Großbanken: Der schmerzliche Abschied vom Investment-Banking

Großbanken: Der schmerzliche Abschied vom Investment-Banking

, aktualisiert 17. November 2011, 19:48 Uhr
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UBS-Filiale in Basel: Die Großbank geht zurück zu ihren Wurzeln - der Vermögensverwaltung.

von Holger Alich und Michael MaischQuelle:Handelsblatt Online

Mit Anleihen, Devisen, Derivaten und Rohstoffen verdienten viele Banken kurz nach der Lehman-Pleite Milliarden. Nun macht das Geschäft Probleme - und viele Geldhäuser müssen ganze Geschäftsbereiche aufgeben.

Zürich, LondonZumindest eine kleine Schonfrist hätte sich Sergio Ermotti sicher gewünscht. Erst am Dienstag wurde der 51-Jährige endgültig als Vorstandschef der größten Schweizer Bank UBS bestätigt. Schon heute muss er in New York die Investoren davon überzeugen, dass die größte Schweizer Bank nach dem milliardenschweren Betrugsskandal um den Londoner Händler Kweku Adoboli eine stabile Zukunft hat.

Welchen strategischen Kurs Ermotti einschlagen wird, ist bereits ziemlich klar. Nach den wiederholten Fehltritten seiner Investmentbanker muss der neue Chef den Bereich gesundschrumpfen und vor allem risikoärmer machen. Die UBS soll und wird sich wieder auf ihr altes Kerngeschäft, die Vermögensverwaltung, konzentrieren. Analysten schätzen, dass der frischgebackene Vorstandschef die risikogewichteten Aktiva im Investment-Banking um insgesamt 170 Milliarden Dollar zusammenstreichen wird.

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Die Einschnitte werden wohl vor allem die einstige Königsdisziplin treffen, den Handel mit Anleihen, Devisen, Derivaten und Rohstoffen, der im angelsächsischen Fachjargon unter dem Kürzel FICC läuft. Analyst Kian Abouhossein von JP Morgan geht davon aus, dass Ermotti das Zinsgeschäft und den Handel mit strukturierten Kreditprodukten auf ein Drittel seiner heutigen Größe schrumpfen und aus dem Rohstoffgeschäft ganz aussteigen wird.

Vielleicht ist es zumindest ein kleiner Trost für den neuen UBS-Chef, dass er nicht alleine mit diesen Problemen kämpft. Auch andere Institute wie Credit Suisse oder die Royal Bank of Scotland müssen ihr Investment-Banking massiv eindampfen. Zuletzt kündigte die französische Großbank BNP an, dass sie ihre Bilanz um zehn Prozent schrumpfen und dabei 82 Milliarden Euro an Aktiva im Investment-Banking abbauen will. Quer durch die Branche wird die tiefgreifende Restrukturierung alleine in Europa Zehntausende Stellen kosten.

Bei allen Banken steht das FICC-Geschäft im Zentrum der Probleme. Dabei hatten die Geldhäuser unmittelbar nach der Finanzkrise dank der Liquidität, mit der Notenbanken die Märkte überschwemmten, noch von einer lukrativen Sonderkonjunktur in diesem Bereich profitiert. Vor allem die FICC-Profite sorgten dafür, dass die Banken schon bald nach dem Kollaps der Investmentbank Lehman Brothers wieder Milliardengewinne machten.

Die Unternehmensberatung McKinsey hat ausgerechnet, dass der Handel mit Anleihen, Devisen und Rohstoffen in den Jahren nach der Lehman-Pleite bis zu 70 Prozent der Einnahmen der wichtigsten Investmentbanken ausmachte. Doch das war, bevor das Misstrauen zurückkehrte und die Euro-Krise die Märkte rund um den Globus erschütterte. Seit dem Sommer dieses Jahres sind die FICC-Erträge massiv eingebrochen , weil die Kunden der Banken das Risiko scheuen.


Umbruch mit Schattenseiten

Aber das ist nur die eine Seite des Problems. Denn die Geldhäuser kämpfen nicht nur mit einem zyklischen Abschwung, sondern auch mit einem strukturellen Umbruch. Dafür sorgen vor allem die neuen unter dem Stichwort Basel III bekannten Kapitalregeln, die die Banken zwingen werden, riskantere Geschäfte mit deutlich mehr Eigenkapital abzupuffern, eine Regel, die vor allem den FICC-Bereich treffen wird. Gleichzeitig zwingt die EU die Institute, ihre Kernkapitalquoten wegen der Euro-Krise bis kommenden Sommer auf neun Prozent aufzustocken. Weil es für die meisten Institute angesichts des Misstrauens der Investoren sehr schwierig werden dürfte, sich frisches Kapital zu besorgen, müssen sie Risikoaktiva abbauen.

„Die höhere Kapitalunterlegung nötigt die Banken zur Disziplin und zwingt sie zu einer Portfoliobereinigung“, meint Eva Dewor von der Beratungsgesellschaft Accenture. Jedes Institut müsse jetzt genau überlegen, wie es sein knappes Kapital am besten einsetze. Der Anpassungsprozess sei bereits im vollem Gange. Am Ende dieses Umbruchs wird nach Meinung der Analysten von Barclays ein weniger riskantes Investment-Banking stehen, mit deutlich geringerem Kredithebel und bescheideneren Handelsbeständen.

Der Umbruch hat allerdings auch seine Schattenseiten. Weil derzeit eine ganze Reihe europäischer Investmentbanken gleichzeitig ihre Bilanzen schrumpfen wollen, fürchten Analysten, dass sie ihre Positionen nur mit hohen Verlusten schnell abbauen können. Denn es gibt mehr Verkäufer als Käufer für diese Kredit-Aktiva. „Niemand kann genau sagen, zu welchen Konditionen die Banken aus diesen Positionen herauskommen werden“, warnt Andreas Venditti von der Züricher Kantonalbank.

Sicher ist dagegen, dass sich die Banken von ihren Ertragszielen verabschieden müssen. Vor der Krise erreichten die Investmentbanken in guten Jahren Eigenkapitalrenditen von 20 Prozent und mehr. Neben den üppig sprudelnden Gewinnen war dafür aber auch der Nenner der Rendite-Gleichung, die dünne Eigenkapitaldecke, verantwortlich. In der Postkrisenwelt mit ihren neuen Kapitalanforderungen hält ein Institut wie die Credit Suisse noch einen Wert von 15 Prozent für realistisch. Aber auch daran melden viele Analysten Zweifel an.

Nur mit radikalen Schritten lassen sich die Renditen retten

Um solche Renditen, wie sie Credit-Suisse-Chef Brady Dougan vorschweben, zu erreichen, müsste die Rosskur im Investment-Banking noch weitaus radikaler ausfallen, meint JP-Morgan-Analyst Abouhossein. Er schlägt vor, dass die beiden Schweizer Großbanken ihre Investmentbanken in ein Joint Venture einbringen. Damit könnten UBS und Credit Suisse ihre Kosten um 7,5 Milliarden Franken senken, das wären 40 Prozent. Die Eigenkapitalersparnis wäre mit 14,4 Milliarden Franken noch größer. Doch niemand glaubt, dass Ermotti einen derart radikalen Kurswechsel heute in New York verkünden wird.

Quelle:  Handelsblatt Online
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