BMW-Chef Reithofer: "Premium wird über Nachhaltigkeit definiert"

InterviewBMW-Chef Reithofer: "Premium wird über Nachhaltigkeit definiert"

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Norbert Reithofer, Vorstandschef von BMW

von Franz W. Rother und Martin Seiwert

BMW-Vorstandschef Norbert Reithofer über die Abkehr von der reinen Sportlichkeit, angeschlagene Lieferanten, eine mögliche Pkw-Maut und die Notwendigkeit, elektrisch zu fahren.

Herr Reithofer, Sie werden in gut einem Monat das schwierigste Jahr Ihrer Amtszeit abschließen. Jetzt fürchtet Ihr Kollege, Volkswagen-Chef Martin Winterkorn, 2010 werde für die Autohersteller möglicherweise noch schlimmer. Gilt das auch für BMW?

Davon gehe ich nicht aus. Anders als bei den Massenherstellern war die Hilfe, die die BMW Group über die Abwrackprämie bekommen hat, sehr, sehr eingeschränkt. So haben wir vergleichsweise wenige zusätzliche Mini-Fahrzeuge und BMW-1er verkauft. Deshalb sind wir als Premiumhersteller im kommenden Jahr vom Auslaufen der Abwrackprämie auch deutlich weniger betroffen.

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Was verstehen Sie unter „deutlich weniger betroffen“? Ein kleineres Minus?

Das Premiumsegment wird 2010 aller Voraussicht nach wieder wachsen. Wir werden zudem auch von unseren neuen Modellen profitieren. BMW hat derzeit im Vergleich zu den direkten Wettbewerbern die durchschnittlich älteste Modellpalette. Das ändert sich nun sukzessive. Wir hatten gerade den Verkaufsstart für unseren sportlichen Geländewagen BMW X1 sowie den 5er-Gran-Turismo und werden im kommenden Jahr unter anderem mit den Neuauflagen der 5er-Limousine und des Touring auf den Markt kommen. Insgesamt wird die BMW Group zwischen 2010 und 2012 ungefähr die Hälfte ihres Produktportfolios erneuern.

Wie wird sich das im Absatz im kommenden Jahr niederschlagen?

Wir werden auch 2010 der weltweit führende Premiumhersteller bleiben. Absolute Zahlen kann ich Ihnen aber noch keine nennen, dafür müssen wir erst die weitere konjunkturelle Entwicklung abwarten. Ich rechne 2010 mit einer allmählichen wirtschaftlichen Erholung.

Die haben Sie auch bitter nötig: BMW ist im dritten Quartal dieses Jahres nur knapp an einem Verlust vorbeigeschrammt – und das nur dank guter Ergebnisse der Finanzsparte.

Ich denke, dass wir uns in diesem Geschäftsjahr deutlich besser geschlagen haben, als dies viele Experten zu Jahresbeginn von uns erwartet haben. Wie die gesamte Branche haben natürlich auch wir im Moment mit der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise sowie der hohen Wettbewerbsintensität zu kämpfen. Angesichts der schwierigen Rahmenbedingungen können wir aus meiner Sicht insgesamt ganz zufrieden sein. Es kam ja alles zusammen: Erst brachen damals unsere wichtigen Absatzmärkte in den USA und Großbritannien ein. Darüber hinaus haben wir in Deutschland nicht von der Abwrackprämie profitiert. Das müssen Sie erst einmal auffangen.

Von Ihren drei Hauptmärkten haben zwei, nämlich Großbritannien und die USA, etwas gemeinsam: die Schwäche der Landeswährung. Wie schlägt sich das bei den Erträgen nieder?

Insgesamt rechnen wir im laufenden Geschäftsjahr mit Währungsbelastungen im dreistelligen Millionen-Euro-Bereich, die jedoch unter dem Niveau des Vorjahres liegen werden. Wir sind in den Hauptwährungen für das Jahr 2009 nahezu vollständig gesichert. Trotzdem spüren wir natürlich das schwache Pfund. Zu schaffen machen uns momentan aber »» auch Währungen wie der Rubel, zumal hier die Sicherungsmöglichkeiten beschränkt sind.

BMW war bekannt dafür, Währungsrisiken immer nur sehr kurzfristig abzusichern. Das kostete zeitweise Hunderte von Millionen Euro. Agieren Sie jetzt längerfristig?

Wir haben immer auch längerfristige Sicherungen vorgenommen. Aktuell haben wir bereits für das Jahr 2010 umfangreiche Basissicherungen in den Hauptwährungen getätigt und waren auch für 2011 schon aktiv.

Ende vergangenen Jahres hat BMW für eine Anleihe acht Prozent Zinsen bezahlt. Fällt es Ihnen inzwischen schwer, an Geld zu kommen?

Wir hatten bei der Kapitalbeschaffung zu keiner Zeit ein Problem. Mit unserem weiterhin sehr guten Rating und unserer breit diversifizierten Refinanzierungsstrategie können wir uns jederzeit Kapital zu günstigen Konditionen beschaffen. Zum Zeitpunkt der Begebung der von Ihnen genannten Anleihe war die Lage an den Kapitalmärkten jedoch insgesamt sehr schwierig. Aufgrund unserer hohen Akzeptanz im Kapitalmarkt konnten wir aber auch in dieser Ausnahmesituation eine Transaktion vornehmen.

BMW leidet wie viele Konkurrenten an Überkapazitäten. Was tun Sie dagegen?

Eines vorweg: Ich bin fest davon überzeugt, dass der Markt für Premiumfahrzeuge auch langfristig weiter wachsen wird. Ende 2007 und damit vor der aktuellen Wirtschaftskrise war aber schon klar, dass die BMW Group einen Personalanpassungsbedarf hat. Heute zeigt sich, wie wichtig es war, unter anderem im Rahmen eines freiwilligen Abfindungsprogrammes bereits Anfang 2008 Stellen zu streichen. Insgesamt sparen wir damit 500 Millionen Euro pro Jahr ein.

Wird das reichen?

Durch eine vorausschauende Personalpolitik können wir auch in der Krise außerordentliche Maßnahmen vermeiden. Wir werden aber auch 2010 weiter auf natürliche Fluktuation, Altersteilzeit und freiwillige Aufhebungsverträge setzen.

VW-Chef Winterkorn hat gefordert, die maximale Kurzarbeit zu verlängern.

Ich bin der Meinung, dass eine weitere Verlängerung sinnvoll sein kann, insbesondere für unsere Zulieferindustrie. Inwieweit wir als BMW Group 2010 punktuell von dem Werkzeug Kurzarbeit Gebrauch machen werden, steht noch nicht fest.

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