Europas Banken: Das große Zittern vor dem Absturz

Europas Banken: Das große Zittern vor dem Absturz

, aktualisiert 21. Dezember 2011, 12:01 Uhr
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Die Zentrale der Deutschen Bank in Frankfurt.

von Thomas Bauer, dapd und Thorsten GierschQuelle:Handelsblatt Online

Die Bilanzsummen der Megabanken sind oft größer als das Sozialprodukt ihrer Länder. Wenn die Häuser umkippen, droht das die Realwirtschaft mit in den Abgrund zu reißen. Deshalb schoss die EZB eine halbe Billion Euro zu.

FrankfurtEs ist dieses Gemenge aus messbarer Größe, Verletzlichkeit und ungewisser Zukunft, unter dem die Banken leiden. Probleme der Institute verstärkten sich in der Schuldenkrise gegenseitig, warnt deshalb die Wächterin über Europas Banken, die Europäische Zentralbank (EZB), in ihrem Finanzstabilitätsbericht. Und der neue EZB-Präsident Mario Draghi setzt noch eins drauf: Er denkt bereits mit Schrecken an das erste Quartal im nächsten Jahr, wenn Europas Banken und Staaten 220, beziehungsweise 270 Milliarden Euro an den Kapitalmärkten aufnehmen müssen.

Selten war die Gefahr so groß, dass aus der Bankenkrise des Jahres 2008 eine Kette des Leidens wird, die mit der Wirtschaftskrise im Jahr 2009 ihre Erweiterung bekam und sich jetzt in der Staatsschuldenkrise fortsetzt. Doch Henning Vöpel, Leiter Geldpolitik am Hamburgischen Weltwirschafts-Institut (HWWI), befürchtet bereits eine neue Bankenkrise im nächsten Jahr, bevor die Weltwirtschaft wieder unter Druck gerät und ihr ein konjunktureller Abschwung zusetzt.

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Und deshalb griff die Europäische Zentralbank (EZB) zu bisher nicht gekannten Maßnahmen: Die Währungshüter stützten das angeschlagene Bankwesen heute mit einem Geldsegen von fast 500 Milliarden Euro. Die Kredite wurden erstmalig auf drei Jahre festgeschrieben. Damit können die Banken vom bisher niedrigsten Zinssatz von nur einem Prozent jährlich langfristig profitieren.

Das Geld fließt 523 verschiedenen Banken in der Eurozone zu. Sie bekamen so viel Geld, wie sie wollten, denn die EZB hatte zuvor versprochen, sämtliche Kreditanfragen zu erfüllen. Dafür müssen die Banken zwar Sicherheiten hinterlegen, teilweise können sie dafür jedoch Papiere nutzen, die sonst kaum einer am Markt haben will.

Die Summe von knapp einer halben Billion Euro lag ein gutes Stück über den Schätzungen. Hauptgrund dafür dürfte gewesen sein, dass mehrere Regierung und vor allem Spanien und Italien mehr oder weniger sanften Druck auf "ihre" Banken ausgeübt haben, bei der Geldvergabe keine Scham zu zeigen und kräftig zuzugreifen. Schließlich wollen die Politiker die ausreichende Versorgung der wirtschaft mit möglichst günstigen Krediten sicherstellen.

Welche Gefahren von den Großbanken ausgehen, zeigt ein Vergleich des Sozialprodukts der Heimatländer mit der Bilanzsumme. Die Ergebnisse sind erschreckend: In der Schweiz etwa sitzen mit Credit Suisse und UBS zwei Megabanken, deren Bilanzsumme fünfmal größer ist als das Bruttoinlandsprodukt der Eidgenossen. Dem folgen britische Institute mit dem Faktor vier. Und die französischen Großbanken überragen in der Bilanzsumme das Sozialprodukt um das Dreifache. In Deutschland liegt die Bilanzsumme von Commerzbank und Deutscher Bank indes knapp über dem Sozialprodukt.

Zwar sind sich die einzelnen Staaten der Gefahren bewusst, und gerade in der Schweiz fordert die Finanzaufsicht einen extra hohen Eigenkapitalpuffer, das „Swiss Finish“. Doch in der Öffentlichkeit redet man die Gefahr klein und verweist auf die nationalen Rettungssysteme und die Erfolge der Krisenbekämpfung der Jahre 2008 und 2009. In Spanien spricht man sich gar mit dem Argument Mut zu: Die einzige G-Sifi-Bank des Landes, Banco Santander, werde angesichts des gut laufenden Südamerika-Geschäfts schon nicht zum Problemfall.


„Wenn Institute in Probleme geraten, hat das extreme Folgen“

Für Matthias Kollatz-Ahnen, Vizepräsident der Europäischen Investitionsbank EIB, klingt das alles nach Zweckoptimismus: „Wenn man in die Größenordnungen von 200 Prozent beim Verhältnis der Bilanzsummen zum Sozialprodukt hineinkommt, hat das für das nationale Wirtschaftssystem extreme Folgen, wenn die Institute in Probleme geraten, da sie die Realwirtschaft mit Krediten am Laufen halten.“

Der Kern des Bankenproblems ist für Peter Bofinger, Mitglied des Sachverständigenrats der Bundesregierung, dass europäische Staatsanleihen nicht mehr uneingeschränkt als sicher gelten würden. Nun könne nur noch die EZB als Kreditgeber und Retter dafür sorgen, dass mit den Staatsanleihen auch die Bankbilanzen stabilisiert würden. Seine Kollegin aus dem Sachverständigenrat, Beatrice Weder di Mauro, rügt die Haltung der Europäischen Bankenaufsicht (Eba), die fordert, Staatsanleihen zum Marktwert in den Büchern der Geldhäuser zu führen.

Aber auch die Haltung des Baseler Bankenausschusses in der BIZ, der Bank der Notenbanken, wird von Kennern kritisiert. Gerade die harten Vorschriften für Liquidität und Eigenkapital stoßen bei der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) auf Ablehnung. Deren Ökonom Patrick Slovik von der volkswirtschaftlichen Abteilung der OECD in Paris zieht in einer Studie den Schluss, dass der Baseler Bankenausschuss mit seiner Orientierung der Eigenkapitalanforderungen an den risikogewichteten Aktiva den Weg in die Finanzkrise geebnet habe. Die systemrelevanten Banken hätten deshalb in den vergangenen 20 Jahren den Anteil ihrer Risikoaktiva an den Gesamtrisiken auf rund 35 Prozent halbiert, sie verbrieft und ausgelagert.

Die Bilanzen sahen danach zwar sauber aus, das führte aber geradewegs in die Lehman-Pleite. Slovik fordert deshalb, Eigenkapitalanforderungen am gesamten Bankvermögen zu bemessen, um Ausweichgeschäfte zu verhindern. Slovik ist nicht verdächtig, Vorurteilen zu unterliegen. Er wechselte von der EZB nach Paris.

Quelle:  Handelsblatt Online
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