
TokioSystematischer Insiderhandel, Verluste im Auslandsgeschäft und der Austausch der kompletten Führung – Japans Investmentbank Nomura taumelt. Der neue Chef, Koji Nagai, drückt daher aufs Tempo. In der ersten Septemberwoche, nur einen Monat nach seiner Amtsübernahme, wolle er seinen Restrukturierungsplan vorstellen, heißt es aus seinem Haus.
Die Erwartungen sind hochgesteckt. Masao Muraki, der Analyst der Deutschen Bank, glaubt zwar nicht, dass Nomura sich auf das Vorkrisenniveau zurückschrumpfen werde. Aber er erwartet, dass die Einschnitte „nicht nur ins Fleisch, sondern bis in die Knochen gehen“. Die Credit Suisse schätzt, dass das neue Sparpaket die Kosten um weitere 700 bis 750 Millionen Dollar senken müsse, wenn Nomura seine angepeilte Eigenkapitalrendite von vier Prozent erreichen wolle. Weniger dürfte die Märkte enttäuschen.
Die Not ist tatsächlich groß. Sein Vorgänger Kenichi Watanabe, der wegen des Skandals um systematischen Insiderhandel in Japan Ende Juli überraschend zurückgetreten war, wollte Nomura zu einer der führenden globalen Investmentbanken ausbauen. Um schneller ans Ziel zu kommen, kaufte er 2008 der amerikanischen Pleitebank Lehman Brothers das Europa-Geschäft ab.
Doch uneingeschränkt erfreuen konnte sich die Bank an ihrer Akquise noch nicht. Selbst ein erstes Sparprogramm, mit dem Nomura seit Ende 2011 die Kosten um 1,2 Milliarden Dollar trimmt, hat den Aderlass nicht stoppen können. Im vergangenen Quartal fiel der Reingewinn mit 19 Millionen Dollar 90 Prozent niedriger aus als im Vorjahr.
Der Ausweg aus der Misere seien – sowohl für Nomura als auch den Lokalrivalen Daiwa – nur weitere Einsparungen, urteilte die Kreditbewertungsagentur Standard & Poor's Anfang August. Ein Grund sei die Krise in Europa, ein anderer schärfere Eigenkapitalrichtlinien, hieß es. Wo Nomura das Messer genau ansetzen wird, ist allerdings offen. Denn die Führung gibt sich vage. In einem Brief an die Mitarbeiter versicherte Vizepräsident Atsushi Yoshikawa, dass Nomura auf Erfolge in Europa, dem Nahen Osten, Afrika und Amerika aufbauen werde. Aber er ergänzte, dass die Investmentbank auch Bereiche angreifen müsse, „die beständig Geld verlieren“.
Europa-Geschäft ist gefährdet
Als sichere Wette für tiefe Schnitte gilt daher Nomuras Europa-Geschäft, das rund 4 000 Mitarbeiter beschäftigt. Es hatte den Japanern im Ende März abgelaufenen Bilanzjahr 2011 rund 760 Millionen Euro Verlust eingebracht. Und Nomura wäre nicht die erste Bank, die daraufhin ihr Europa-Geschäft schrumpft.
Allerdings erwartet kaum jemand eine radikale Kehrtwende wie eine mögliche Aufgabe der globalen Ambitionen. Denn der japanische Markt ist inzwischen zu klein geworden, um Nomura ein Überleben als unabhängiges Institut zu erlauben.
Nomuras Vorstand steht damit vor einer schweren Wahl. Europa zu opfern, die USA zu schrumpfen und sich auf Asien zu konzentrieren, rechnet sich nicht. Denn die Profitabilität in Asien ist niedrig. Und wer sich nur auf die USA stützt, droht Asien, den Markt der Zukunft, zu verlieren und profitables Geschäft in Europa. „Downsizing“ müsse vorsichtig geschehen, sagt ein Analyst.
Statt eines Rundumschlags erwarten viele Experten daher zielgerichtete Schnitte, um sich auf Wachstumsbereiche zu konzentrieren. Im Aktiengeschäft könne sich Nomura auf den Handel stützen, inklusive seiner elektronischen Handelseinheit Instinet, meint ein Analyst. Im Investment-Banking könne sich Nomura auf bestimmte Kundengruppen fokussieren, in denen das Unternehmen stark ist. Als ein Beispiel gilt der Finanzsektor.
Was auch immer Nomuras neue Führung entscheidet, sie ist zum Erfolg verdammt. Denn in Japan spekulieren bereits die Boulevardzeitungen, dass Nomuras Tage als unabhängige Investmentbank gezählt sein könnten. „Der Kauf von Nomura durch die Finanzgruppe Mitsubishi UFJ beschleunigt sich“, titelte das Abendblatt „Yukan Fuji“ Ende Juli auf Seite eins.























