
WirtschaftsWoche Online: Herr Hein, das Investmentbanking galt Jahrzehnte als Geldmaschine. Jetzt kommen Sie mit einer Studie, die das krasse Gegenteil zeigt. Wie konnten sich Bankchefs und Aktionäre so lange täuschen?
Dieter Hein: Die angeblich hohen Profite im Investmentbanking wurden jahrelang schön gerechnet. Möglich wurde das unter anderem durch ständige Änderungen in den Regeln für die Rechnungslegung der Banken. In den zurückliegenden zwanzig Jahren gab es vier Wechsel der Buchführungsvorschriften: Vom deutschen Handelsrecht zu den internationalen Rechnungslegungsstandards IAS, dann zu den amerikanischen Grundsätzen US-GAAP und schließlich zu überarbeiteten internationalen Vorschriften unter dem Kürzel IFRS.
Um die Verwirrung perfekt zu machen, haben sich Anforderungen für die Kapitaldecken der Banken ständig geändert.
Richtig. Der Baseler Bankenausschuss hat mit immer neuen Kapitaldefinitionen auf die Krisen der Vergangenheit reagiert. Ergebnis sind allein fünf unterschiedliche Formeln für die Eigenkapitalquote, wie Kernkapital, hartes Kernkapital und verschiedene Abstufungen dieser Kennziffern. Selbst Analysten, die sich täglich mit Bankbilanzen beschäftigen, blicken hier nicht mehr durch.
Bild: REUTERSEuropäische Banken – Credit Suisse
Der Schweizer UBS-Wettbewerber Credit Suisse reklamiert die Vorreiterrolle in Sachen Strategie-Anpassungen gerne für sich. Denn auch die Credit Suisse schrumpft kräftig die eigene Bilanz, um sich den neuen Kapitalvorgaben von Basel III anzupassen. Allein in der Anleihesparte innerhalb der Investmentbank hat Credit Suisse das Volumen der risikogewichteten Aktiva innerhalb eines Jahres um 43 Prozent auf 131 Milliarden Dollar gekürzt.
Bild: REUTERSUnd die Umbauarbeiten gehen weiter: In der Investmentbank soll die Bilanz nochmals um zehn Prozent gestutzt werden. Das Einsparziel wurde von drei auf vier Milliarden Franken erhöht. Wie viele Jobs das kosten wird, darüber schweigt sich Bank-Chef Brady Dougan (Bild) indes aus. Trotz der Kürzungen haben sich die Umsätze dieses Geschäftsbereichs im Jahresvergleich im dritten Quartal verdreifacht - was Analysten als die positive Überraschung hervorstrichen.
Bild: dapdFür Finanzchef David Mathers zeigt das Ergebnis, dass die Bilanzausdünnung nicht auf die Erträge durchschlagen muss. Credit Suisse erzielte im Investment-Banking im dritten Quartal eine Eigenkapitalrendite von knapp zehn Prozent. „Das wird die UBS wohl nicht erreichen, was den Druck auf das Management hoch halten wird“, sagt Christian Stark, Analyst bei Cheuvreux.
Bild: dapdJim O'Neill nahm kein Blatt vor den Mund, als er sich vor kurzem zur Zukunft der Royal Bank of Scotland (RBS) äußerte: „Unserer Ansicht nach sollte die Form und Größe der Investmentbank am Ende kleiner sein als heute.“ Die Meinung von O'Neill hat Gewicht, denn er ist der Chef von UKFI, jener Organisation, die die Bankenbeteiligungen der britischen Regierung verwaltet, und die RBS gehört seit ihrer Rettung durch die Steuerzahler 2008 zu 81 Prozent dem Staat.
Bild: REUTERSDie Investmentbank des Geldhauses soll also weiter schrumpfen. Dabei ist Vorstandschef Stephen Hester (Bild) bereits kräftig auf die Bremse getreten. Anfang dieses Jahres hatte Hester den Abbau von rund 4000 Arbeitsplätzen angekündigt. Die Bank zog sich aus großen Teilen des Aktiengeschäfts und einigen anderen Bereichen zurück und verkaufte den traditionsreichen Broker Hoare Govett.
Bild: dapdSeit Hester Ende 2008 sein Sanierungsprogramm für das damals schwer angeschlagene Geldhaus auf den Weg brachte, hat er die Investmentbank der RBS um mehr als die Hälfte verkleinert. Einen völligen Rückzug hielte aber auch UKFI-Chef O'Neill für eine falsche Entscheidung. Zu wichtig seien die Dienste der Investmentbanker für das Wachstum und das Wohlergehen britischer Unternehmen.
Bild: dpaDeutsche Bank
Bei der Deutschen Bank müssen Tausende Investmentbanker um ihren Job fürchten. Jürgen Fitschen (l.) und Anshu Jain wollen sparen, um Ertragseinbußen im Zuge der Schuldenkrise und der härteren Regulierung aufzufangen. Das Investment-Banking dürfte zwar zuletzt wieder gut gelaufen sein. Doch das Geschäft gilt als sehr volatil - und Volatilität steht bei der Bank derzeit nicht hoch im Kurs.
Bild: dapdBis 2015 will die Deutsche Bank rund 4,5 Milliarden Euro einsparen - vor allem im Investment-Banking. Im Juli teilte die Bank mit, dass in diesem Jahr 1900 Arbeitsplätze gestrichen werden, 1500 davon im Investment-Banking. Im Moment beschäftigt die Deutsche Bank insgesamt noch gut 100.000 Mitarbeiter, davon 47.000 in Deutschland. Zunächst wird der Stellenabbau aber Kosten verursachen. Schon in den Zahlen zum dritten Quartal waren Sonderbelastungen wegen des Stellenabbaus, anhängiger Rechtsstreitigkeiten und dem Abbau von Risikopositionen zu erwarten.
Bild: REUTERS„Es gibt auf der Kostenseite Gegenwind“, hatte Co-Chef Anshu Jain kürzlich gewarnt. Die Geschäfte liefen aber „sehr solide - vor allem im Investment-Banking“. In den vergangenen Jahren hatte die Sparte „Corporate & Investment Bank“ über die Hälfte der Erträge beigesteuert.
Bild: dpaUS-Banken – Goldman Sachs
Goldman Sachs hat auch im dritten Quartal wieder die Erwartungen der Analysten übertroffen. Die legendäre Investmentbank meldete einen Gewinn von 1,5 Milliarden Dollar - nachdem im Vorjahreszeitraum noch ein Verlust von 428 Millionen Dollar angefallen war. Grund dafür ist vor allem das profitable Kerngeschäft, das Investment-Banking: Bei Goldman stiegen die Einnahmen aus dem Geschäft mit Fusionen und Übernahmen um 49 Prozent. Der Investment-Arm allein trug 1,16 Milliarden Dollar zu den Gesamterlösen von 8,35 Milliarden Dollar bei.
Europäische Banken – Credit Suisse
Der Schweizer UBS-Wettbewerber Credit Suisse reklamiert die Vorreiterrolle in Sachen Strategie-Anpassungen gerne für sich. Denn auch die Credit Suisse schrumpft kräftig die eigene Bilanz, um sich den neuen Kapitalvorgaben von Basel III anzupassen. Allein in der Anleihesparte innerhalb der Investmentbank hat Credit Suisse das Volumen der risikogewichteten Aktiva innerhalb eines Jahres um 43 Prozent auf 131 Milliarden Dollar gekürzt.
Wo liegt das Problem immer strengerer Kapitalvorgaben?
Die Kapitalanforderungen sollen mit dem neuen Rahmenwerk des Baseler Bankenausschusses zwar steigen, doch noch ist gar nicht klar, wie Basel III konkret umzusetzen ist. Problem ist die Definition der riskanten Vermögensgegenstände. Danach gelten etwa bei der Deutschen Bank 2011 nur 18 Prozent der Bilanzsumme als Risikovermögen. Nach dieser Logik wären also 82 Prozent des Vermögens risikofrei.
Ist das realistisch?
Wie unrealistisch das ist, zeigt etwa die Behandlung von Staatsanleihen. Sie gelten immer noch als risikolose Anlagen, für die kein Haftkapital reserviert werden muss, und dass, obwohl die Schuldenkrise längst gezeigt hat, dass auch öffentliche Schuldner ausfallen können. Industrieunternehmen sitzen auf Eigenkapitalpolstern von 20 bis 30 Prozent oder höher, während Banken mit erschreckend dünnen bilanziellen Eigenkapitalquoten im niedrigen einstelligen Prozentbereich unterwegs sind.
Wie gelang es den Banken, ihr Investmentbanking schön zu rechnen?
Die Deutsche Bank zum Beispiel hat nach meiner Schätzung 2,2 Milliarden Euro an Personalaufwand in Form von Boni für das Geschäftsjahr 2011 nicht in den Aufwendungen berücksichtigt – die Erträge allerdings schon. Das Argument: Gezahlt würden diese Vergütungen erst in späteren Jahren, sodass sie erst dann abgezogen werden müssten. Das ist wohl konform mit den international geltenden Rechnungslegungsstandards IFRS, allerdings verstößt das aus meiner Sicht gegen die in Deutschland üblichen Grundsätze ordnungsmäßiger Buchführung.
Was ist die Konsequenz?
Da das Investmentbanking bei ehrlicher Betrachtung vor allem wegen der höheren Kapitalanforderungen meiner Meinung nach unprofitabel wird, gibt es aus Sicht der Aktionäre nur eine Lösung:Der Geschäftsbereich muss eingestellt werden.

























