
MadridDer Präsident des spanischen Kreditgiganten Bankia, Rodrigo Rato, musste sich bei der Bilanzpressekonferenz eindringlichen Fragen über die Stabilität der Bank stellen. „Bankia ist eine systemrelevante Bank, kein Systemrisiko“, insistierte der Ex-Wirtschaftsminister und spätere IWF-Chef. Energisch trat er Gerüchten entgegen, die nach Bilanzsumme drittgrößte Bank Spaniens werde nur mit weiteren Milliardenschweren Kapitalhilfen oder mit Hilfe einer rettenden Übernahme die neuen Auflagen der Regierung für den Finanzsektor erfüllen können. Sowohl Bankia als auch sein Mutterhaus Banco Financiero y de Ahorro, kurz BFA, würden “alle geforderten Sanierungsanstrengungen ohne Hilfe erfüllen”, versicherte Rato.
Doch leicht wird es nicht. Das letzte Woche verabschiedete Gesetz zur Finanzmarktreform sieht vor, dass der gesamte Sektor seine Rückstellungen für problematische Immobilienaktiva um vermutlich etwas mehr als 50 Milliarden Euro erhöht. BFA, die aus einer Fusion von sieben Sparkassen hervorgegangen ist und dann das Bankgeschäft in die mittlerweile börsennotierte Tochter Bankia ausgegliedert hat, ist der Hauptleidtragende der neuen Regeln, denn die beiden haben zusammen gemäß den Zahlen vom letzten Jahr ausstehende Kredite an den kriselnden Immobiliensektor in Höhe von knapp 42 Milliarden Euro, wovon 36 Prozent problematisch sind, das sind weitaus mehr als bei den übrigen spanischen Banken.
In den heute präsentierten Ergebnissen für 2011 hatte die Gruppe keine aktualisierten Angaben über ihre Immobilienkredite gemacht. Doch verbessert haben dürfte sich die Lage kaum, ist doch die Kreditausfallrate bei Darlehen an Bauträger bei allen anderen Banken gestiegen. Beziffert hat Bankia-Chef Rato immerhin die Immobilien, welche die von ihm geführte Bank von notleidenden Bauträgern oder Hypothekenkreditnehmern übernommen hat: Bankia saß Ende 2011 auf Immobilien im Wert von sechs Milliarden Euro, rund 1,2 Milliarden mehr als im Vorjahr. Die Ausfallrate des gesamten Kreditportfolios stieg 2011 auf 7,63 Prozent, deutlich mehr als der Durchschnitt des Sektors. Ohne Einbeziehung des Immobiliensektors lag die Rate der faulen Kredite nur bei 4,7 Prozent.
Die Ratingagentur Moody’s hatte schon letzte Woche die Bonität von Bankia auf Baa3 gesenkt, das ist nur wenig besser als der Junk-Status und deutlich schlechter als die anderen drei Großbanken des Landes Santander, BBVA und Caixabank. „Die deutliche Verschlechterung der Konjunkturaussichten wird es für spanische Banken noch schwerer machen, Einnahmen und Kapital zu generieren, was die Kreditqualität weiter verschlechtern dürfte“, so begründeten die Analysten von Moody’s die Herabstufung. Die neuen gesetzlichen Auflagen für Rückstellungen verstärkten den Druck auf die Banken zusätzlich.
Analysten hatten angesichts des hohen Anteils an Immobilienkrediten erwartet, dass Bankia durch die neuen Auflagen der Regierung dieses Jahr zusätzliche Rückstellungen von bis zu zehn Milliarden Euro machen müsse. Solche Befürchtungen konnte Bankchef Rato indes zerstreuen. Bankia und BFA müssen insgesamt 3,4 Milliarden Euro an zusätzlichen Rückstellungen und 1,7 Milliarden an Kapital aufbringen, gab die Bank bekannt. Da Bankia jedoch schon 2011 rund ein Drittel des Sanierungbedarfs durch außerordentliche Rückstellungen geleistet hat, muss die Bank dieses Jahr nur noch 2,3 Milliarden Euro an Rückstellungen sowie den zusätzlichen Kapitalbedarf aufbringen. Hinzu kommt allerdings das Kapitaldefizit in Höhe von 1,3 Milliarden Euro, das die Europäische Bankenaufsicht EBA bei Bankia feststellte und das bis Mitte des Jahres gedeckt sein muss.
Diese Summen stehen einem recht mageren Nettoergebnis gegenüber. Im letzten Jahr machte Bankia einen Gewinn von 309 Millionen Euro. „Der große Unterschied zwischen Bankia und anderen großen spanischen Banken ist das die zugrunde liegende Profitabilität sehr viel niedriger ist, daher ist in einem sich verschlechternden Markt die Kapazität zur Absorption von Verlusten viel niedriger“, meint Iñigo Vega von Cheuvreux. Doch Bankia-Chef Rato erklärte, es könne dieses Jahr durch den Verkauf nicht-strategischer Aktiva, die Optimierung der risikogewichteten Kredite und durch die Umwandlung von Hybridkapital in Kapital insgesamt acht Milliarden Euro an Kapital schaffen. Heute hatte Bankia bereits angekündigt, es werde Vorzugsaktien ohne Stimmrecht im Wert von bis zu 1,2 Milliarden Euro gegen neu zu emittierende Stammaktien eintauschen.
Das seit Wochen zirkulierende Gerücht, Bankia werde sich in die Arme der weitaus stabileren Caixabank, nach Aktiva das viertgrößte Geldhaus in Spanien, flüchten, dementierte Rato erneut. Wohl aber studiert Bankia derzeit eine Übernahme der deutlich kleineren, verstaatlichen Bank Unnim. Eine Fusion mit Unnim hätte nicht zuletzt den Vorteil, dass Bankia sich für die Erfüllung der neuen Sanierungsauflagen ein Jahr mehr Zeit lassen und zudem auf Mittel aus dem staatlichen Bankenrestrukturierungsfonds FROB zugreifen könnte.
Dieses Fluchtloch für Banken im Fusionsprozess ließ die Regierung bewusst offen, weil sie den noch immer unter Überkapazitäten leidenden Sektor zu einer weiteren Konsolidierung zwingen will. Spanische Analysten zweifeln aber zu Recht, ob einem angeschlagenen Institut damit geholfen kann, dass es sich mit einer weiteren angeschlagenen Bank fusioniert.










