Whistleblower im US-Hypothekenskandal: Insiderin wirft JP Morgan bewussten Betrug vor

Whistleblower im US-Hypothekenskandal: Insiderin wirft JP Morgan bewussten Betrug vor

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JP Morgan

von Andreas Toller

JP Morgan zahlt offenbar nur einen Bruchteil der 13-Milliarden-Dollar-Strafe wegen krummer Hypothekengeschäfte. Die Ex-Juristin der Bank liefert Indizien für willentlichen Anlagebetrug und pikante Details.

Wer als Insider Geschäfts- oder Staatsgeheimnisse an die Öffentlichkeit bringen will, wählt das Medium für seine Enthüllungen in der Regel sehr sorgfältig aus. Alayne Fleischmann, eine ehemalige Juristin der US-Großbank JP Morgan, wählte den „Rolling Stone“.

Das berühmte Musikmagazin besaß den Mut, ihre Geschichte zu veröffentlichen - und brachte tatsächlich den Stein ins Rollen: Die übrigen US-Medien überschlagen sich angesichts der dramatischen Details, die Fleischmann aus dem Herzen der US-Vorzeigebank und zu den Ermittlungen der Justizbehörden zum US-Hypothekenskandal berichtete. Medien bezeichnen Fleischmann bereits als „Snowden“ der Finanzbranche.

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Fleischmann war in den Jahren 2006 und 2007 als Juristin für Wertpapiere bei JP Morgan Chase beschäftigt. In ihr Aufgabengebiet fiel es, Wertpapierpakete juristisch zu prüfen. Zu dieser Zeit lief das Geschäft mit Hypotheken gerade heiß. Banken bündelten Immobilienkredite zu neuen Wertpapieren, um sie an Investoren zu verkaufen. Wie sich später herausstellte, waren die Ausfallrisiken vieler dieser gebündelten Kredite weit größer als Banken den Investoren glauben machten.

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Firmensitz von JP Morgan in New York: Die Großbank richtet sich auf weitere Rechtsstreit ein. Quelle: Reuters

Gegen Großbanken vermittelt

Unbestritten ist der Zusammenbruch des US-Hypothekenmarkt im Jahr 2007 der Auslöser der weltweiten Finanzkrise, deren Auswirkungen auch sieben Jahre nach ihrer Entstehung noch immer spürbar sind. Wegen des immensen Schadens haben die Justizbehörden der USA gegen Großbanken ermittelt und erst im vergangenen Jahr Milliardenbußgelder kassiert.

Dafür stellten sie die Strafverfahren ein und legten die Fälle zu den Akten. Die Vorzeigebank JP Morgan Chase erhielt die bislang höchste Einzelstrafe im Hypothekenskandal: 13 Milliarden Dollar. Aber die könnte sich als viel zu niedrig erweisen, wie Fleischmanns Enthüllungen nahelegen.

Sie hatte bei ihrem Ausscheiden bei JP Morgan im Jahr 2008 zwar eine Verschwiegenheitserklärung unterzeichnet, aber nun konnte sie nach eigener Aussage nicht länger stillhalten. Denn das, was sie als Zeugin kurz vor dem Ausbruch der Krise in der US-Bank erlebt hatte, hätte noch viel höhere Strafen gerechtfertigt.

Dass sie jetzt ausgepackt hat, könne sie zwar in die Privatpleite drängen, auch ihre Anwaltslizenz könne sie verlieren, sagte Fleischmann dem „Rolling Stone“. „Aber wenn wir nicht anfangen, laut darüber zu reden, wird das alles sein, was wir bekommen: die größte Vertuschung der Finanzwelt in der Geschichte.“ Die Wahrheit solle endlich ans Licht.

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JPMorgan entschädigt Investoren mit 4,5 Milliarden Dollar für Verluste aus umstrittenen Hypothekengeschäften. Einen Teil des Geldes soll die Allianz-Tochter Pimco und die Bayerische Landesbank bekommen.

JPMorgan entschädigt Investoren mit 4,5 Milliarden Dollar für Verluste aus umstrittenen Hypothekengeschäften. Einen Teil des Geldes soll die Allianz-Tochter Pimco und die Bayerische Landesbank bekommen. Quelle: REUTERS

Geschäfte am Hypothekenmarkt

Die Details, von denen Fleischmann berichtet, haben es in sich. Sie deuten darauf hin, dass sich Bankmanager durchaus der Tatsache bewusst waren, dass ihre Geschäfte am Hypothekenmarkt einem Betrug der Investoren gleichkamen.  Fleischmann liefert dazu aufschlussreiche Details:

  • Über die Hypothekengeschäfte durfte auf Anweisung von Oben nichts Schriftliches verfasst werden, nicht einmal E-Mails zum Thema waren erlaubt

  • Fleischmann prüfte nach eigenen Aussagen ein angebotenes Hypothekenbündel mit einem Volumen von 900 Millionen Dollar Ende 2006. Die angebotenen Hypotheken waren ungewöhnlich alt – ein klares Indiz für frühe Zahlungsausfälle oder eine Ablehnung durch andere Käufer.

  • Sie hatte berechtigte Zweifel an der Werthaltigkeit der Kredite und äußerte massive Bedenken. Anstatt das Kreditbündel abzulehnen, entschied sich JP Morgan aber, die Beurteilung der Hypotheken zu beschönigen. Wenig später ergab eine Prüfung durch Fleischmanns Team, dass ein Drittel der Hypotheken aufgrund maßlos überhöhter Einkommensangaben der Kreditnehmer bewilligt wurden. Damit war klar, dass es zu vielen Zahlungsausfällen kommen würde. Das wurde auf einer Konferenz mit dem Anbieter der Kredite, Greenpoint, allein Anwesenden deutlich

  • Ein trotz Schriftverbot von Fleischmann verfasster langer Brief an ihren Vorgesetzten blieb folgenlos, obwohl sie explizit darauf hinwies, dass es ohne Betrug nicht möglich sei, das hochriskante Hypothekenpaket als risikoarmes Investment zu verkaufen. JP Morgan stufte die faulen Hypotheken dennoch deutlich oberhalb des Ramsch-Niveaus ein, indem die Bank die Grenzen, ab denen die Bank Ramsch unterstellt, noch oben verschob. Der eigentlich notwendige Risikohinweis der Vertriebsabteilung beim Verkauf des Hypothekenpakets unterblieb. Den Berichten der US-Medien zufolge war das seinerzeit gängige Praxis der Banken im Geschäft mit hypothekenbesicherten Wertpapieren

  • Später wurde bekannt, das JP-Morgan-Boss Jamie Dimon bereits zwei Monate vor dem Greenpoint-Deal einen Manager der Bank damit beauftragt hatte, sich um den Abbau der Ramsch-Hypotheken im Portfolio der Bank zu kümmern. Er wollte, dass sie verkauft werden, weil „dieses Zeug in Rauch aufgehen könnte.“ Vor der Untersuchungskommission zur „Subprime-Krise“ in den USA erzählte Dimon 2010 jedoch das Gegenteil: Die Führungsriege der Bank sei hinters Licht geführt worden. 

Auch die amerikanische Justiz kommt in den Enthüllungen Fleischmanns schlecht weg.

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