Biennale: Liam Gillick über die Nähe zwischen Künstlern und Lumpensammlern

Biennale: Liam Gillick über die Nähe zwischen Künstlern und Lumpensammlern

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Liam Gillick: der Brite gestaltet den deutschen Pavillion auf der Biennale in Venedig

Der britische Künstler Liam Gillick über seine Pläne für den Deutschen Pavillon in Venedig und die Nähe zwischen Künstlern und Lumpensammlern.

WirtschaftsWoche: Mr Gillick, in Kürze beginnt die Biennale. Sie sind beauftragt, den Deutschen Pavillon zu gestalten. Was werden wir sehen?

Gillick: Das werde ich noch nicht verraten. Lassen Sie mich lieber eine kleine Geschichte erzählen: Vor ein paar Jahren hatte ich eine Ausstellung in Paris. Die Galerie bat mich, einen Mann in einer Bar zu treffen, er wolle mir eine Frage stellen. Ich ging hin, hatte aber keine Ahnung, was mich erwartete. Als ich an der Theke Platz nahm, kam er auf mich zu und fragte: Ist es in Ordnung, Ihre Arbeit zu mögen? Eine grandiose Frage.

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Warum? Und vor allem: Was hat das mit Ihrer Arbeit für die Biennale zu tun?Viel. Denn auch mir geht es als Künstler generell darum, Fragen zu stellen.Welche?Etwa die nach der Kontrolle der unmittelbaren Vergangenheit und der kurz vor uns liegenden Zukunft. Wie wir wissen können, wie wir uns verhalten sollen. Oder bis zu welchem Grad künstlerische Arbeit ihre Autonomie bewahren kann.

Und? Konnten Sie frei entscheiden, mit welchen Fragen Sie sich dem Pavillon in Venedig annähern?Natürlich. Aber die Situation dort ist nicht einfach. In den letzten Jahren stand ja vor allem die durch die Nazis belastete Historie des Pavillons immer wieder im Zentrum der Auseinandersetzung. Ich muss mich nun entscheiden: Ist das auch mein Thema? Oder lasse ich das Gebäude einfach in Ruhe? Ein Spiel mit dem Feuer.

Werden Sie das Feuer löschen? Oder neues Öl reingießen?Ich denke, ich muss niemandem noch einmal vor Augen führen, was er sowieso schon weiß. Und ich bin auch kein Produkt deutscher Nachkriegs-Selbsterkenntnis. Ich leide nicht unter dieser coolen Agonie, die in den Arbeiten von Joseph Beuys oder Gerhard Richter zum Ausdruck kam. Oder der Wut eines Hans Haacke, die sich alle vor mir schon auf diesem Terrain ausprobieren durften.

Aber Sie können auch nicht einfach so tun, als wären Ihnen all diese Arbeiten nicht bekannt.

Schon richtig. Dennoch würde ja fast wie eine Parodie anmuten, wenn ich mich mit einem ähnlichen Ansatz in diese Tradition einreihen würde. Ich komme ja aus einer ganz anderen Zeit. Ich habe zu einem Zeitpunkt angefangen als Künstler zu arbeiten, als die Berliner Mauer fiel. Ich habe ein knappes Jahr in Berlin gelebt, komme seit 20 Jahren immer wieder nach Deutschland zurück. Ich mag das Land wegen seiner kulturellen Vielfalt und fühle mich als Europäer.

Was glauben Sie, waren die Gründe, warum man Sie gewählt hat?Bestimmt nicht, weil ich ein besonders guter oder interessanter Künstler bin.

Sondern?

Weil Kurator Nicolaus Schafhausen – wir kennen uns schon lange – mich provozieren, meine Reaktion testen wollte. Ich habe sofort zugesagt.

Warum haben Sie sich auf diese Provokation eingelassen?

Bestimmt nicht, weil ich den Anspruch habe, Deutschland zu repräsentieren. Damit wäre ich völlig überfordert.

Der britsche Pavillon ist das perfekte Beispiel für Kolonial-Architektur

Würden Sie lieber den Pavillon Ihrer britischen Heimat bespielen?

Nein. Das würde mich überhaupt nicht interessieren.

Warum nicht?Weil man ausgewählt würde als Brite, gewissermaßen als Belohnung für eine künstlerische Leistung. Solche Kategorien interessieren mich aber nicht. Ganz abgesehen davon ist der britsche Pavillon das perfekte Beispiel für Kolonial-Architektur. Also ist auch er im übertragenen Sinne vom Blut der Geschichte getränkt. Es ist nur anderes Blut als bei Deutschland. Vor allem aber halte ich diese Idee der länderspezifischen Repräsentation von Kunst für längst überholt – der Pavillon ist ja das Schaufenster einer Nation. Ich will herausfinden: Wie reagiert Liam Gillick auf den Deutschen Pavillon in Venedig?

Wie haben Sie reagiert, als Sie erfahren haben, dass die Wahl auf Sie fällt?

Mein erster Gedanke war: Wenn dieses Gebäude von allen so verteufelt wird – warum steht es dann überhaupt noch da? Hat darüber überhaupt schon mal jemand nachgedacht? 

Und?Es gab, ausgerechnet 1964, dem Jahr meiner Geburt, Pläne, einen neuen Pavillon zu bauen. Die wurden aber wieder verworfen. Stattdessen wurde er nur renoviert. 

Dann reißen Sie ihn doch ab.Ich habe tatsächlich darüber nachgedacht, das vorzuschlagen. Haben Sie Angst vor der eigenen Courage bekommen?Nein. Aber es wäre ganz einfach unhöflich gegenüber meinen Gastgebern. Und eine viel zu einfache Antwort auf die Frage, wie Ideologie, Architektur und nationaler Identifikation zusammenspielen. Aber ein architektonischer Eingriff wäre durchaus denkbar.

Wie könnte der aussehen?

Mir sind vor allem zwei Dinge aufgefallen: Zum einen, wie wenig Platz in diesem Gebäude eigentlich ist. Die Decken sind abgehängt, die Räume eigentlich viel höher. 

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