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Sparkassen-Präsident Haasis: „Der Abbau des Schuldenbergs dauert“

von Frank M. Drost und Thomas Bauer Quelle: Handelsblatt Online

Heinrich Haasis ist Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbands. Im Interview spricht der 67-Jährige über Spekulanten als Nutznießer und Leitplanken für die liberalisierte Finanzindustrie.

Heinrich Haasis: „Mehr Eigenkapital ist sicher nicht falsch.“ Quelle: dpa
Heinrich Haasis: „Mehr Eigenkapital ist sicher nicht falsch.“ Quelle: dpa

Handelsblatt: Wie beurteilen Sie die Ergebnisse der Finanzmarktregulierung seit Ausbruch der Krise?

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Heinrich Haasis: In der Tat ist manches von dem, was die größten Industrie- und Entwicklungsstaaten G20 in Pittsburgh 2009 beschlossen haben, auf der Strecke geblieben. Die USA und Großbritannien haben sich von den damaligen Zielen, dass kein Produkt

Was ist auf der Strecke geblieben?

Es gibt keinerlei Regulierung des Schattenbankensystems. Die Hedge-Fonds sind weiter unreguliert. Wo das hinführt, sieht man gerade wieder in Griechenland: Diejenigen, die insbesondere in letzter Zeit spekulativ investiert haben, könnten am Ende die Nutznießer sein. Dagegen wird das reale Bankgeschäft, das die Finanzmarktkrise nicht ausgelöst hat, immer stärker belastet. Die Stichworte sind mehr Eigenkapital, die Bankenabgabe oder auch die jetzt diskutierte Börsensteuer.

Was die Stabilität ja auf jeden Fall erhöhen wird.

Mehr Eigenkapital ist sicher nicht falsch, aber dass jetzt auch das risikoarme Mittelstandsgeschäft mit höheren Eigenkapitalanforderungen belastet werden soll, erschließt sich uns nicht.

Sparkassen und Genossenschaftsbanken sind also die Verlierer der Finanzmarktkrise?

Grundsätzlich natürlich nicht. Unser Geschäftsmodell ist eindrucksvoll bestätigt worden. Noch mehr Menschen als vor der Krise vertrauen uns. Aber wenn Sie Ihre Frage nur auf die Regulierung beziehen, dann ist da sicherlich etwas dran. Es ist wie so oft: Die, die man packen kann, die werden auch als Erste gegriffen. Das bilanzwirksame Geschäft ist nun mal leichter erfassbar als jenes, das außerhalb stattfindet, also beispielsweise im Derivatebereich.

Dann ist die größte Finanzgruppe Deutschlands mit ihren Argumenten offensichtlich nicht durchgedrungen.

Das stimmt so nicht. Wir stoßen bei Bundesregierung und Parlament durchaus auf Verständnis für unsere Positionen. Aber Deutschland steht bei diesen Fragen oft allein gegen den angelsächsischen Einfluss. Hier erwarten wir weiteren Einsatz der Bundesregierung, um Schaden von der Realwirtschaft und der Stabilität des Finanzplatzes abzuhalten.


„Wir erleben gerade eine Zeitenwende“

Sollte die EU die Einführung von Basel III davon abhängig machen, ob auch die USA mitziehen?

Ich würde es für falsch halten, wenn wir in Europa vorangehen und die USA nicht mitmachen. Ich glaube auch nicht, dass die USA Basel III komplett einführen, zumindest nicht für Retailbanken. Es wäre unverständlich, warum dann in Europa die Regierungen uns in dieses Korsett zwingen wollen.

Haben die Sparkassen Probleme, die Kapitalanforderungen nach Basel III zu erfüllen?

Nein, nicht, wenn dafür wie angekündigt bis 2018 Zeit ist. Bereits heute erfüllt mehr als die Hälfte von 426 Sparkassen diese Anforderungen.

Ist die Finanzkrise gar eine Krise des Kapitalismus?

Nein, ich glaube noch nicht. Wir erleben gerade eine Zeitenwende. Die Finanzmarktkrise wurde durch die Staatsschuldenkrise abgelöst. Jeder Verantwortliche hat gewusst, dass die Staaten ihre Schulden eines Tages zurückzahlen müssen, aber niemand hat ernsthaft danach gehandelt. Das Problem entsteht deshalb, weil wir damit rechnen müssen, dass Staaten im Euro-Raum ihre Schulden nicht zurückzahlen – wie Pleitiers. Damit konnte niemand rechnen. Der Abbau der Schuldenberge wird mindestens so lange dauern wie ihr Anstieg. Und in vielen Ländern wird dies nicht ohne Einschnitte bei den öffentlichen Leistungen gehen.

Brauchen wir eine Alternative zum gegenwärtigen Wirtschaftssystem?

Wir haben mit der Sozialen Marktwirtschaft in Deutschland doch eine Alternative: Und zwar zum Kommunismus mit seiner Unfreiheit und dem US-Kapitalismus mit all seinen Freiheiten, aber auch ungezügelten Auswüchsen. Jedoch haben sich Deregulierungen und falsch verstandener Liberalismus seit Mitte der 90er-Jahre auch auf Europa übertragen und mit zu der heutigen Krise geführt. Wir brauchen Leitplanken. Es kann nicht nur um Geld und maximale Renditen gehen, die Wirtschaft muss den Menschen dienen. Dann soll und darf der Investor auch verdienen.

Die USA und Großbritannien dürften Schwierigkeiten mit diesem Weltbild haben.

Ich glaube auch nicht, dass dort vieles nach unserem Muster entsteht, doch wir bemerken eine Rückbesinnung. In Großbritannien hat man in den 80er-Jahren die Sparkassen privatisiert und verkauft. Und jetzt gibt es wieder Überlegungen, Sparkassen und Ortsbanken einzuführen. Wir haben gerade in Großbritannien an der Universität von Southampton unser Sparkassensystem in zwei Seminaren erläutert. Auch haben sich Labour-Abgeordnete bei uns informiert.


„Es reizt mich, die Sparkassenidee weiterzutragen“

Nachhilfe in Sachen Sparkassen?

Ja. Und wir tun dies natürlich gern. Und es gibt auch andere Länder, wo ich Chancen sehe, den Sparkassengedanken zu befördern.

Da können Sie dann ja demnächst nahtlos anknüpfen, wenn sie im Mai für den Vorsitz der Weltsparkassenorganisation kandidieren.

Ich habe drei Jahre lang die Europäische Sparkassen-Vereinigung geführt. Der DSGV-Vorstand und das Präsidium haben mich aufgefordert, für den Vorsitz des Weltinstituts der Sparkassen zu kandidieren. Das ist ein Ehrenamt und nicht vergleichbar mit meiner jetzigen Position.

Sie haben sich noch gar nicht entschieden?

Die Entscheidung fällt in den nächsten Wochen. Aber in der Tat reizt es mich, die Sparkassenidee weiterzutragen.

Wo regt sich Bedarf?

Ich möchte jetzt keine Länder nennen. Aber es gibt Staaten in Osteuropa, wo man nach dem Zusammenbruch des Kommunismus das Bankensystem völlig liberalisiert und praktisch komplett an ausländische Banken verkauft hat. In diesen Ländern wächst der Gedanke, dass man auch eine Grundversorgung braucht.

Hat Ihr Nachfolger Georg Fahrenschon schon ein Büro hier beim DSGV bezogen?

Herr Fahrenschon tritt sein Amt am 16. Mai an. Aber natürlich sind wir über alle Themen intensiv im Gespräch und haben viele gemeinsame Termine.

Was geben Sie Herrn Fahrenschon mit auf den Weg?

Ich wünsche ihm viel Glück. Er weiß selbst, was er zu tun hat.

VITA

Die PersonHeinrich Haasis (67) hat sich bereits früh für eine politische Laufbahn in der CDU entschieden. Der Baden-Württemberger war zwischen 1971 und 2001 Bürgermeister, Landrat und zum Schluss Landtagsabgeordneter. Seit 1981 stieg Haasis innerhalb des Deutschen Sparkassen- und Giroverbands (DSGV) immer weiter auf und ist seit Mai 2006 dessen Präsident. Dieses Amt gibt Haasis am 15. Mai an den früheren bayerischen Finanzminister Georg Fahrenschon (CSU) ab.

Die OrganisationDer DSGV ist der Dachverband von 426 Sparkassen, sieben Landesbanken, zehn Bausparkassen und elf Versicherungsgruppen. Die Gruppe zählt insgesamt 377.000 Mitarbeiter und ist das größte Finanzkonglomerat in Europa.

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