Target-Saldo: Bundesbank auf Tauchstation

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KommentarTarget-Saldo: Bundesbank auf Tauchstation

Der Target-Saldo der Bundesbank ist im Januar auf 515 Milliarden Euro nach oben geschnellt. Das lässt auf eine erneute Kapitalflucht aus den südeuropäischen Krisenstaaten schließen. Doch die Bundesbank schweigt.

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Europaflaggen neben der Zentrale der Europäischen Zentralbank (EZB) in Frankfurt am Main.

Gestern schien es, als habe die Bundesbank sich durchsetzen können, um die Gelddruckorgie in der Eurozone zumindest ein bisschen einzudämmen. Der EZB-Rat hatte am Mittwochabend überraschend entschieden, griechische Staatsanleihen nicht mehr als Sicherheit für frisches Geld zu akzeptieren.

Ein Etappensieg für die Bundesbank, so die allgemeine Einschätzung, waren doch die Hellas-Anleihen mit ihrem Ramschniveau auf dem Markt sowieso fast nichts mehr wert. Allerdings gab die EZB gleichzeitig auch grünes Licht für Notkredite an griechische Banken in Höhe von 60 Milliarden Euro. Ein Paradox, denn die Notkredite werden ebenfalls mit griechischen Staatsanleihen besichert.

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2014 – ein heikles Jahr für die EZB

  • Neue Bleibe

    In gebührendem Abstand zu den Bankentürmen im Westend entsteht in Frankfurt das neue Hauptquartier der EZB. Wann genau die Notenbanker dort einziehen werden, ist noch nicht klar - geplant ist aber 2014. Die EZB bleibt aber auch im Frankfurter Euro-Tower. Hier werden die Bankenaufseher untergebracht. Geldpolitiker und Aufseher sollen also nach den Umzügen nicht unter einem Dach arbeiten - Interessenskonflikte sollen so auf ein Minimum reduziert werden.

  • Neues Mitglied

    Sabine Lautenschläger ist anstelle von Jörg Asmussen ins EZB-Direktorium eingezogen. Ebenfalls neu ist Lettlands Zentralbankchef Ilmars Rimsevics. Lettland ist das 18. Land, das den Euro eingeführt hat.

  • Neue Offenheit

    Lautenschläger, Rimsevics und die anderen Notenbanker müssen sich an eine neue Offenheit der EZB gewöhnen. Die Zentralbank könnte schon bald wie etwa die Federal Reserve in den USA Protokolle oder zumindest schriftliche Zusammenfassungen der Sitzungen des EZB-Rats publik machen.

    Draghi will dem EZB-Rat dazu schon bald einen konkreten Vorschlag machen. Umstritten ist, wie genau sich die Öffentlichkeit künftig ein Bild vom Abstimmungsverhalten der einzelnen Notenbanker machen kann.

  • Neue Instrumente

    Die EZB geht mit einem rekordniedrigen Leitzins ins Jahr 2014: Seit November können sich die Geschäftsbanken bei ihr für 0,25 Prozent Zinsen refinanzieren. Zudem hat der EZB-Rat beschlossen, dass die Institute noch bis mindestens Mitte des übernächsten Jahres so viel Liquidität bekommen, wie sie bei der EZB abrufen - ohne Obergrenze. Damit ist das Finanzsystem zwar geschützt gegen Liquiditätsengpässe, doch stockt der Kreditfluss in den besonders krisengeplagten Ländern Südeuropas.

    Zudem ist die Inflation in der Eurozone aus Sicht der Notenbanker zu niedrig. Die Zentralbanker betonen seit der letzten Zinssenkung, dass sie noch zahlreiche Pfeile im Köcher haben. Dazu gehören unter anderem weitere milliardenschwere Geldspritzen, um die Banken flüssig zu halten, sowie ein Strafzins für Banken, die Gelder lieber bei der EZB parken, als sie an Unternehmen und Haushalte als Kredit weiterzureichen.

  • Neue Banken

    Wenn die EZB wie geplant im November 2014 die Oberaufsicht über die Banken der Währungsunion übernimmt, hat sie zumindest die 128 größten Institute bereits auf Herz und Nieren geprüft. Denn in den nächsten Monaten steht der größte Gesundheitscheck der Branche auf dem Programm, den es je gegeben hat.

    Ziel der EZB ist es, die Banken möglichst besenrein, also ohne schlummernde Altlasten in den Bilanzen, zu übernehmen.

Heute veröffentlichte die Bundesbank neue Zahlen, die ihr wieder einmal Sorgen bereiten dürften: Der so genannte Target-Saldo ist im Januar sprunghaft um 54,4 Milliarden auf 515 Milliarden Euro angestiegen. Ein Zuwachs, den es in dieser Höhe bislang erst zweimal gegeben hatte, 2011 und 2012. Damals war die Eurokrise auf ihrem Höhepunkt. Anleger hatten massenhaft ihr Geld aus den Krisenländern in den Euro-Norden, vor allem nach Deutschland, in Sicherheit gebracht.

Bundesbank trägt das Risiko

Durch das Target-System war das ohne Probleme möglich. Eine tolle Sache, könnte man meinen. Doch anhand der Target-Salden wird nun erneut deutlich, wie sehr sich das Risiko von Banken und Spekulanten auf den Steuerzahler übertragen hat.

Die Target-Salden messen nämlich nichts anderes als die Kapitalbewegungen innerhalb der Eurozone. Dabei wirken sie wie Kredite zwischen den Zentralbanken der Mitgliedsländer. Fließt also Geld aus Griechenland nach Deutschland, stellt die Bundesbank der griechischen Zentralbank praktisch einen Kredit mit dem entsprechenden Betrag aus.

Eurokrise Target-Saldo der Bundesbank explodiert

Der Target-Saldo der Bundesbank ist im letzten Monat auf rund 515 Milliarden Euro sprunghaft angestiegen. Einen solch dramatischen Zuwachs hatte es während der Hochphase der Eurokrise nur zwei Mal gegeben.

Europäische Union Quelle: dpa

Der Clou dabei: Es werden für diesen Kredit keinerlei Sicherheiten verlangt, sie geschehen automatisch. Wenn die Kapitalbewegungen innerhalb der Eurozone sich die Waage halten, ändert sich an den Salden nichts. Kommt es aber zu einer Kapitalflucht, schnellen die Target-Salden in die Höhe. Bei dem Land, aus dem Geld hinausfließt, erhöhen sich die negativen Target-Salden. Wo es hineinströmt, steigen die positiven Salden.

Zwischenzeitlich hatte die Bundesbank damit rund 750 Milliarden Euro an positiven Target-Salden angehäuft, also Forderungen in gleicher Höhe an das Eurosystem. Auf der anderen Seite wies beispielsweise die spanische Zentralbank streckenweise über 400 Milliarden Euro an Verbindlichkeiten gegenüber dem Eurosystem auf. So hatte sich die spanische Volkswirtschaft also 400 Milliarden Euro vom Eurosystem klammheimlich geliehen.

Keinerlei Sicherheiten  

Wäre es früher zu solch extrem einseitigen Kapitalbewegungen gekommen, hätte sich das zwangsläufig in einem Verfall des Wechselkurses niedergeschlagen. Im Eurosystem können allerdings Investoren dieses Risiko an die Zentralbanken abgeben, in dem sie ihr Geld in das vermeintlich sicherste Euroland verschieben.

In der Vergangenheit waren dies oft Deutschland, Luxemburg und Finnland. Durch das Target-System muss die Bundesbank bei einer Kapitalflucht nach Deutschland ihre Bilanz ausweiten, ohne dafür, wie nach den Regeln der Zentralbankkunst vorgesehen, entsprechende Sicherheiten als Pfand gestellt zu bekommen. Sie kann diese Forderungen nicht einmal rechtlich eintreiben, da es auch kein Rückzahlungsdatum gibt, noch kann sie den Anstieg der Target-Salden stoppen.

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Trendwende nach Entspannung

Bei den Target-Salden der Bundesbank hatte sich in letzter Zeit eine Entspannung angedeutet. Seit Ende 2012 waren sie immer weiter gesunken, von 750 Milliarden auf 461 Milliarden Euro im Dezember 2014. Dieser Trend hat sich nun umgedreht. Der dramatische Anstieg im Januar um 54,4 Milliarden Euro entspricht einem Zuwachs von knapp zwölf Prozent. So wurde binnen eines Monats der Rückgang eines ganzen Jahres wieder zunichte gemacht.

Zu dieser Angelegenheit wollte sich jedoch kein Vorstandsmitglied der Bundesbank auf Anfrage der WirtschaftsWoche äußern. Kein Wunder - scheint man doch in dieser Sache sowieso machtlos zu sein.

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