
New York„Beschämend“ nennt Jamie Dimon die Verluste seiner Londoner Filiale. Milliarden hat die Zentrale Anlageabteilung von JP Morgan in den Sand gesetzt. Das kostet Bankchef Dimon nicht nur den Ruf als Superstar der Wall Street. Amerikas größte Bank verliert damit auch das Rennen um die Gunst der Anleger an den in der Branche oft als „Langweiler“ verspotteten Konkurrenten Wells Fargo.
Die Nummer vier der Bankenhackordnung von der Westküste kommt nämlich weitgehend ohne das glamouröse, aber risikoreiche Investment-Banking aus, das die New Yorker Bank pflegt. Wenn beide Institute heute ihre Quartalszahlen vorlegen, wird der Gewinn von JP Morgan wohl um 35,8 Prozent niedriger ausfallen als vor einem Jahr. Für Wells Fargo rechnen Analysten dagegen mit einem neuerlichen Rekordgewinn.
Anfang Mai schockte Dimon seine Anleger. Er musste einräumen, dass die Bank mindestens zwei Milliarden Dollar durch schlecht kontrollierte Geschäfte des Londoner Händlers Bruno Iksil verlieren würde. Das Peinliche daran: Diese Positionen waren eigentlich dazu gedacht, die Bank gegen die Risiken aus der Euro-Schuldenkrise abzusichern.
„Wir wissen, dass wir nachlässig waren. Wir wissen, dass wir dumm waren“, entschuldigte sich Dimon. Damals hoffte er, durch den Verkauf von gewinnträchtigen Positionen die Verluste unter dem Strich auf 800 Millionen Dollar begrenzen zu können. Seither schießen die Spekulationen ins Kraut, wie groß die Verluste wirklich sein werden und was die Bank dagegen unternimmt. So berichtete die „New York Times“, die Verluste könnten sogar auf neun Milliarden Dollar steigen.
Doch Analysten sind eher skeptisch, dass das stimmt. „Ich denke, die allgemeine Erwartung liegt bei Verlusten zwischen vier und sechs Milliarden Dollar“, urteilt Barclays-Analyst Jason Goldberg. Er selbst rechnet mit einem Minus aus Iksils Geschäften von drei Milliarden Dollar vor Steuern und Gewinnen aus anderen Positionen von 1,5 Milliarden Dollar. Unter dem Strich käme demnach also eine Belastung für das Quartalsergebnis von 1,5 Milliarden Dollar heraus.
Zwei Stunden lange Telefonkonferenz
Andere Analysten rechnen mit höheren Verlusten, aber auch mit höheren Gewinnen aus liquidierten Positionen. Am Ende steht ein prognostizierter Quartalsgewinn von 3,5 Milliarden Dollar. Immer noch ein sattes Plus, aber eben fast 36 Prozent weniger als vor einem Jahr. Theoretisch könnte Dimon die Londoner Verluste sogar mit einem Schlag tilgen. Den Analystenberechnungen zufolge sitzt die Einheit, die der Bank diese Peinlichkeit eingebrockt hat, auf unrealisierten Gewinnen von mindestens acht Milliarden Dollar.
Das Problem: Verkauft die Bank diese mit hohen laufenden Erträgen verbundenen Anlagen, beschneidet sie selbst ihre Gewinnsituation in der Zukunft. Wie sich Dimon - der in der Vergangenheit in schwierigen Zeiten ein glückliches Händchen bewies - entschieden hat, werden Anleger in einer auf ungewöhnlich lange zwei Stunden angelegten, sicher spannungsgeladenen Telefonkonferenz mit dem Management erfahren.
Sehr entspannt dürfte dagegen Dimons Konkurrent John Stumpf, Chef von Wells Fargo, in den Tag gehen. Die Bank aus dem Sonnenstaat Kalifornien dürfte nach Analystenschätzungen den Quartalsgewinn um über 13 Prozent auf die Rekordsumme von 4,5 Milliarden Dollar gesteigert haben.
Dabei verzichtet das Großinstitut von der Westküste weitgehend auf das glamouröse, aber risikoreiche Investment-Banking, auf das Banken aus New York wie JP Morgan so stolz sind. Vielmehr profitiert Wells Fargo von der Nachfrage nach Hypotheken von Privatleuten und nach Krediten von Firmen in Zeiten sehr niedriger Zinsen. Stumpfs Aktionäre honorieren seine Konzentration auf das klassische Bankgeschäft. Denn sein Haus ist nach Bilanzsumme zwar 40 Prozent kleiner als JP Morgan. Dafür ist Wells Fargo aber an der Börse mit 177 Milliarden Dollar fast 35 Prozent höher bewertet als der New Yorker Konkurrent.
























