Ben van Berkel im Interview: „Gesunder Sadomasochismus“

Ben van Berkel im Interview: „Gesunder Sadomasochismus“

Bild vergrößern

Ben van Berkel

Der Architekt und Designer Ben van Berkel über die Fähigkeit niederländischer Designer, die Welt auf den Kopf zu stellen.

WirtschaftsWoche: Herr van Berkel, wann haben Sie zuletzt das Produkt eines niederländischen Designers gekauft?

van Berkel: Erst vor Kurzem – einen Tisch von Piet Hein Eek. Ein wunderbares Stück.

Anzeige

Warum?

Der Tisch hat eine klare, schlichte Form und ist handwerklich perfekt gebaut. Das Material hat eine wunderbare Patina, weil Piet ausschließlich altes Holz verarbeitet. In seiner Werkstatt wird aus Holz, das er aus Abbruchhäusern holt, aus alten Türen, Fenstern oder Schränken ein neues, außergewöhnliches Möbelstück – Stühle, Schränke, Betten, Gartenhäuser. Oder eben mein Tisch. Der ist aber nicht das einzige Stück eines Kollegen aus meiner Heimat. Ich kaufe ständig Möbel niederländischer Designer, meine Wohnung ist voll davon. Lauter ganz besondere Entwürfe.

Was macht die Entwürfe niederländischer Designer so besonders?

Sie sind meist nicht so dogmatisch, sehr offen für Neues. Niederländische Designer lassen sich nicht so leicht festlegen, sind bereit, zu experimentieren, Althergebrachtes über den Haufen zu werfen.

Woher kommt diese Bereitschaft?

Das ist eine Art gesunder Sadomasochismus.

Wie meinen Sie das?

Wir leben in einem sehr kleinen Land, auf engem Raum. Wir sind es seit Jahrhunderten gewöhnt, dem Meer unser Land abzutrotzen. Und wir haben keine Berge. Also müssen wir diese Berge, unsere Landschaft und damit unser Leben selbst erfinden – durch Ideen aus dem Nichts.

Wer treibt diese Ideen voran?

Eine kleine Gruppe sehr aktiver Leute wie die Trendforscherin Li Edelkoort, die als Direktorin der Design Academy Eindhoven ihre Studenten zu experimentellem, ungewöhnlichem Denken ermuntert. Frei von ideologischem oder historischem Ballast, mit völlig offenem Ergebnis. An dieser Akademie lernt man nicht nur, ein perfektes Produkt zu entwickeln. Es geht vor allem darum, den eigenen kreativen Horizont zu erweitern – selbst wenn das eigentliche Ergebnis auf den ersten Blick etwas unpraktisch erscheint. Aber gerade daraus entwickelt sich dann – oft in einem nächsten Schritt – etwas genuin Neues.

Diese Herangehensweise werden Designer aus Deutschland, Großbritannien oder Italien auch für sich in Anspruch nehmen.

Aber die geistige Haltung, die Kultur unseres Landes scheinen mir anders zu sein, besonders.

Als Niederländer müssen Sie das sagen...

Ich vergleiche uns gern mit den Japanern. Auch wenn es von außen so aussehen mag, als seien wir immer locker drauf: Wir arbeiten in der Regel sehr hart und sind sehr wettbewerbsorientiert. Gleichzeitig lieben wir es, mit Ideen zu spielen, Konventionen zu hinterfragen, die Welt, in der wir leben, auf den Kopf zu stellen.

Glauben Sie, dass eine national geprägte Designsprache in einer globalisierten Welt des uniformierten Geschmacks eine Zukunft hat?

Hier geht es doch nicht um nationale Borniertheit. Natürlich haben sich all die niederländischen Designer im Ausland inspirieren lassen, anfangs oft mithilfe staatlicher Stipendien oder unterstützt durch die niederländischen Kulturattachés vor Ort. Sie waren in London, New York, Frankfurt, Brasilien, Paris, haben für internationale Kunden gearbeitet. Aber jetzt leben die meisten von ihnen wieder in Amsterdam oder haben ein Studio hier.

Warum?

Diese Stadt ist heute das, was Paris vor 100 Jahren war. Eine tolle, zentrale Basis für ungewöhnliche Ideen und internationale Geschäfte. Auch, weil die Designer sich professionalisiert haben. Anstatt brav auf den Anruf eines Auftraggebers zu warten, haben sie eine unternehmerische Haltung entwickelt. Design-Kooperativen wie Moooi oder Droog Design laden Künstler zum Ideenaustausch ein, entwickeln Prototypen und suchen sich dann Hersteller, mit denen sie ihre Ideen umsetzen können. Das ist die Zukunft des Designs.

Auch Sie arbeiten immer wieder als Designer. Sind Sie als Architekt nicht ausgelastet?

Dieses gegenseitige Befruchten zwischen Architektur und Design gibt es seit der Renaissance. Außerdem habe ich meine Karriere als Grafikdesigner begonnen, hier liegen meine Wurzeln, und ich liebe es noch immer, Objekte zu entwerfen. Es fasziniert mich, mit all diesen unterschiedlichen Materialien zu experimentieren. Das ist wie eine Fingerübung im Dienste der Architektur, die ich, im Übrigen, gar nicht so wichtig finde.

Wie bitte?

Ja. Architektur findet doch im Hintergrund statt. Viel wichtiger fürs tägliche Leben sind die Dinge, die uns unmittelbar umgeben und die wir täglich berühren. Nur durch gutes Design wird eine architektonische Hülle überhaupt erst lebenswert.

Anzeige
Unternehmer stellen sich vor
Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%