
Das Handelsblatt meldet ein „Ende der Bescheidenheit“ bei Deutschlands zweitgrößter Bank. Der Aufsichtsrat des Instituts gönnt CEO Martin Blessing für 2012 ein deutlich höheres Festgehalt von 1,3 Millionen Euro. Dieses gewaltige Plus von 160 Prozent liegt auch daran, dass der Dax-Chef und seine Vorstandskollegen sich zuvor mit einem für ihre Sphären unwürdigen Jahressalär von 500.000 Euro begnügen mussten.
Allerdings hatte der nun aufgehobene Gehaltsdeckel einen guten Grund, denn die Commerzbank musste mit 18,2 Milliarden Euro aus öffentlichen Kassen vor der Finanzkrise gerettet werden. Chef Blessing blieb im Amt, obwohl er seinem Institut mit der Übernahme der Dresdner Bank mitten in der Krise eine Last aufgebürdet hatte, unter der sie ohne die staatlichen Hilfen fast zusammengebrochen wäre.
Nach der positiven Nachricht, dass die Kapitalhürde aus dem EU-Bankenstresstest ohne erneute Staatshilfen eingehalten wird, witterte die Commerzbank jetzt scheinbar eine günstige Gelegenheit, den Schleier zu lüften, ohne mit negativen Schlagzeilen rechnen zu müssen. Darin dürften sich der Aufsichtsrat und die Chefetage jedoch getäuscht haben.
„Langsam, Herr Blessing!“, würden viele Steuerzahler dem Banker jetzt wohl gern zurufen. Denn immer noch stecken etwa sechs Milliarden Euro Staatsgeld in der Commerzbank. Um den staatlichen Kapitalanteil von einem Viertel zu halten, mussten die Steuerzahler trotz Rückführung der stillen Einlage weitere Aktien übernehmen.
Schlechtes Licht auf die Führungskultur
Der Aufsichtsrat beruft sich bei seiner Entscheidung aber darauf, dass das Institut im vergangenen Jahr deutlich mehr als die Hälfte der Staatshilfen zurückgezahlt hat. Zu dieser beachtlichen Leistung kann man dem Management durchaus gratulieren, insbesondere dem tapferen Ex-Finanzchef Eric Strutz, der die Kapitalerhöhung zur Rückführung der stillen Einlage des Bankenrettungsfonds durchgeführt hat.
Bild: dpaAbrechnung mit den Managern
Wenn man akzeptiert, dass Manager Millionen kassieren, kommt es bei der fairen Vergütung auf die Leistung an. Für Aktionäre zählen vornehmlich drei Dinge: Gewinn, Gewinnentwicklung und Aktienkurssteigerung. Deshalb setzen wir das Gehalt (Direktvergütung, ohne Pensionen und Nebenleistungen) ins Verhältnis zum Gewinn („Vergütung in Prozent des Nettogewinns“). Je niedriger die Quote, desto günstiger der Vorstand. Außerdem hat das Schweizer Beratungsunternehmen Obermatt für die WirtschaftsWoche berechnet, wie viel Prozent der vergleichbaren Unternehmen der eigenen Branche weltweit das Unternehmen 2011 geschlagen hat. In die Rechnung flossen die nach Umsatz gewichtete absolute Steigerung des operativen Gewinns und Aktienkurssteigerungen plus Dividenden ein („relative Performance im Branchenvergleich“).
Welche Vorstände zu viel, welche eher wenig verdienen – nicht absolut, sondern gemessen an Jahresnettogewinn sowie der Aktienkurs- und Gewinnentwicklung.
Bild: dpaKurt Bock
Unternehmen: BASF
Nettogewinn 2011 (in Millionen Euro): 6.188,00
Vergütung des Vorstandschefs 2011 (in Euro): 2.888.000
Vergütung in Prozent des Nettogewinns 2011: 0,05 (günstig)
Relative Performance im Branchenvergleich¹ (in Prozent): 47,9 (Durchschnitt)
Urteil: angemessen
Liegt die Vergütung bei weniger als 0,4 Prozent des Nettogewinns, ist das Managergehalt im Sinne der Aktionäre günstig, oberhalb von 0,4 Prozent oder im Fall eines Nettoverlusts eher teuer.
¹die relative Performance gibt an, wie viel Prozent der vergleichbaren Wettbewerber das Unternehmen 2011 beim operativen Ergebnis und bei der Aktien-Performance geschlagen hat. Liegt die berechnete Performance oberhalb von 60 Prozent und ist somit überdurchschnittlich, spricht das auch für ein hohes Managergehalt. Unterhalb von 50 Prozent ist die Performance unterdurchschnittlich.
Quelle: hkp/// (Hostettler, Kramarsch & Partner), Obermatt, Bloomberg, eigene Berechnungen
Bild: dapdMartin Blessing
Unternehmen: Commerzbank
Nettogewinn 2011 (in Millionen Euro): 638,00
Vergütung des Vorstandschefs 2011 (in Euro): 500.000
Vergütung in Prozent des Nettogewinns 2011: 0,08 (günstig)
Relative Performance im Branchenvergleich¹ (in Prozent): 13,3 (unterdurchschnittlich)
Urteil: angemessen
¹die relative Performance gibt an, wie viel Prozent der vergleichbaren Wettbewerber das Unternehmen 2011 beim operativen Ergebnis und bei der Aktien-Performance geschlagen hat
Bild: dpaMartin Winterkorn
Unternehmen: Volkswagen Vz.
Nettogewinn 2011 (in Millionen Euro): 15.409,00
Vergütung des Vorstandschefs 2011 (in Euro): 16.596.206
Vergütung in Prozent des Nettogewinns 2011: 0,11 (günstig)
Relative Performance im Branchenvergleich¹ (in Prozent): 72,2 (überdurchschnittlich)
Urteil: günstig
¹die relative Performance gibt an, wie viel Prozent der vergleichbaren Wettbewerber das Unternehmen 2011 beim operativen Ergebnis und bei der Aktien-Performance geschlagen hat
Bild: dpaNorbert Reithofer
Unternehmen: BMW
Nettogewinn 2011 (in Millionen Euro): 4.881,00
Vergütung des Vorstandschefs 2011 (in Euro): 6.134.080
Vergütung in Prozent des Nettogewinns 2011: 0,13 (günstig)
Relative Performance im Branchenvergleich¹ (in Prozent): 76,9 (überdurchschnittlich)
Urteil: günstig
¹die relative Performance gibt an, wie viel Prozent der vergleichbaren Wettbewerber das Unternehmen 2011 beim operativen Ergebnis und bei der Aktien-Performance geschlagen hat
Bild: dpaPeter Löscher
Unternehmen: Siemens
Nettogewinn 2011 (in Millionen Euro): 6.145,00
Vergütung des Vorstandschefs 2011 (in Euro): 8.708.633
Vergütung in Prozent des Nettogewinns 2011: 0,14 (günstig)
Relative Performance im Branchenvergleich¹ (in Prozent): 63,0 (überdurchschnittlich)
Urteil: günstig
¹die relative Performance gibt an, wie viel Prozent der vergleichbaren Wettbewerber das Unternehmen 2011 beim operativen Ergebnis und bei der Aktien-Performance geschlagen hat
Bild: REUTERSDieter Zetsche
Unternehmen: Daimler
Nettogewinn 2011 (in Millionen Euro): 5.667,00
Vergütung des Vorstandschefs 2011 (in Euro): 8.654.000
Vergütung in Prozent des Nettogewinns 2011: 0,15 (günstig)
Relative Performance im Branchenvergleich¹ (in Prozent): 63,5 (überdurchschnittlich)
Urteil: günstig
¹die relative Performance gibt an, wie viel Prozent der vergleichbaren Wettbewerber das Unternehmen 2011 beim operativen Ergebnis und bei der Aktien-Performance geschlagen hat
Bild: dpaMichael Diekmann
Unternehmen: Allianz
Nettogewinn 2011 (in Millionen Euro): 2.545,00
Vergütung des Vorstandschefs 2011 (in Euro): 4.386.000
Vergütung in Prozent des Nettogewinns 2011: 0,17 (günstig)
Relative Performance im Branchenvergleich¹ (in Prozent): 64,2 (überdurchschnittlich)
Urteil: günstig
¹die relative Performance gibt an, wie viel Prozent der vergleichbaren Wettbewerber das Unternehmen 2011 beim operativen Ergebnis und bei der Aktien-Performance geschlagen hat
Bild: dapdMarijn Dekkers
Unternehmen: Bayer
Nettogewinn 2011 (in Millionen Euro): 2.470,00
Vergütung des Vorstandschefs 2011 (in Euro): 4.418.000
Vergütung in Prozent des Nettogewinns 2011: 0,18 (günstig)
Relative Performance im Branchenvergleich¹ (in Prozent): 52,4 (Durchschnitt)
Urteil: angemessen
¹die relative Performance gibt an, wie viel Prozent der vergleichbaren Wettbewerber das Unternehmen 2011 beim operativen Ergebnis und bei der Aktien-Performance geschlagen hat
Bild: dpaJosef Ackermann
Unternehmen: Deutschen Bank
Nettogewinn 2011 (in Millionen Euro): 4.132,00
Vergütung des Vorstandschefs 2011 (in Euro): 9.355.150
Vergütung in Prozent des Nettogewinns 2011: 0,23 (günstig)
Relative Performance im Branchenvergleich¹ (in Prozent): 51,0 (Durchschnitt)
Urteil: angemessen
¹die relative Performance gibt an, wie viel Prozent der vergleichbaren Wettbewerber das Unternehmen 2011 beim operativen Ergebnis und bei der Aktien-Performance geschlagen hat
Abrechnung mit den Managern
Wenn man akzeptiert, dass Manager Millionen kassieren, kommt es bei der fairen Vergütung auf die Leistung an. Für Aktionäre zählen vornehmlich drei Dinge: Gewinn, Gewinnentwicklung und Aktienkurssteigerung. Deshalb setzen wir das Gehalt (Direktvergütung, ohne Pensionen und Nebenleistungen) ins Verhältnis zum Gewinn („Vergütung in Prozent des Nettogewinns“). Je niedriger die Quote, desto günstiger der Vorstand. Außerdem hat das Schweizer Beratungsunternehmen Obermatt für die WirtschaftsWoche berechnet, wie viel Prozent der vergleichbaren Unternehmen der eigenen Branche weltweit das Unternehmen 2011 geschlagen hat. In die Rechnung flossen die nach Umsatz gewichtete absolute Steigerung des operativen Gewinns und Aktienkurssteigerungen plus Dividenden ein („relative Performance im Branchenvergleich“).
Welche Vorstände zu viel, welche eher wenig verdienen – nicht absolut, sondern gemessen an Jahresnettogewinn sowie der Aktienkurs- und Gewinnentwicklung.
Strutz allerdings hat das Institut im März verlassen, von der Aufhebung des Gehaltsdeckels dürfte er daher von allen Begünstigten am wenigsten profitieren. Laut Handelsblatt werden die erhöhten Bezüge bereits seit Januar anteilig ausgezahlt. Damals kokettierte Blessing noch mit seinem für Dax-Chefs niedrigem Gehalt.
Juristisch dürfte die Entscheidung des Aufsichtsrats nicht anzufechten sein, denn das Gesetz gibt die Vorstandsgehälter wieder frei, wenn die Hälfte der öffentlichen Rettungsgelder zurückgeflossen ist. Dies verdankt die Bank einer Änderung des Restrukturierungsgesetzes durch die Regierung von Kanzlerin Angela Merkel. Die Politik hat dem Aufsichtsrat seine umstrittene Entscheidung also erst ermöglicht.
Nicht nur beim Steuerzahler sorgt das für Bauchschmerzen. Der Fall wirft zudem ein schlechtes Licht auf die Führungskultur in deutschen Unternehmen. Klaus-Peter Müller, Vorsitzender des Commerzbank-Aufsichtsrats war einst selbst Chef des Dax-Konzerns. Er dürfte seinem Nachfolger Blessing sowie dessen Vorstandskollegen daher näher stehen als den Aktionären, in deren Auftrag er das Management eigentlich streng überwachen sollte. Müller, der zugleich Vorsitzender der Regierungskommission für gute Unternehmensführung ist, zeigt sich nun großzügig gegenüber dem Commerzbank-CEO und seinen Mannen, obwohl die Anteilseigner auf Dividenden verzichten müssen.

























