Andere sehen es pragmatischer. „Für mich ist das Web-Log eine Gedächtnisstütze. Dann weiß ich noch nach Monaten, wie ich damals drauf war“, sagt Nico. Der 30-jährige IT-Leiter klebt nicht nur Fotos seiner Freundin und seiner Katzen Trine und Karlchen ins Netz („Lange habe ich es herausgezögert, aber ab jetzt werde auch ich die Internetwelt mit Fotos von Katzen erfreuen“), sondern wettert auch über Bushs Kriegskurs oder lobt den Dönertürken, den er donnerstags besucht. Gemessen am Bloggerboom in den USA bilden die Internetchronologen hier zu Lande noch eine kleine Gemeinde. Allein das im Februar von der Suchmaschine Google übernommene kalifornische Softwarehaus Pyra Labs hat mittlerweile eine knappe Million Kunden. Die deutschsprachigen Anbieter vergleichbarer Dienste bringen es bestenfalls auf einige tausend sendungsbewusste Web-Berichterstatter. Immerhin: Die Zahl der deutschsprachigen Onlinetagebücher wächst so schnell wie der Wunsch vieler, ihre Gedanken endlich hinauszuposaunen. Täglich kommen beim Web-Log-Gastgeber www.20six.de etwa 50 dazu. Auch Wettbewerber Michael Schuster, Projektleiter bei dem österreichichen Konkurrenten Twoday.net, setzt statt auf Werbekampagnen auf Blog-Propaganda und verzeichnet dennoch nach eigenen Angaben zwei Monate nach dem Start der Plattform gut 450 aktive Schreiber und rund 1500 registrierte Diskutanten der Onlinetagebücher. Zensur ist in den Tagebüchern nicht nötig, auch wenn die Betreiber die Sites auf pornografische und kriminelle Inhalte hin scannen. „Wer sein Web-Log öffentlich führt, stellt sich damit auch der Kritik der Community“, sagt TwoDay-Manager Michael Schuster.
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