Zinsmanipulation: Betrug ist kein Kavaliersdelikt

ThemaBanken

Zinsmanipulation: Betrug ist kein Kavaliersdelikt

von Annina Reimann

Institute sollen die wichtigen Zinssätze Libor und Euribor manipuliert haben. Was das für Kredite und Geldanlagen bedeutet.

Endlich ist es raus: Ex-Bundespräsident Christian Wulff hat zu wenig für seinen privaten Kredit bezahlt! Das Darlehen zur Zwischenfinanzierung seines Hauses war an die Entwicklung des Zinssatzes Euribor gekoppelt. Und der könnte – so wie es gerade bei dessen Londoner Pendant Libor ans Licht kommt – nach unten manipuliert worden sein. Die EU-Kommission ermittelt seit vergangenem Jahr in Sachen Euribor-Manipulation.

Doch der Reihe nach: Die Londoner City wird von einem Skandal erschüttert, der den Chef der Barclays-Bank Bob Diamond den Job gekostet hat und selbst die ehrwürdige Bank of England in Verruf bringt. Barclays hat sowohl den Zins London Interbank Offered Rate (Libor) als auch die Euro Interbank Offered Rate (Euribor) manipuliert. Und das ist kein Kavaliersdelikt, sondern schlägt durch bis zu Häuslebauern und Anlegern – und damit bis zu Wulff. Alleine kann Barclays die Sätze nicht beeinflusst haben. Weltweit laufen daher Ermittlungen gegen mehr als ein Dutzend Banken, darunter die Deutsche Bank und die UBS. Die deutsche Aufsicht überprüfe derzeit „mehrere Institute“, hieß es.

Anzeige

Was den Libor so wichtig macht

  • Für wen gilt der Libor?

    Grundsätzlich gilt der Libor für alle Kreditnehmer aus den folgenden Währungsräumen:

    - Australischer Dollar
    - Kanadischer Dollar
    - Neuseeland-Dollar
    - US-Dollar
    - Schweizer Franken
    - Dänische Krone
    - Schwedische Krone
    - Euro
    - Pfund Sterling
    - Yen

  • Was legt der Libor fest?

    Der Libor ist ein Angebotszins, also der Satz, zu dem Banken Geld verleihen können. Grundsätzlich gilt der Libor nur für Kredite mit einer Laufzeit von einem Tag bis zu zwölf Monaten. Das heißt, er betrifft Optionen, Derivate und Termingeschäfte, aber auch den Kredit fürs neue Auto oder die Eigentumswohnung.

  • Wer bestimmt den Libor?

    Grundsätzlich legt die British Banker's Association (BBA) den Libor (London Interbank Offered Rate) jeden Tag aufs Neue fest. Die BBA saugt sich den Satz allerdings nicht einfach so aus den Fingern, sondern ermittelt einen Durchschnittssatz aus den Angaben verschiedener Banken. 19 Institute melden der BBA täglich, zu welchem Zinssatz sie sich untereinander Geld leihen.

  • Welche Banken stehen jetzt in der Kritik?

    Grundsätzlich gibt es derzeit einen Verdacht gegen alle 19 Banken, die ihre Zinssätze der BBA mitteilen. Barclays hat die Manipulationen bereits zugegeben, ermittelt wird des Weiteren gegen die Royal Bank of Scotland, die Deutsche Bank, die HSBC, die UBS, Citigroup und Lloyds.

Libor und Euribor kommen so zustande: Die wichtigsten Banken melden, zu welchen Zinsen sie sich untereinander Geld leihen würden (siehe Grafik). Der Finanzdatendienst Thomson Reuters berechnet daraus einen Durchschnittszins, und dieser, eben Libor oder Euribor, ist dann verpflichtend für Geldgeschäfte im Volumen von grob geschätzt über 400 Billionen Euro. Darunter sind komplizierte Swap-Deals zwischen Banken genauso wie Derivate, Hypotheken, kurzfristige Zinsanlagen, Studentenkredite, die Gewinnbeteiligung von Fondsmanagern und vieles mehr.

Der Euribor ist der Einkaufspreis, den Banken für Kredite mit kurzer Laufzeit bei anderen Banken zahlen. Viele Kredite mit variablen Zinssätzen in Deutschland hängen am Euribor. Oft wird zum Beispiel vereinbart, dass der Kunde den Euribor plus drei Prozentpunkte bezahlt. Umgekehrt steigen und fallen auch Sparzinsen mit dem Satz. Für Drei-Monats-Gelder liegt der Euribor aktuell bei 0,64 Prozent, der Libor bei 0,55 Prozent.

Wie die Zinsen für Ausleihungen unter Banken berechnet werden und wie falsche Angaben die Verbraucher treffen Quelle: eigene Recherche, British Bankers’ Association, European Banking Federation

Wie die Zinsen für Ausleihungen unter Banken berechnet werden und wie falsche Angaben die Verbraucher treffen (Klicken Sie für eine detaillierte Ansicht bitte auf die Grafik)

Bild: eigene Recherche, British Bankers’ Association, European Banking Federation

Warum Banken manipuliert haben, gab Ex-Barclays-Chef Diamond offen zu: Seine Bank habe im Oktober 2008 geringere Zinsen gemeldet, weil andere noch niedrigere angegeben hätten. Er habe gefürchtet, dass ein höherer Satz von der Regierung als Eingeständnis einer Notlage hätte ausgelegt werden können. „Sie könnten sagen: ,Mein Gott, die können kein Geld aufbringen. Wir müssen sie verstaatlichen‘.“ Angeblich habe die Bank of England das geduldet. Es dürfte aber nicht nur ums Image gegangen sein, sondern vor allem auch ums Geldverdienen. Niedrige Sätze sind gut für Banken. Denn die Geldhäuser sind auch selber Kreditnehmer. Leihen sie sich Geld und koppeln den Zins an den Libor, können sie sich billiger verschulden.

Zu wenig Zins für Sparer

Weitere Links zum Thema

Wer gewonnen und verloren hat, wird nun weltweit berechnet. Vermutlich haben Kreditnehmer profitiert und Sparer zu wenig verdient. Fällt der Euribor, zieht er Sparzinsen mit nach unten. Kreditnehmer, die den Zins an Libor oder Euribor gekoppelt haben, profitieren von fallenden Raten. Fondsanleger sind betroffen, wenn der Fonds seine Gebühr an die Differenz aus Fondsperformance und Libor oder Euribor koppelt. Bei einem zu niedrigen Referenzzins hätten Anleger zu viel Gebühr bezahlt. „Wir prüfen zurzeit, ob und inwieweit mit Auswirkungen durch die Libor-Manipulation zu rechnen ist“, heißt es bei der Sparkassen-Fondsgesellschaft Deka. Ihre Produkte basierten zwar überwiegend auf Euribor-Sätzen. Nun wird aber auch da ermittelt. Nach einer Auswertung der Morningstar-Fondsdatenbank orientieren sich in Deutschland mehr als 300 Fonds in Anlagestrategie oder Gebühren am Euribor. Anwälte bringen sich in Stellung: „Stellt sich raus, dass Kunden aufgrund der Manipulation zu geringe Zinsen bekommen haben, können sie eventuell einen Schadensersatzanspruch verfolgen“, sagt Anwalt Peter Gundermann von der Kanzlei Tilp. Dass ein Schaden entstanden ist, scheint sicher. Auf die Banken kommt noch einiges zu.

Anzeige
Unternehmer stellen sich vor
Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%