Sorge um sichere Banken: EZB-Bankenstresstests gehen auf die Zielgerade

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Sorge um sichere Banken: EZB-Bankenstresstests gehen auf die Zielgerade

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Wie wahrscheinlich sind Ausfälle bei Immobilienkrediten? Droht mancher Schiffsfinanzierung der Untergang? Europas Bankenaufseher suchen mögliche Altlasten oder Kapitallöcher.

Stressige Zeiten für Europas Banker: Die EZB durchforstet als künftige Bankenaufsicht die Bilanzen. Der bisher umfangreichste Stresstest soll im besten Fall das Vertrauen in die Finanzbranche wiederherstellen.

So tief wie derzeit mussten sich Europas Banken noch nie in die Bücher blicken lassen. Mehrere hundert Millionen Euro kostet die laufende Überprüfung insgesamt. Die Ergebnisse sollen Mitte oder Ende Oktober veröffentlicht werden. Der gewaltige Aufwand hat vor allem ein Ziel: Die Europäische Zentralbank (EZB) als neue zentrale Bankenaufsicht im Euroraum soll am 4. November möglichst ohne Altlasten ihre Arbeit aufnehmen. Die größten und wichtigsten Institute wird sie dann direkt überwachen und auch die Oberkontrolle über die kleinen Banken bekommen.

Was Sie über den Stresstest wissen sollten

  • Um welche Banken geht es in den laufenden Tests?

    Den Tests der EZB müssen sich 131 Institute im Euroraum stellen. Darunter sind 23 deutsche Institute plus der Deutschland-Ableger der schwedischen SEB und weitere Auslandstöchter von Banken, die ihren Hauptsitz nicht in der Eurozone haben. Weil Litauen zum Jahreswechsel den Euro einführt, müssen sich inzwischen auch drei Institute des Landes überprüfen lassen.

  • Was unterscheidet die Überprüfung von bisherigen Bankentests?

    Das mehrstufige Verfahren. Seit Monaten durchforsten Experten der EZB, nationale Aufseher und unabhängige Wirtschaftsprüfer die Bilanzen der Euro-Banken nach möglichen Altlasten oder Kapitallöchern. Bei diesem Bilanzcheck (im englischen Fachjargon Asset Quality Review) hatten sich die Prüfer Risikopapiere im Volumen von 3,72 Billionen Euro vorgenommen. Verknüpft wird diese Überprüfung mit dem bislang nach Angaben von Aufsehern härtesten Stresstest für Banken in Europa. Dabei müssen die Institute beweisen, dass sie auch im Ernstfall - wenn die Wirtschaft einbricht und die Immobilienpreise abstürzen - ausreichend Kapital haben, um ihr Geschäft fortzuführen.

  • Worauf achten die Aufseher besonders?

    Entscheidend ist, ob die Banken die Risiken in ihren Bilanzen mit ausreichend eigenem Kapital abgesichert haben. Dabei schaut die EZB auch, ob die Institute das Gefahrenpotenzial ihrer Anlagen richtig berechnen. Besonders im Blick haben die Aufseher etwa Kredite auf dem seit Jahren angeschlagenen Schiffsmarkt, Gewerbeimmobilien und erstmals auch Staatsanleihen, die nicht mehr als komplett risikolos gewertet werden. Entscheidend sind dabei die Daten zum Stichtag 31. Dezember 2013. Wichtige Veränderungen in den ersten neun Monaten sollen in einem Extra-Punkt ausgewiesen werden.

  • Was ist die größte Gefahr bei der Überprüfung?

    Der Test könnte zu neuen Verwerfungen an den Finanzmärkten führen. Die EZB steckt in einem Dilemma. Für einen glaubwürdigen Test, der möglichst alle Altlasten aufspürt, muss sie streng vorgehen. Das aber könnte bedeuten, dass sich so große Kapitallöcher auftun, dass viele Investoren erst recht das Vertrauen in die Kraft der Banken verlieren. Dann könnten neue staatliche Rettungsaktionen drohen. Ob sich das gerade kleine Schuldenstaaten leisten können, wird vielfach bezweifelt. So könnte der Bankentest schlimmstenfalls die Schuldenkrise neu entflammen.

  • Werden die Tests zu mehr Vertrauen in die Finanzbranche führen?

    Das ist die große Hoffnung von Politik, Aufsehern und Finanzbranche. Nach den Erfahrungen der Finanzkrise, in der etliche Banken mit Milliarden an Steuergeldern gerettet wurden, ist das Misstrauen groß. „Die Märkte haben immer noch Zweifel an den europäischen Bankbilanzen“, sagte Jaime Caruana, Generaldirektor der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) - quasi die Notenbank der Notenbanken - im August im Interview mit der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. „Mit dem Asset Quality Review besteht die große Chance, diese Zweifel auszuräumen.“ Erste Mutmacher gibt es: Einige Banken haben auf die Tests reagiert - und etwa Altlasten radikal abgeschrieben oder ihr Kapital erhöht.

  • Wie groß ist die Gefahr, dass vor Oktober Ergebnisse herauskommen?

    Die EZB will die mit Spannung erwarteten Ergebnisse bis in die zweite Oktoberhälfte geheimhalten. Um weitere Unruhe an den Märkten zu vermeiden, soll vorher nichts durchsickern. Doch die Gefahr besteht - schon wegen der Zahl der potenziellen Mitwisser. Mehr als 6000 Mitarbeiter sind allein auf Seiten der Aufsicht mit den Bankentests beschäftigt. Dazu kommen Hunderte bei den Instituten selbst. Und da die Tests letztlich eine politische Veranstaltung sind, sind auch die Regierungen eingebunden.

  • Was passiert mit Banken, die bei den Tests durchfallen?

    Sie müssen Kapitallöcher stopfen - indem sie sich frisches Geld von ihren Eigentümern oder am Markt besorgen. Dafür haben sie sechs bis neun Monate Zeit. Gelingt es nicht, die Lücken aus eigener Kraft zu schließen, sollen letztlich wieder die Nationalstaaten, also die Steuerzahler, herhalten. Gegebenenfalls, wenn der Finanzbedarf der Banken die Möglichkeiten der einzelner Länder übersteigt, könnten auch europäische Hilfsprogramme angezapft werden - so wie bei der Rettung der portugiesischen Bank Espírito Santo Santo Anfang August. Die Hoffnung ist, dass das reicht.

  • Was passiert mit den Banken in Großbritannien?

    Auch die größten Geldhäuser in den nicht zur Eurozone gehörenden EU-Ländern müssen sich dem Stresstest stellen. Dafür verantwortlich ist die EU-Bankenaufsichtsbehörde EBA, die die Krisenszenarien zusammen mit der EZB entwickelt hat. Allerdings gibt es bei der EBA keinen vorgeschalteten Bilanzcheck.

Viele Institute haben vorgesorgt
Die Bankensektoren in den einzelnen Ländern des Euroraums unterscheiden sich erheblich. Vor den mit Spannung erwarteten Ergebnissen des Stresstests herrscht jedoch überall demonstrative Gelassenheit vor - verbunden mit einem Funken Hoffnung. Viele Geldhäuser haben schon gehandelt und ihr Kapital erhöht oder Altlasten abgeschrieben.

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Welche Erfahrungen die Bankenaufseher mit Stresstests haben

  • 2010

    Beim europaweiten Stresstest 2010 fielen nur Institute durch, von denen man dies erwartet hatte - etwa der mit Steuermilliarden gerettete Immobilienfinanzierer Hypo Real Estate (HRE).

    „Der Stresstest hat Leichen für tot erklärt“, bilanzierte damals Volkswirt Daniel Gros, Leiter des Centre for European Policy Studies (CEPS). Wasser auf die Mühlen der Kritiker war, dass kurz nach dem Test zunächst unauffällige irische Banken mit Milliardenbeträgen vom Staat gerettet werden mussten. Irland schlüpfte hauptsächlich wegen dieser Last als erstes EU-Land unter den europäischen Rettungsschirm.

  • 2011

    Bei der nächsten großen Auflage im Sommer 2011 stellte die junge europäische Bankenaufsicht EBA, die im November 2010 als Antwort auf die weltweite Bankenkrise gegründet worden war, unter den deutschen Instituten ausgerechnet die Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba) an den Pranger, weil sie aus formalen Gründen gewisse Einlagen des Landes Hessen nicht anerkannte. Dabei ist die Helaba eine der wenigen Landesbanken, die ohne größere Blessuren und Rettungsmilliarden durch die Krisen der vergangenen Jahre kam. Dagegen schnitt die belgisch-französische Dexia-Bank glänzend ab, musste aber dann wenige Wochen später als erstes großes Opfer der Euro-Schuldenkrise zerschlagen werden.

  • 2012

    Beim Test 2012 gab es Streit zwischen der EBA und den nationalen Aufsichtsbehörden. Deswegen verzögerte sich die Veröffentlichung der Ergebnisse mehrfach. Bundesbank und deutsche Banken drangen darauf, dass die Londoner Behörde nicht zu strenge Kriterien anlegt und damit die Lage der mit der Schuldenkrise kämpfenden Institute verschärft.

  • USA 2009

    Nach Expertenansicht haben die USA es 2009 mit ihrem ersten Stresstest besser gemacht als die Europäer: Die US-Regierung nahm die 19 größten Geldinstitute im Land unter die Lupe, zehn davon mussten danach auf Anordnung von Finanzministerium und Notenbank ihre Kapitaldecke stärken.

Die Sparkassen haben das Vorgehen der EZB beim europaweiten Bankencheck allerdings scharf kritisiert. Bei der seit Monaten laufenden Übung gebe es eine Reihe von "Ungereimtheiten", sagte Sparkassen-Präsident Georg Fahrenschon bei einer Bankenkonferenz in Frankfurt.

Wie die einzelnen Länder vorbereitet sind

  • Deutschland

    Ob Bankenchefs, Verbandsvertreter oder Aufseher - alle sehen die deutschen Institute gut gerüstet. Allerdings gibt es ein paar Wackelkandidaten. Vor allem jene Institute mit einem hohen Anteil an Schiffsfinanzierungen werden kritisch beäugt - allen voran die HSH Nordbank. Auch die NordLB und die Commerzbank haben viel Geld in dem angeschlagenen Markt investiert. Der Branchenprimus Deutsche Bank beschaffte sich im zweiten Quartal 8,5 Milliarden Euro frisches Geld - auch um angesichts großen Rechtsrisiken für weiteren Gegenwind der Aufseher und Investoren gewappnet zu sein.

  • Frankreich

    Bislang trotzen die französischen Großbanken der schleppenden Wirtschaftsentwicklung auf dem Heimatmarkt. So erwirtschaftete etwa Société Générale im zweiten Quartal den höchsten Gewinn seit 2010. Das Institut hatte in den vergangenen Jahren ebenso wie Konkurrent Crédit Agricole schwer unter der Schuldenkrise in Südeuropa gelitten. Als einer der Gewinner der Finanzkrise gilt Frankreichs größtes Geldhaus BNP Paribas. Das Institut will auch die Folgen einer Rekordstrafe von neun Milliarden Dollar in den USA ohne Kapitalerhöhung meistern.

  • Griechenland

    Experten gehen davon aus, dass drei der vier systemrelevanten Banken (Piräus Bank, Alpha Bank und National Bank of Greece) mit Ach und Krach den Stresstest überstehen. Entscheidend aber ist, wie streng die Aufseher letztlich vorgehen. Ein großes Problem sind faule Kredite. Die griechische Regierung hat noch ein Polster von etwa elf Milliarden Euro aus einem Fonds zur Unterstützung der Banken parat. Allerdings könnte ein Großteil des Geldes schon vom größten Sorgenkind, der Eurobank, aufgefressen werden.

  • Spanien

    Die von Immobilien- und Wirtschaftskrise schwer getroffene Bankenwelt Spaniens geht nach harten Sanierungsprogrammen robuster in die neue Überprüfung. Allein in diesem Jahr sind schon mehr als 750 Filialen geschlossen worden. Für die Bankensanierung hatte die EU Spanien Kredite von mehr als 40 Milliarden Euro zur Verfügung gestellt. Wirtschaftsminister Luis de Guindos erwartet, dass alle 16 spanischen Banken die Tests „mit guter Note“ bestehen. Das gelte auch für die Großbank Bankia, die mit Milliardenhilfen vor der Pleite gerettet und verstaatlicht worden war.

  • Portugal

    Trotz des Crashs der Banco Espírito Santo (BES) vor wenigen Wochen erwartet der nationale Bankenverband, dass alle vier portugiesischen Häuser gut durch die Tests kommen. Dafür haben sie aber schon handeln müssen. So beschaffte sich die als Wackelkandidat gehandelte Großbank Millennium BCP über eine Kapitalerhöhung 2,5 Milliarden Euro frisches Geld. Die BES ist aufgespalten und mit einer staatlichen Kapitalspritze von 4,9 Milliarden Euro versorgt worden.

  • Italien

    Die Wirtschaft in Italien lahmt seit langem. Doch trotz jeder Menge fauler Kredite ist dem Bankenverband vor den Ergebnissen des Stresstests nicht bange: Italiens Großbanken haben bereits reinen Tisch gemacht. So haben Unicredit und Intesa Sanpaolo 2013 Milliarden-Verluste hingenommen, unter anderem weil sie Altlasten abwerteten. Der angeschlagenen Monte dei Paschi gelang im ersten Halbjahr eine fünf Milliarden Euro schwere Kapitalerhöhung, sie gilt aber neben einige kleineren Banken weiter als Wackelkandidat.

  • Großbritannien

    Mit Barclays, HSBC, Lloyds und der Royal Bank of Scotland müssen sich vier Institute aus dem Nicht-Euroland dem Stresstest der EU-Bankenaufsichtsbehörde EBA stellen. Dabei steht vor allem die in der Dauerkrise steckende RBS im Fokus. Zuletzt machte sie bei ihrer Sanierung aber deutliche Fortschritte und steigerte die harte Kernkapitalquote auf zuletzt 10,1 Prozent. Bei Barclays bleibt abzuwarten, wie stark sich die Rechtsrisiken und die Probleme im Investmentbanking auswirken.

  • Irland

    Die nach der Finanzkrise mit Milliarden vom Staat geretteten Banken haben ihre Geschäfte stabilisiert und stehen hinsichtlich ihrer Kapitalausstattung recht gut da. Die Bank of Ireland, die Allied Irish Bank und die Permanent TSB haben ohnehin einen Großteil ihrer Giftpapiere in die staatliche Bad Bank ausgelagert. Dennoch bleibt ein Restrisiko, dass die Prüfer noch Gift in den Bankenkellern finden.

  • Zypern

    Die Präsidentin der Zentralbank Zyperns Chrystalla Georghadji hat wiederholt erklärt, die Banken „werden die Wette der Stresstests gewinnen“. Dies hat auch der Chef der einzigen großen Bank, der Bank of Cyprus, John Hurricane, erklärt. Anderthalb Jahre nach ihrer Rettung plant das Institut nun sogar wieder für Ende Oktober die Rückkehr an die Börse. Im Sommer sammelte es bei einer Kapitalerhöhung eine Milliarde Euro ein.

  • Slowenien

    Nachdem der Staat Ende 2013 mit einer Kraftanstrengung von 3,3 Milliarden Euro die Schieflage der wichtigsten staatlichen Banken bekämpft hat, wird nun nicht mehr mit Problemen gerechnet. Das Budgetdefizit war durch die Rettungsaktion auf 14,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts hochgeschnellt.

  • Österreich

    Der Ausgang ist schwer kalkulierbar. Das liegt vor allem am traditionell hohen Engagement der Banken in Osteuropa. Sollte sich die Ukraine-Krise verschärfen, drohen massive Kreditausfälle. Schon in den vergangenen Jahren machte etwa das Ungarn-Geschäft den Geldhäusern immer wieder schwer zu schaffen. Unter den sechs großen österreichischen Banken gilt vor allem die Österreichische Volksbanken AG (ÖVAG) als Durchfall-Kandidat. Die Regierung in Wien hat zuletzt im Zusammenhang mit der Hypo Alpe Adria ihr Banken-Hilfspaket von 15 auf 22 Milliarden Euro aufgestockt.

Gesunde Geldhäuser würden bei dem Test zu unrecht besser behandelt als kriselnde Institute, kritisierte Fahrenschon. Die EZB gehe nach dem Motto vor: "Wer am gesündesten ist, kann am meisten krank werden." Die EZB wies die Kritik zurück.

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