weiter erschüttern. Die Gewinne der Bank sind derzeit so niedrig, dass sie kaum ausreichen werden, die Lücke zu füllen. Jetzt rächt sich, dass Bankenaufsicht und Bankenregulierer in den letzten Jahren nicht auf eine stärkere Erhöhung des Eigenkapitals der Deutschen Bank gedrängt haben."

  • Jan Duschek, Bankenexperte der Gewerkschaft Verdi

    "Jetzt kommt es mit Blick auf die Bank und die Beschäftigten darauf an, dass die Rechtsstreitigkeiten und damit verbundenen Unsicherheiten schnell gelöst werden. Wir erwarten, dass man einen angemessenen Kompromiss finden wird."

  • Einer der größten zehn Investoren der Deutschen Bank

    "Ich rechne damit, dass die Deutsche Bank am Ende vier bis 5,5 Milliarden Dollar bezahlen muss - das ist etwas mehr als bisher erwartet. Da wir im US-Wahlkampf sind, kann die Summe aber auch höher ausfallen - etwa sechs oder sieben Milliarden Dollar. Auch der Streit der EU mit Apple und Google kann durchaus dazu führen, dass die Summe höher ausfällt als vergleichbare Strafzahlungen von US-Banken.

    Alles über sieben Milliarden Dollar wäre für die Deutsche Bank sehr gefährdend. Die Deutsche Bank müsste sich dann Gedanken machen, ob sie im normalen Geschäft noch mehr Risiken abbauen kann. Wenn alle Stricke reißen, müsste die Deutschen Bank ihre Kronjuwelen verkaufen - die Vermögensverwaltung - oder eine Kapitalerhöhung in Angriff nehmen. Die Deutsche Bank muss die Probleme in jedem Fall aus eigener Kraft bewältigen. Ich bin ziemlich sicher, dass es keine Staatshilfen geben wird.

    Die deutsche Politik sollte sich nicht in die Verhandlungen über die Höhe der Strafe einmischen. Frankreich hat einst Öl ins Feuer gegossen, als es bei einer Milliarden-Strafe für BNP Paribas in den USA intervenierte. Das hat nichts gebracht, sondern die ganze Sache nur noch verschärft."

  • Ingo Frommen, LBBW

    "Wenn die Strafe am Ende fünf Milliarden Euro oder mehr beträgt, wird die Deutsche Bank nicht um eine Kapitalerhöhung herumkommen. Investoren wollen nicht, dass die Kapitalquote der Bank zu nah an den Mindestanforderungen der Regulierer liegt."

  • Christian Koch, DZ Bank

    "Wir erwarten, dass das mögliche Verhandlungsergebnis deutlich unterhalb des ersten Vergleichsvorschlags liegen wird. Eine Strafzahlung von rund 2,5 Milliarden Dollar würden wir als akzeptables Ergebnis einstufen. Eine Strafzahlung oberhalb der bestehenden Rückstellungen würde die Wahrscheinlichkeit einer Kapitalerhöhung unseres Erachtens erhöhen."

  • Markus Huber, Brokerhaus City of London

    "Das Justizministerium hat die Deutsche Bank dazu auserkoren, ihren Teil beim Stopfen des enormen US-Haushaltsdefizits beizutragen."

  • Neil Wilson, Brokerhaus ETX Capital

    "Angesichts der prekären Finanzlage einiger europäischer Banken, von denen die Deutsche eine des risikobehaftetsten und systemrelevantesten ist, ist dies verstörend und wirkt kurzsichtig und unnötig strafend." Selbst ein Drittel der angedrohten Strafe von 14 Milliarden Dollar wäre eine schwere Last für eine Firma mit einem Börsenwert von rund 18 Milliarden Euro. "Gigantische Forderungen unterminieren Banken, drohen einige der am meisten globalisierten, systemrelevanten Institute zu destabilisieren, just als ein Cocktail neuer Regulierungen und ultra-niedriger Zinsen die Ertragskraft zerstören. Es gibt Spekulationen um eine neue Ära der 'Auge-um-Auge'-Handelskriege. Die Deutsche Bank könnte der Prügelknabe für den Angriff der EU-Kommission auf Apple sein."


Schlimm genug ist die Situation aber auf jeden Fall. Denn es ist völlig klar, dass die Deutsche Bank deutlich mehr, ja ein Vielfaches von dem zahlen muss, was sie selbst erwartet hatte. Offenbar waren ihre eigenen Experten viel zu optimistisch.

Da ihr Marktanteil bei den verbrieften Krediten geringer war, ging sie davon aus, deutlich weniger zahlen zu müssen als etwa Konkurrent Goldman Sachs, der letztlich mit fünf Milliarden Dollar dabei war. Der Marktanteil ist aber nur eine unter vielen Größen bei der Bestimmung der Schadenszahlung. Unter der Goldman-Summe dürfte sie nun kaum davonkommen.

Deutsche Bank John Cryan wehrt sich gegen US-Justiz

Die US-Regierung verlangt eine hohe Strafe über 14 Milliarden Dollar von der Deutschen Bank. Das Geldhaus ist zuversichtlich, die Summe herunterhandeln zu können. Bei Börseneröffnung gingen die Aktien in den Sinkflug.

Die Deutsche Bank bestätigt: Im Streit um Hypothekengeschäfte fordert das US-Justizministerium von dem Frankfurter Geldhaus 14 Milliarden Dollar. Quelle: Reuters

Die Bank hat aktuell 5,5 Milliarden Euro für Prozesse zurückgestellt, ein erheblicher Teil davon dürfte für das Verfahren mit dem US-Ministerium reserviert sein. Reichen wird das sicher nicht, die Bank steht vor neuen Milliarden-Belastungen, entsprechend skeptisch zeigt sich die Börse. Am Mittag lag der Kurs sieben Prozent im Minus.

Es ist nicht das erste Mal, dass sich die Bank in einem Verfahren deutlich zu ihren Gunsten verkalkuliert hat. Schon bei den Verhandlungen zur Beilegung des Streits um die Manipulation des Referenzzinses Libor war sie davon ausgegangen, dass sie im Vergleich zur Konkurrenz glimpflich davonkommen würde.

Herber Gewinneinbruch Die Deutsche Bank hat ein Strategieproblem

Deutsche-Bank-Vorstandschef John Cryan hält am Investmentbanking fest und denkt offenbar noch über eine Verschärfung des Sparkurses nach. Der Erfolg dieses Kurses ist allerdings zweifelhaft. 

John Cryan, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bank. Quelle: dpa

Mit 2,5 Milliarden Dollar zahlte sie jedoch die bis heute höchste Strafe aller beteiligten Institute. Die Strafe fiel auch deshalb so hoch aus, weil die Behörden die angeblich so clevere Verhandlungstaktik als Verschleppung und mangelnden Aufklärungswillen interpretierten.

Wenn sich die Bank in den kommenden Wochen mit dem US.-Justizministerium einigt hat das zumindest ein Gutes: Wegen der Unklarheit über die Höhe möglicher Strafzahlungen gilt das Institut bei Investoren als Black Box, die gewaltige Unsicherheit lastet auf dem Kurs der Aktie. Wenn dieses Kapitel geschlossen ist, bleibt als großes und weitgehend unkalkulierbares Risiko noch ein Verfahren wegen Geldwäsche in Russland übrig.

Es scheint zumindest etwas Licht ins Dunkel, aber viel Hoffnung bringt das nicht. Manchmal sieht auch Klarheit ganz schön finster aus.

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