Staranalyst Mike Mayo: „Banken sind immer noch eine Blackbox“

Staranalyst Mike Mayo: „Banken sind immer noch eine Blackbox“

, aktualisiert 08. November 2011, 09:16 Uhr
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Wall Street analyst Mike Mayo spricht offene Worte.

von Rolf BendersQuelle:Handelsblatt Online

Mike Mayo ist einer der bekanntesten Köpfe der US-Finanzbranche. Im Gespräch mit dem Handelsblatt sieht der US-Staranalyst beim spektakulären Kollaps des Brokers MF Global die alten Mechanismen der Wall Street am Werk.

New YorkWir sind auch stinksauer“, sagt Mike Mayo, New Yorker Staranalyst, der gleichermaßen gefürchtet wie geachtet ist. „Wir, das sind die 99 Prozent der Wall Streeter, die die Finanzkrise nicht hervorgerufen haben“, sagt er, der als einer der wenigen Experten die Bankenkrise von 2008 vorhergesehen hat.

Wie die Protestler der „Occupy Wall Street“-Bewegung ist Mayo auf großer Mission – nur auf andere Art und Weise. In seinem nüchtern eingerichteten Büro in der „Avenue of the Americas“ inmitten des boomenden Geschäftsviertels Midtown steht hinter ihm überlebensgroß das Cover des derzeit in der New Yorker Finanzmeile wohl am heftigsten diskutierten Buches. Seines Buches: „Exil an der Wall Street – der Kampf eines Analysten zur Rettung der Banken vor sich selbst“.

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Mayo gehört zum Kreis der wenigen Experten, die wie der populäre New Yorker Professor Nouriel Roubini die Finanzkrise haben kommen sehen. Aber Mayo ist anders als der Akademiker Roubini: Manche Banken würden sagen, er ist gefährlicher. Denn auf den an der Wall Street arbeitenden Analysten hören die Investoren. Stuft er eine Aktie herab, äußert sich abfällig über sie, dann fallen die Kurse.

In seinem Buch beschreibt Mayo, wie es zur Krise kam und wie Banken versucht haben, ihn als frühzeitigen Warner kaltzustellen. So verlor er auf Druck der Branche seinen Job bei Credit Suisse, nachdem er 1999 die Banken wegen der bereits damals wuchernden Kreditrisiken auf „Verkaufen“ herabgestuft hatte. War er mitten in der Krise noch bei der Deutschen Bank beschäftigt, arbeitet er heute für den französischen Credit-Agricole-Konzern.

Wie 1999 sieht Mayo derzeit schwere Zeiten für die US-Bankenbranche aufziehen: „Sie wird eine etwas mildere Version dessen erleben, was die japanischen Banken seit einer kleinen Ewigkeit durchmachen: niedriges, unspektakuläres Wachstum.“ Der Grund: Weil die Immobilienkrise in den USA nicht ausgestanden ist, schlummern nach seiner Berechnung immer noch unrealisierte Verluste in Höhe von 300 Milliarden Dollar in den Büchern der US-Banken.


„Fehlverhalten zu selten geahndet“

Und weil die USA, ähnlich wie Japan seit über einem Jahrzehnt, eine echte Korrektur am Häusermarkt und in den Bankenbüchern herauszögern, wird es seiner Meinung nach so schnell kein starkes Wachstum geben – weder für die Wirtschaft als Ganzes noch für die Banken. Andere Experten pflichten ihm bei. „Die USA werden immer mehr wie Japan“, schrieb kürzlich beispielsweise Patrick Artus, Chefvolkswirt von Natixis. In seinem Urteil geht er sogar einen Schritt weiter als Mayo: „Die Situation der USA ist noch schlimmer als die Japans.“

Spektakuläre Pleite

Mayo warnt davor, dass die Gier der Banker nach kurzfristigen Gewinnen und hohen Boni in dieser Situation besonders gefährlich ist. „Wenig Gewinnwachstum ist nicht das Ende der Welt. Aber man muss bereit sein, das zu akzeptieren. Wenn man das nicht tut, kann es einem gehen wie MF Global“, verweist er auf die spektakuläre Pleite des von Ex-Goldman-Chef Jon Corzine geführten Derivatebrokers in der vergangenen Woche.

MF Global, sagt Mayo, habe sich mit der neuen Realität nicht anfreunden können und versucht, Wachstum zu kreieren, wo keines ist. Zu diesem Zweck war der Finanzdienstleister eine milliardenschwere, riskante Wette auf die Erholung von Euro-Staatsanleihen eingegangen. Als mit der Einigung in Europa de facto der Schuldenschnitt für Griechenland beschlossen wurde, ließen die riesigen Verluste die Firma implodieren. „Dieser Kollaps ist kein Systemrisiko, aber ein Warnsignal“, so Mayo.

Allen Beteuerungen der Banken zum Trotz hat sich Mayos Meinung zufolge an der Wall Street wenig geändert. „Die Banken sind immer noch so aufgestellt, dass sie kurzfristig Gewinne maximieren, damit die Leute an der Spitze schnell mehr Geld bekommen.“

Mayo ist überzeugt, dass die Bezahlung in den Spitzenpositionen der Wall Street auch nach der von der Pleite von Lehman Brothers ausgelösten Finanzkrise oft nichts mit der Leistung des Einzelnen zu tun hat.

Als Beleg führt er die Karriere von Richard Parson an, Aufsichtsratschef der Citigroup. Parson war – damals als einfaches Aufsichtsratsmitglied der Bank – von 2002 bis 2008 Leiter des Citi-Gehaltsausschusses und habe Gehälter und Boni an den damaligen Vorstandschef in Millionenhöhe mitgetragen.

„Das war die Zeit der Verstrickung der Bank in den Enron- und Worldcom-Skandal, und 2008 wäre das Institut fast kollabiert. Aber wurde Parson gefeuert? Nein, er wurde zum Aufsichtsratschef befördert“, erregt sich Mayo heute noch. „Fehlverhalten wird zu selten geahndet“, urteilt er.


Zu wenig Kapitalismus

Anders als die meisten Beobachter sieht Mayo in der schieren Größe der US-Banken allerdings kein Problem. „Man kann sich die Berechtigung, groß zu sein, mit guter Leistung verdienen“, so Mayo. Er teilt die vier großen Geschäftsbanken der USA klar in zwei Lager auf. Während es bei Citigroup und Bank of America „Veränderungen“ geben müsse, hätten sich JP Morgan und Wells Fargo dank guten Managements auch als Großbank bewährt. JP Morgan etwa habe als erstes Institut in der Krise auf die Problemkredite hingewiesen. Trotzdem warnt er vor Euphorie: „Ich weiß auch nicht, was genau in der Bilanz von JP Morgan liegt. Und ich werde es wohl auch nie wissen. Banken sind immer noch eine Blackbox.“

Anders als der andere große Krisenprophet Nouriel Roubini, der die Ursache für die Krise in der Deregulierung des Kapitalismus sieht, erkennt Mayo den Strickfehler woanders: „Die Krise wurde nicht durch zu viel, sondern durch zu wenig Kapitalismus hervorgerufen“, glaubt er.

Weil die Banken ihren Anteilseignern nicht die Möglichkeit geben, schwache Manager zu feuern, statt sie zu belohnen, und weil die Analysten nicht ausreichend Zugang zu den Büchern der Institute erhielten, würden die Selbstregulierungskräfte des Marktes nicht funktionieren. Sein Vorschlag: Es würde ausreichen, wenn der Gesetzgeber die Banken zwingen würde, alles, was „fundamental wichtig“ sei, sofort zu veröffentlichen.

Gleichzeitig müssten Großaktionäre mehr Rechte bekommen, Manager auszutauschen oder deren Gehälter zu kürzen. „Es gibt 5000 Analysten. Fünf Prozent davon beobachten die Finanzbranche. Wenn dieses Heer von Analysten in die Lage versetzt würde, den Job richtig zu machen, bräuchte es keine Regulierungsgesetze von mehreren Tausend Seiten“, so Mayo. Mit dieser Haltung dürfte er bei den Protestlern von „Occupy Wall Street“ auf wenig Verständnis stoßen. Banker werden das aber gerne hören.


Quelle:  Handelsblatt Online
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