Test im Test: Bankenstresstest ist obsolet

KommentarTest im Test: Bankenstresstest ist obsolet

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Frankfurter Bankenviertel - Im November übernimmt die EZB die zentrale Aufsicht über die rund 130 wichtigsten Geldhäuser in der Eurozone.

von Frank Doll

Der Bankenstresstest der EZB ist bereits zwei Monate nach seiner Veröffentlichung obsolet. Die europäischen Banken bleiben krisenanfällig, die Anleihenkäufe der EZB retten die Konjunktur nicht.

Nach der Veröffentlichung der Ergebnisse des Banken-Stresstests am 26. Oktober brach der Branchenindex Stoxx 600 Banks im Handelsverlauf um zeitweilig vier Prozent ein. Die größten Kursverluste erlitten die Aktien italienischer Banken, von denen gleich neun den Stresstest nicht bestanden hatten. Insgesamt scheiterten 25 Banken. Einige davon hatten ihr Kapital bereits erhöht, 13 Banken sollten ihr Kapital noch erhöhen – zusammen um schlappe 9,5 Milliarden Euro.

Obwohl die Europäische Zentralbank (EZB) bei den 130 untersuchten Banken mit einer Bilanzsumme von insgesamt 22.000 Milliarden Euro per Ende 2013 notleidende Kredite in Höhe von 879 Milliarden Euro festgestellt hat, sollen die Bankaktiva nur um 48 Milliarden Euro zu hoch angesetzt worden sein. Allein etwa 90 Milliarden Euro fauler Kredite stehen in den Büchern griechischer Banken. Diese müssen ihre Vermögenswerte nach dem Stresstest aber nur um 7,6 Milliarden Euro oder vier Prozent ihrer risikogewichteten Vermögenswerte abschreiben. Eine Überschlagsrechnung macht das ganze Elend deutlich: 879 Milliarden Euro bei einer Bilanzsumme von 22.000 Milliarden Euro sind ebenfalls nur vier Prozent.

Mit Blick auf die wirtschaftliche Situation in der Eurozone dürften aber weit mehr Kredite ausfallgefährdet sein. Bei einem realistischeren Szenario, das sich etwa an der Höhe der Arbeitslosenquote in der Eurozone orientierte, käme man rasch auf Summen um 3.000 Milliarden Euro. Die Ratingagentur Fitch etwa veranschlagte die Problemkredite der italienischen Banken per Ende September 2014 auf 9,3 Prozent aller Ausleihungen.

Das sind die größten Banken Europas

  • Platz 9

    Barclays (Großbritannien) - Marktkapitalisierung (2011): 36,1 Milliarden Euro

  • Platz 9

    Deutsche Bank (Deutschland) - Marktkapitalisierung (2011): 36,1 Milliarden Euro

  • Platz 8

    Royal Bank of Scotland (Großbritannien) - Marktkapitalisierung (2011): 36,6 Milliarden Euro

  • Platz 7

    UBS (Schweiz) - Marktkapitalisierung (2011): 41,3 Milliarden Euro

  • Platz 6

    BNP Paribas (Frankreich) - Marktkapitalisierung (2011): 45,4 Milliarden Euro

  • Platz 5

    Standard Chartered (Großbritannien) - Marktkapitalisierung (2011): 45,5 Milliarden Euro

  • Platz 4

    Allied Irish Banks (Irland) - Marktkapitalisierung (2011): 48,8 Milliarden Euro

  • Platz 3

    Banco Santander (Spanien) - Marktkapitalisierung (2011): 54,3 Milliarden Euro

  • Platz 2

    Sberbank (Russland) - Marktkapitalisierung (2011): 55,9 Milliarden Euro

  • Platz 1

    HSBC Holdings (Großbritannien) - Marktkapitalisierung (2011): 120,8 Milliarden Euro


Ziemlich fragwürdig ist auch die von der EZB festgestellte Kapitalunterdeckung. Per Ende 2013 habe diese bei den 25 im Stresstest gescheiterten Banken 24,6 Milliarden Euro betragen, also geringfügig weniger als die 26,8 Milliarden Euro, die im Stresstest von 2011 festgestellt wurden. Damals fielen 20 Banken durch. Die späteren Pleitebanken Dexia, Bankia, Bank of Cyprus und Banco Espirito Santo allerdings gehörten nicht dazu. So gesehen sollte man sich besser nicht darauf verlassen, dass die Pleiteserie bei den Banken in der Eurozone zu Ende ist.

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Dafür reicht ein Blick auf das ungünstigste Szenario, dass im Stresstest von der EZB durchgespielt wurde. Darin wird für die Eurozone eine Arbeitslosenquote von 13 Prozent unterstellt – nicht viel höher als die aktuelle Quote von 11,5 Prozent. Eine längere Deflationsphase wurde erst gar nicht berücksichtigt, obwohl die Zinsmärkte gegenwärtig genau dieses Szenario für die Eurozone antizipieren. In ihrem ungünstigsten Szenario hat die EZB für 2014 eine Inflation von einem Prozent unterstellt, mehr als doppelt so hoch wie aktuelle Inflationsrate von 0,4 Prozent.

Die Folgen der EZB-Niedrigzinspolitik

  • Verminderter Reformdruck auf Krisenländer

    Werden die Zinsen künstlich abgesenkt, so verringert sich der Reformdruck auf Regierungen und Banken, ihre Haushalte beziehungsweise Bilanzen zu verbessern.

  • Fehlinvestitionen werden künstlich am Leben gehalten

    Ein künstlich tief gehaltener Zins verhindert, dass unprofitable Investitionsprojekte also Fehlinvestitionen aufrecht und befördert werden.

  • Spekulationswellen

    Künstlich tiefe Zinsen lösen (inflationäre) Spekulationswellen aus, führen zu „Boom-and-Bust“-Zyklen: überhitzte Situationen, in denen, wenn niemand mehr bereit ist, Kredite zu finanzieren, alles in sich zusammenbricht.

  • Schulden steigen

    Künstlich niedrig gehaltene Zinsen befördern die Schuldenwirtschaft, insbesondere die der Staaten und der Bankenindustrie.

Auch in den südeuropäischen Krisenländern scheint es für die EZB offenbar keine Deflation zu geben. Dabei lag bereits im September 2014 die jährliche Inflationsrate in vier Ländern der Eurozone (Spanien, Italien, Slowenien und Griechenland) im Minusbereich. Ebenso ausgeklammert wurde eine Neuauflage der Staatsschuldenkrise von 2011/2012. Auch das erscheint recht blauäugig mit Blick auf den sprunghaften Renditeanstieg griechischer Staatsanleihen. Zudem kann die prekäre politische Situation in Griechenland jederzeit eine Kapitalflucht auslösen.

Sanktionen gegen Russland kommen im Szenario nicht vor

Unberücksichtigt im Stresstest blieben außerdem mögliche Folgen weiterer Sanktionen gegen Russland, etwa bei einer Unterbrechung der russischen Gaslieferungen. Im Stresstest müssen die Banken nur eine Verdoppelung des aktuell extrem niedrigen Zinsniveaus überstehen. Käme es zu einer Annäherung an die Renditeniveaus von 2011/2012 aber wäre ein Großteil der südeuropäischen Banken und Staaten insolvent.

Der Bestand von Staatsanleihen in den Bankbilanzen der Peripherieländer hat sich seit Ende 2011 mehr als verdoppelt. Allein spanische Banken halten heimische Staatsanleihen im Volumen von rund 230 Milliarden Euro. Der Wert übersteigt das offiziell ausgewiesene Kapital des spanischen Bankensystems um das Zweifache. Dabei ist dieses Kapital bereits künstlich aufgebläht durch allerlei Finessen bei der Bilanzierung, etwa durch so genannte Deferred Tax Assets (DTA).

Im November 2013 hatte die Regierung in Madrid per Dekret die Umwandlung der üblicherweise aus Verlusten und Rückstellungen der Banken stammenden latenten Steueransprüche in staatlich garantierte Steuerkredite beschlossen. Das sei laut spanischem Finanzministerium nicht mehr als eine bilanztechnische Operation gewesen. Tatsächlich aber war es ein weiterer Bail-out, weil sich dadurch auch ohne Realisierung der Verluste die zukünftigen Steuerzahlungen der Banken reduzieren lassen. Die zukünftigen Steueransprüche können als Eigenkapital bilanziert werden. Im Kapital der spanischen Banken sind seit dieser Neuregelung zusätzliche 30 Milliarden Euro an DTA enthalten. Ohne DTA hätten einige spanische Banken den Stresstest gewiss nicht bestanden.


Besonders kritisch ist der Lage der Raiffeisen Bank International. Zusammen mit der Société Générale gehört das österreichische Kreditinstitut zu jenen Banken in der Eurozone, für die in Russland am meisten auf dem Spiel steht. Mitte Dezember war der Aktienkurs auf 10,80 Euro gefallen und damit auf den tiefsten Stand seit Börseneinführung 2005. Die Prämien für Kreditausfallversicherungen (CDS) erreichten ein 27-Monatshoch.

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In der Krise von 1998 hatte der russische Staat den für viele Gläubiger schmerzhaften Neuanfang gewählt. Der Ausfall der Rubel-Anleihe war damals nicht zwingend notwendig. Die russische Zentralbank hätte mit der Notenpresse eine andere Lösung finden können. Raiffeisen hat mit 15 Milliarden Euro beinahe das Zweifache des materiellen Eigenkapitals (Eigenkapital abzüglich immaterieller Vermögenswerte) in Russland investiert. Bei der Société Générale sind es 25 Milliarden Euro oder 62 Prozent des materiellen Eigenkapitals. Die italienische Unicredit kommt auf 18 Milliarden Euro oder 40 Prozent.

Fazit: Der Bankenstresstest der EZB ist bereits zwei Monate nach seiner Veröffentlichung obsolet. Solange die Banken der Eurozone nicht saniert sind, wird es mit der Kreditvergabe und der Konjunktur in den Krisenländern nicht aufwärts gehen. Da kann die EZB noch so viele Staatsanleihen ankaufen.

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