Stresstest: Verkehrte Welt

, aktualisiert 08. Dezember 2011, 20:12 Uhr
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Oliver Stock ist Chefredakteur von Handelsblatt Online

von Oliver StockQuelle:Handelsblatt Online

Deutsche Banken fallen reihenweise durch den Stresstest und beschweren sich darüber. Sie sollten lieber nachsitzen, anstatt sich beim Lehrer über den schwierigen Test zu beklagen.

Als ich das erste Mal bei einer Verlosung dabei sein wollte, habe ich gelernt: Einsendeschluss ist Einsendeschluss. Da hilft nichts. Und ich kann mich auch noch gut an die Nacht im Copyshop erinnern, als es darum ging, die Examensarbeit rechtzeitig abzugeben.

In unseren Banken hat solche Erfahrungen offenbar niemand gemacht. Anders kann ich mir das Gejammer über die Stichtagsregelung der Europäischen Bankenaufsicht EBA nicht erklären, das vor allem von NordLB und Helaba und den sie begleitenden Politikern kommt. Beide Landesbanken hatten zum Stichtag, den die EBA festgelegt hat, zu wenig hartes Eigenkapital. Da beißt keine Maus einen Faden ab. Also fallen sie folgerichtig durch den Stresstest. Von einem "dilettantischen" und "selbstherrlichen" Vorgehen der EBA können eigentlich nur die reden, die nicht gewohnt sind, sich an Termine zu halten.

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Das Ganze wäre ja nicht weiter erwähnenswert, wenn nicht hinter dem Gejammer eine Wahrnehmung steckte, die aus einer Welt stammt, die keine Finanzkrise mit anschließendem Schuldendebakel kannte. Eine Wahrnehmung, die nicht wahrhaben will, dass sich die Welt seither gedreht hat. Dass es nicht mehr die Prüfkandidaten sind, die bestimmen, wann sie worin geprüft werden, sondern dass es die Aufseher sind, die das nach eigenem Fahrplan entscheiden. Dass es auch nicht mehr in jeden Fall die Auftraggeber sind, die über die Veröffentlichung eines Ratings entscheiden, sondern dass sich manchmal die Agenturen herausnehmen, selbst zu bestimmen, wann sie welche Note beispielsweise an ein Land oder eine Bank verteilen. Zu den wenigen wirklichen Errungenschaften, die nach der Finanzkrise Wirklichkeit geworden sind, gehört die zunehmende Unabhängigkeit der Aufseher. Und ich drücke all denjenigen die Daumen, die schlechter bezahlt und mit weniger Personal ausgestattet sind als diejenigen, die sie kontrollieren sollen, und die trotzdem effektiv ihrer Arbeit nachgehen wollen.

Ich meine deswegen: Hören wir nicht zu sehr auf die Kritiker an EBA und Ratingagenturen, die uns weismachen wollen, dass es nicht an den Kandidaten liegt, wenn sie durch die Prüfung fallen, sondern dass der Fehler beim Prüfer liegt. Diese Kritiker und nicht wir sind es, die in einer verkehrten Welt leben.

Quelle:  Handelsblatt Online
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