
New YorkJP-Morgan-Chef Jamie Dimon lässt die Katze aus dem Sack: Der spektakuläre Handelsskandal im Frühjahr hat vor Steuern ein Loch von 4,4 Milliarden Dollar gerissen. Das ist doppelt so viel, wie der Vorstandschef zunächst eingeräumt hatte. Dennoch schaffte die Bank das Kunststück, ihren Quartalsgewinn im Vergleich zum starken Vorjahreszeitraum beinahe konstant zu halten - unter dem Strich verdiente das Institut mit knapp fünf Milliarden Dollar nur sieben Prozent weniger.
Analysten hatten das dem US-Branchenprimus nicht zugetraut. Allerdings machte sich JP Morgan einige Sondereffekte zunutze. So löste die Bank unter anderem einen Teil ihrer milliardenschweren Risikovorsorge für faule Kredite auf. Auch die Neubewertung eigener Schulden hübschte die Bilanz etwas auf.
Bereits Anfang Mai hatte Dimon seine Anleger schockiert. Er musste einräumen, dass die Bank mindestens zwei Milliarden Dollar durch schlecht kontrollierte Geschäfte des Londoner Händlers Bruno Iksil verlieren würde. Jetzt wurden daraus mehr als vier Milliarden Dollar. „Beschämend“ nennt Jamie Dimon die Verluste seiner Londoner Filiale. Das kostet Bankchef Dimon nicht nur den Ruf als Superstar der Wall Street.
„Wir wissen, dass wir nachlässig waren. Wir wissen, dass wir dumm waren“, entschuldigte sich Dimon. Damals hoffte er, durch den Verkauf von gewinnträchtigen Positionen die Verluste unter dem Strich auf 800 Millionen Dollar begrenzen zu können. Seither schossen die Spekulationen ins Kraut, wie groß die Verluste wirklich sein werden und was die Bank dagegen unternimmt.
„Nicht ganz so hässlich wie erwartet“
An der Wall Street überwog nun zwar die Erleichterung. Die Aktie der Bank legte vorbörslich zwei Prozent zu. „Die Zahlen von JP Morgan sind nicht ganz so hässlich, wie es zu erwarten gewesen wäre, nach allem, was passiert ist“, sagte Peter Cardillo vom New Yorker Investmenthaus Rockwell Global Capital.
Allerdings muss JP Morgan die Ergebnisse des ersten Quartals wegen des Handelsschadens nachträglich nach unten korrigieren: Der Gewinn fällt um eine halbe Milliarde Dollar niedriger aus. Zudem könnten weitere Belastungen aus den Fehlspekulationen hinzukommen, wie die Bank ankündigte. Im schlimmsten Falle wären das noch einmal 1,7 Milliarden Dollar.
JP Morgan war lange Zeit der Musterschüler unter den amerikanischen Geldhäusern und ist heute die größte Bank nach Vermögenswerten in den USA. Wegen ihrer breiten Aufstellung mit Investmentbanking, Privatkundengeschäft und Vermögensverwaltung ließ das Institut die Finanzkrise relativ schnell hinter sich und erwarb sich einen Ruf als guter Risikomanager. Doch mit dem Handelsskandal ist das Vertrauen vorerst verspielt.
Im Mai wurde bekannt, dass Händler in der Londoner Abteilung „Chief Investment Office“ (CIO) ohne große Kontrollen gigantische Handelspositionen aufbauen konnten. Bei mindestens einem der Mitarbeiter - Spitzname „der Wal“ - ging die Rechnung allerdings nicht auf. Pikanterweise entstanden die Verluste ausgerechnet bei Absicherungsgeschäften, die eigentlich dazu dienen sollen, Einbußen im Handel zu begrenzen. „Der Wal“ hat JP Morgan inzwischen verlassen, wie am Freitag aus Finanzkreisen verlautete.
Wells Fargo mit Gewinnsprung
Die Fehlspekulationen sind auch für Vorstandschef Dimon eine Blamage, der sich einen Namen als erbitterter Regulierungskritiker gemacht hat. Er gelobte nun Besserung und warb bei Analysten und Investoren eindringlich um Vertrauen. „Die Firma hat ausführlich untersucht, was im CIO passiert ist“, erklärte er.
Die Managementstrukturen seien überarbeitet und die Risiken in den Portfolien reduziert worden. Einige Teile, vor allem synthetische Wertpapierbestände, seien an die Investmentbank angedockt worden. „Es ist wichtig hervorzuheben, dass keinem Kunden ein Schaden entstanden ist“, betonte Dimon.
JP Morgan war die erste US-Bank, die ihre Zahlen vorlegte. Kurz danach zog Konkurrent Wells Fargo nach. Und wie: Institutschef John Stumpf konnte einen Gewinnsprung von 17 Prozent auf 4,62 Milliarden Dollar im Vergleich zum Vorjahr vermelden. In der Branche wird die Bank aus dem Sonnenstaat Kalifornien oft als „Langweiler“ verspottetet. Die Nummer vier der Bankenhackordnung von der Westküste kommt nämlich weitgehend ohne das glamouröse, aber risikoreiche Investment-Banking aus, das die New Yorker Bank pflegt. Das ist nicht unbedingt ein Nachteil, wie sich spätestens heute zeigte.
In der kommenden Woche legen die übrigen Schwergewichte wie die Bank of America, Citigroup sowie die Investmentbanken Goldman Sachs und Morgan Stanley ihre Zahlen vor. Die Deutsche Bank veröffentlicht ihren Quartalsbericht am 31. Juli - erstmals unter der Regie der beiden neuen Vorstandschefs Anshu Jain und Jürgen Fitschen.
























