Strafbefehl gegen Georg Fahrenschon: Schlechte Werbung für die idyllische Sparkassenwelt

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AnalyseStrafbefehl gegen Georg Fahrenschon: Schlechte Werbung für die idyllische Sparkassenwelt

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Georg Fahrenschon.

von Mark Fehr

Ausgerechnet der wichtigste Fürsprecher der deutschen Sparkultur, Georg Fahrenschon, hat jetzt Ärger mit dem Finanzamt – wegen seiner eigenen Steuererklärung. Als wenn die Sparkassen nicht schon genug Probleme hätten.

Es ist eine Nachricht, die viele Sparer erschrecken dürfte: Der Präsident des Sparkassenverbands DSGV hat Ärger mit dem Finanzamt. Einen Strafbefehl wegen der verspäteten Abgabe von persönlichen Steuererklärungen hat Fahrenschon laut DSGV abgelehnt, sodass jetzt ein Gericht entscheiden soll. Den Vorwurf der Staatsanwaltschaft, dass es sich um eine Straftat und Steuerhinterziehung handele, weist Fahrenschon zurück.

„Ich habe meine Einkommen- und Umsatzsteuererklärungen für die Jahre 2012 bis 2014 verspätet, nämlich erst im Jahr 2016, beim zuständigen Finanzamt abgegeben. Das ist ein Versäumnis, das ich sehr bedaure“, stellte Fahrenschon in einer Erklärung fest. Er habe aber im vergangenen Jahr „alle vom Finanzamt festgestellten Steuern, Zinsen sowie die zu Recht erhobenen Säumniszuschläge bezahlt“.

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Bekannt geworden ist die Sache kurz vor der Wahl eines neuen Präsidenten für den Spitzenverband der knapp 400 Sparkassen, bei der Fahrenschon für eine zweite Amtszeit kandidieren will. Peinlich sind die Vorwürfe auch deshalb, weil Fahrenschon und die Sparkassen eigentlich für die harmlose Welt der ehrlichen Sparer, Häuslebauer und lokalen Unternehmer stehen, die ihr Geld kommunalen Kreditinstituten anvertrauen.

Diese auf den ersten Blick idyllische Welt wird schon von genügend Erschütterungen heimgesucht. Ein Sparkassenpräsident mit Steuersorgen hat da gerade noch gefehlt.

Vorwurf: Steuerhinterziehung Sparkassenpräsident droht Prozess

Sparkassenpräsident Fahrenschon kennt die Steuervorschriften: Als früherer Finanzminister in Bayern war er einst Chef der Steuerverwaltung im Freistaat. Jetzt wird ihm Steuerhinterziehung vorgeworfen.

Fahrenschon Quelle: dpa

In Fahrenschons Heimatort Neuried, wo er mit seiner Familie wohnt, herrscht es noch, das typische bürgerliche Sparidyll: Die Hauptstraße mit Apotheke, Bäcker, Autohaus und eben der Sparkassenfiliale nur ein paar Schritte von den Wohngebieten entfernt.

Seit 2012 ist Fahrenschon Sparkassenpräsident. Vor seiner Zeit beim DSGV ist er vom CSU-Abgeordneten zum bayerischen Finanzminister aufgestiegen, eine bemerkenswerte Karriere. Gleichzeitig hat er die Weichen für ein typisches Kleinbürgerleben gestellt und mit erstaunlichem Tempo Station für Station im Lebenslauf abgehakt: Abitur, Wirtschaftsstudium, Heirat. Abgeordneter, Finanzminister, Sparkassen-Präsident. Als dieser steht er nun im Rampenlicht der Berliner und Brüsseler Politik und an der Spitze des Heers von Häuslebauern, Kleinsparern, Handwerkern und braven Angestellten mit ihren Lebens- und Überlebensmodellen, wie sie typisch sind für die deutsche Mittelschicht, den deutschen Mittelstand.

Die Sparkassen sind mit über 40 Millionen Girokonten Marktführer bei den privaten Kunden. Doch Lebensentwürfe nach diesem Strickmuster sind vom Aussterben bedroht, nicht nur wegen der niedrigen Zinsen. Ein weiterer Grund ist die Veränderung von Wirtschaft und Gesellschaft, der gesamten Einstellung junger Leute zu ihrem Job und ihrem Leben.

Steuererklärung 2018 Bis Jahresende noch sparen

Wer rechtzeitig Anträge stellt, Ausgaben klug plant und Freibeträge ausschöpft, kann seine Steuerlast minimieren. Für die Steuererklärung 2018 sind in diesem Jahr noch ein paar Dinge zu erledigen.

Finanzamt Quelle: dpa

Die Sparkassen wollen darauf eigentlich Antworten finden, die strategischen Weichen müssen der DSGV und dessen Präsident stellen. Für seinen Verband verkörpert Fahrenschon zwar gekonnt die Rolle des Schutzheiligen der deutschen Sparkultur, hat aber auch noch kein überzeugendes Zukunftskonzept vorgelegt.

Das im Privaten wie Beruflichem so konstante und zielstrebige bürgerliche Leben des typischen Sparkassenkunden wird mehr und mehr ersetzt durch experimentelle Biographien. Studenten und Berufseinsteiger von heute probieren unterschiedliche Jobs und Wohnorte aus, bevor sie sich festlegen. Sie lernen und arbeiten im Ausland, sie heiraten später, sie bekommen später Kinder.

Dieses Hineintasten in den Beruf und das Leben bringt nicht nur Freiheiten mit sich, sondern geht auch Teilzeitjobs und Fristverträgen einher, verbunden mit längeren Jobpausen auf der Suche nach neuen Stationen.

Örtliche Sparkassen haben es schwer, sich diesem Wandel anzupassen. Sie sind auf lokal verwurzelte Kunden mit kontinuierlichen Einkommen ausgerichtet. Umzüge schon in die nächste Stadt bringen lästige Kontowechsel zu einer anderen Sparkasse mit sich, die Finanzgruppe muss ihren Kunden dafür extra einen Umzugsservice anbieten.

Bei Durststrecken nach der Ausbildung fallen oft hohe Kontogebühren an, wenn die monatlichen Einnahmen unter die im Kleingedruckten festgelegten Schwellenwerte sinken. Wer seiner Sparkasse aus Kinder- und Jugendtagen eigentlich die Treue gehalten hätte, kehrt ihr in solchen Situationen oft frustriert den Rücken.

Schlechte Werbung

Da hilft es auch nicht, wenn DSGV-Präsident Fahrenschon rhetorisch geschickt gegen die Niedrigzinsen der Europäischen Zentralbank zu Felde zieht und vor den Risiken einer europaweiten Einlagensicherung für die Sparkonten warnt. Am Ende reibt sich der Sparkassenkunde verwundert die Augen angesichts immer komplexerer Gebühren, für die manche Sparkassen sogar von Verbraucherschützern vor Gericht gezerrt werden.

In dieser Situation ist der aktuelle Steuerärger des Sparkassenpräsidenten besonders schlechte Werbung.

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